• vom 26.07.2017, 07:00 Uhr

Stadt & Land

Update: 26.07.2017, 07:53 Uhr

Ländlicher Raum

Warum Großstädte auch im digitalen Zeitalter dominieren




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Von Matthias Firgo

  • Schnelles Breitband-Internet alleine ist für den ländlichen Raum viel zu wenig.



Die fortschreitende Digitalisierung leistet in hochentwickelten Ländern wie Österreich wichtige Beiträge zum Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum. Dies zeigt eine Vielzahl an internationalen Studien. Zu sehen ist bisher auch ein positiver Netto-Effekt des digitalen Wandels auf die Beschäftigung: Zwar ersetzen digitale Technologien meist menschliche Arbeit, allerdings sind in der Vergangenheit gerade die stark digitalisierten Branchen schneller gewachsen als die Wirtschaft insgesamt. Die so entstandenen Arbeitsplätze überwogen bisher in Österreich den arbeitssparenden Effekt der Digitalisierung. Ebenfalls bekannt ist, dass dabei nicht alle Bevölkerungsgruppen profitieren: So steigt das Risiko der Beschäftigungslosigkeit für Geringqualifizierte deutlich, während sich die Nachfrage nach gut qualifizierten Arbeitskräften erhöht.

Weniger offensichtlich ist, wie sich Digitalisierung auf Stadt und Land auswirkt, wobei "Stadt" primär Großstädte und Ballungszentren und "Land" tatsächlich ländliche Regionen, nicht das ländlich-suburbane Umland größerer Städte meint. Digitalisierung führt dazu, dass räumliche Distanz eine immer geringere Rolle spielt. Angebot und Nachfrage sind nicht länger räumlich aneinander gebunden, immer mehr Leistungen können ortsungebunden erbracht und konsumiert werden. Gewinnt der ländliche Raum durch seinen oft höheren Freizeit- und Erholungswert und günstigere Immobilien im Vergleich zu Städten an Bedeutung? Werden Städte gar obsolet?

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Wohl kaum. Ganz im Gegenteil zeigen wissenschaftliche Studien, dass Städte trotz der vermeintlichen Bedeutungslosigkeit von Raum und Distanz im Zeitalter digitaler Kommunikation künftig weiter stark an Bedeutung gewinnen werden: Produkte werden komplexer und weniger standardisiert. Sie werden vermehrt kundenspezifisch erstellt, die Grenzen zwischen Produkt und Service verschwimmen. Das betrifft Hightech-Maschinen ebenso wie maßgeschneiderte IT-Lösungen oder Consulting-Tätigkeiten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Routinetätigkeiten werden zunehmend automatisiert, komplexe Nicht-Routinetätigkeiten gewinnen für menschliche Arbeit dagegen an Bedeutung. Bei diesen müssen Menschen weiterhin regelmäßig "Face-to-Face" zusammenarbeiten, um zu effizienten und innovativen Lösungen zu kommen. Dies betrifft etwa Brainstormings mit Flipcharts und Stiften ebenso wie interne oder externe Besprechungen und Verhandlungen im Laufe eines Projekts. Je komplexer die Arbeit wird, umso mehr gut qualifizierte Arbeitskräfte braucht es vor Ort. Und zwar sowohl im eigenen als auch in den vor- und nachgelagerten Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette.

Die einfachere Face-to-Face-Kommunikation durch die räumliche Nähe zwischen den unterschiedlichen Akteuren sowie eine bessere Ausstattung mit Infrastruktur, "Humankapital" und technologieorientierten Unternehmen, sprechen auch künftig für klare Standortvorteile der großen Ballungsräume. Nicht zufällig sind auch im Silicon Valley die erfolgreichsten und wichtigsten Akteure des digitalen Wandels gebündelt in ein und derselben Metropolregion ansässig und nicht zerstreut an den attraktivsten Urlaubsdestinationen der Erde.

Ineffiziente Ansiedlungspolitik
Wenig zielführend erscheinen daher Versuche, in ländlichen Regionen "mit Gewalt" und allzu offensiver Ansiedelungspolitik wissensintensive, digitalisierte Branchen zu züchten, wenn vor Ort die strukturelle Basis für diese Branchen fehlt. Die Standortnachteile gegenüber Ballungszentren wiegen dabei zu stark, öffentliche Subventionen für solche Versuche sind daher ineffizient. Vielmehr muss es Aufgabe der Standortpolitik sein, das Wachstum solcher Branchen in den Ballungszentren zu fördern und deren internationale Wettbewerbsfähigkeit langfristig abzusichern.

Was kann unternommen werden, damit der ländliche Raum im Zuge des digitalen Wandels nicht weiter hinter die Zentralräume zurückfällt? Schließlich kamen viele Dienstleistungsbranchen in ländlichen Gebieten durch die vermehrte digitale Nutzung bereits stark unter Druck. Dies betrifft vor allem den Handel, aber auch Hausbanken, Versicherungen oder Kinos.

Wenngleich das digitale Zeitalter diesen strukturellen Wandel weiter vorantreiben wird, belegt eine Reihe von Studien, dass der Ausbau von schnellem Breitband-Internet trotz solcher Effekte gerade am Land positive wirtschaftliche Effekte erzielen kann. Das gilt sowohl für bestehende Unternehmen als auch für Gründungen. Eine stabile und schnelle Breitbandverbindung für Videokonferenzen und den Transfer großer Datenmengen erscheint jedenfalls eine Voraussetzung dafür.

Wichtig dabei ist jedoch, dass eine gute digitale Anbindung eben nur eine notwendige, aber noch lange keine hinreichende Bedingung für eine positive Wirtschaftsentwicklung darstellt. Nicht die bloße Verfügbarkeit, sondern die erfolgreiche Nutzung der digitalen Infrastruktur ist das entscheidende Kriterium. Eine innovative und kreative Basis vor Ort ist nötig, um das Potenzial der Digitalisierung auch ausnützen zu können.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-25 16:57:13
Letzte nderung am 2017-07-26 07:53:44



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