• vom 06.06.2017, 21:31 Uhr

Stadt & Land

Update: 04.07.2017, 18:12 Uhr

Verdichteter Flachbau

Unserer Zeit voraus




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Von Reinhard Seiß

  • Vor 50 Jahren bezogen die ersten Bewohner die Gartenstadt Puchenau. Seither wüssten wir, dass ein zufriedenes Leben auch abseits des freistehenden Einfamilienhauses möglich ist.





Österreich ist Spitze! Bezüglich Wohnfläche, Bodenverbrauch, Pkw-Bestand oder auch Straßenkilometer pro Kopf lässt die Alpenrepublik die meisten anderen Staaten klar hinter sich. Maßgebliche Triebfeder unserer alles andere als nachhaltigen Siedlungsentwicklung ist die Fixierung der Bürger, aber auch von Politik, Bauwirtschaft oder Bausparkassen auf das freistehende Einfamilienhaus.

Hermann Maier lebt in der Fernsehwerbung nicht etwa im Penthouse mit Dachterrasse oder im topsanierten Altbau, sondern im neu errichteten Eigenheim mit großem Garten. Dabei ist diese Wohnform, die vielen als "traditionell" gilt, eine relativ neue: Erst nach dem Krieg entstanden die ersten nennenswerten Einfamilienhaussiedlungen. 1954 wurde die bis dahin dem Wiederaufbau der Städte gewidmete Wohnbauförderung auf die Errichtung von Eigenheimen ausgedehnt.


Zum Massenphänomen konnte das Häuschen im Grünen aber erst durch die allgemeine Motorisierung ab den 1960er Jahren werden, die die Erschließung der weitläufigen Siedlungen abseits der gewachsenen Zentren ermöglichte. Dabei regte sich bereits damals Kritik an den öffentlichen Kosten und den ökologischen Folgen. Ja, es gab seit Beginn der Verhüttelung und Zersiedlung Österreichs sogar schon alternative Modelle dazu.



Pionierhafte Arbeit leistete der 1910 in Klagenfurt geborene Architekt Roland Rainer. Nach Errichtung mehrerer experimenteller Siedlungen im verdichteten Flachbau in Ostösterreich erhielt der Hochschulprofessor und oberste Stadtplaner Wiens 1962 in Puchenau bei Linz die Gelegenheit, auf einem 27 Hektar großen Areal erstmals sein Konzept einer Gartenstadt zu demonstrieren. International beachtet, verwirklichte er hier alle ihm wichtigen Kriterien eines umwelt- und menschengerechten Wohnens: boden- und energiesparender Städtebau, leistbares, weil vorfabriziertes Bauen sowie ein Wohnen mit der Natur und frei von Autos.

Geringer Flächenverbrauch,
hohe Zufriedenheit

Nach zwei Jahren Bauzeit konnten 1967 die ersten der 245 Wohneinheiten in der (klassisch modern gestalteten) Gartenstadt I bezogen werden. Dreigeschoßige Mietwohnbauten schirmen seither mit ihren Nebenräumen die Siedlung gen Norden vor dem Lärm der Bahn und der parallel verlaufenden Bundesstraße ab. Südseitig, mit Blick auf die nahe Donau, verfügen sie über großzügige Terrassen, Loggien und Balkone sowie gemeinschaftliche Grünflächen. Daran anschließend folgen auf Parzellen von 105 bis 270 Quadratmetern zweigeschoßige Reihenhäuser und, ihnen vorgelagert, ebenfalls aneinandergebaute eingeschoßige Bungalows - alle ganz schlicht und weiß, mit Flachdächern und kleinen Gärten.

Offenbar reichen Freiräume zwischen 50 und 150 Quadratmetern völlig aus, damit Menschen ihren Grün- und Erholungsbedarf stillen sowie ihren Gestaltungswillen ausleben können: Von der wildromantischen Blumenwiese mit Biotop und Hängematte über den Nutzgarten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten bis hin zur japanischen Gartenkunst findet sich in Puchenau heute so ziemlich alles - selbst das Modell Zierrasen mit Thujen und Swimming Pool ist hier vertreten. Auch die Erschließung der Gartenstadt I beschränkt sich auf geringstmöglichen Flächenverbrauch, zumal sie ausschließlich durch schmale, jedoch beidseitig begrünte Fußwege erfolgt. Die Autos sind in Sammelgaragen am Rand der Siedlung untergebracht. Damit die Bewohner dennoch wettergeschützt zu ihren Häusern gelangen, hat Rainer einen Teil des Wegenetzes mit Flugdächern ausgestattet.

Charakteristisch für die ebenerdigen Häuser ist ihre konsequente Ausrichtung auf die innen liegenden Gartenhöfe. Um trotz der dichten Bebauung ein Höchstmaß an Ruhe und Privatheit zu gewährleisten, sah der Architekt an den außen liegenden Fassaden so gut wie keine Fenster vor - und schützte die Gärten, so sie nicht ohnehin vollständig von Hausmauern umgeben waren, durch 1,80 Meter hohe Gartenmauern vor störenden Einblicken und Lärm. Im Inneren dagegen herrscht weitestgehende Offenheit: Alle Räume sind mit großen Fenstern zum Grün hin orientiert und erhalten Sonnenlicht aus Süden und zum Teil auch aus Osten und Westen. Rainer betrachtete den Garten als Erweiterung der Wohnung und sorgte mit seiner Architektur für einen fließenden Übergang zwischen Innen- und privatem Außenraum.

Heftige Kritik aus
der Umgebung

So zufrieden die Bewohner der Gartenstadt waren und sind - die Bevölkerung der Umgebung kam anfangs nur schwer damit zurecht. Im Oberösterreich der 60er Jahre bedeuteten scheinbar fensterlose Häuser ohne Satteldach, umfriedet von mannshohen Mauern aus Sichtbeton, geradezu einen Kulturschock. Zumal die Siedlung in den ersten Jahren auch noch nicht von üppigem Grün eingewachsen war, trug Puchenau I bald den drastischen Beinamen "Rainer-KZ". Bezeichnend für diese Meinungsbildung ist, dass sie wie so oft ohne Kenntnis des Urteils der Nutzer erfolgte.

Der tatsächliche Erfolg des Modells zeigte sich auch an der weiteren Nachfrage nach Wohnungen in Puchenau. Von 1978 bis 2000 entstand in mehreren Etappen der zweite Bauabschnitt mit insgesamt 750 Wohnungen, wobei Rainer stets bemüht war, aus Gesprächen mit den Bewohnern positive wie negative Erfahrungswerte zu gewinnen und für die Neuplanung zu nutzen. So kennzeichnen die Gartenstadt II eine weniger lineare Wegeführung und großzügigere öffentliche Räume. Neben kleineren Plätzen und Grünflächen gibt es hier auch einen großen Park in der Mitte sowie eine zentrale Promenade, die durch die gesamte Siedlung mäandriert. Sie dient nicht nur Einsatzfahrzeugen und der Müllabfuhr, sondern wird auch für gemeinsame Straßenfeste, zum Radfahren oder Spielen genutzt: Wie in der gesamten Gartenstadt können sich die Kinder gefahrlos und unbeaufsichtigt bewegen.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-06 17:20:12
Letzte ─nderung am 2017-07-04 18:12:19



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