• vom 22.08.2017, 16:27 Uhr

Stadt & Land

Update: 23.08.2017, 12:00 Uhr

Tourismus

Dauergäste unerwünscht




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Von Matthias Nagl

  • In Tourismusregionen hebt ein Boom bei Ferienwohnungen die Wohnungspreise. Die Länder wollen dagegen ankämpfen. Viel mehr als eine Entschädigung der Gemeinden gelingt bisher aber nicht.

Der Traum vom Haus am See: Viele Dauergäste machen ihre Ferienwohnung gleich zum Zweitwohnsitz. - © Fotolia/David Brown

Der Traum vom Haus am See: Viele Dauergäste machen ihre Ferienwohnung gleich zum Zweitwohnsitz. © Fotolia/David Brown

Nußdorf/Attersee. So wie sich Gastgeber ihre Partygäste aussuchen können, können Tourismusorte nicht bestimmen, wer zu Gast kommt. Bis zu einem gewissen Grad kann man es aber immerhin steuern. Doch so wie es auf Partys manchmal Gäste gibt, die man eigentlich nicht dabei haben wollte und die dann erst recht nicht nach Hause gehen, gibt es jedenfalls auch im Tourismus Besucher, die viele Orte lieber schnell wieder loswerden.

Angesichts knapper werdender Flächen und steigender Grundstückspreise haben in vielen Tourismusregionen aktuell die Dauergäste, also Besitzer von Zweitwohnungen, diesen Ruf. Wobei die klassischen Dauergäste, die verlässlich und regelmäßig wiederkommen, von der schlechten Nachrede ausgenommen sind.


"Es gibt welche, die sind leidenschaftlich beim Ortsleben dabei", sagt etwa Bürgermeister Josef Mayrhauser aus Nußdorf am Attersee. Die oberösterreichische Gemeinde ist selbst im Vergleich mit Tourismusorten ein Extremfall. Auf 1150 Hauptwohnsitze kommen 1496 Nebenwohnsitze. Da ist es nur konsequent, wenn Mayrhauser sagt: "Wir sind nicht zweitwohnsitzfeindlich."

Am Attersee urlaubt und investiert aber auch der klassische Dauergast aus der nahen und näheren Umgebung. "Die klassischen Gäste sind Linzer, Welser und Salzburger sowie einige Münchner und Wiener", erklärt Mayrhauser. Für den Gast, der am Zweitwohnsitz Erholung sucht, ist geografische Nähe wichtig.

Im Gefolge der Finanzkrise und der sinkenden Zinsen wurden Immobilien in Tourismusorten allerdings auch zum beliebten Investitionsobjekt. Und das stellt viele Tourismusorte vor Probleme. "Bei Leuten, die drei bis fünf Wochen im Jahr da sind und Wohnungen in einer super Lage haben, sind wir im selben Gefechtsfeld wie Saalbach oder Kitzbühel", sagt der Nußdorfer Bürgermeister. "Wenn so jemand vor zehn Jahren diese Wohnung gekauft hat, weiß er genau, dass er keinen Verlust macht", sagt Mayrhauser. Wahrscheinlicher ist ein dicker Gewinn. Die Wohnung wird zwar auch als Zweitwohnsitz genutzt, ist aber in erster Linie Investitionsobjekt. Gegen diese Form der Zweitwohnsitznutzung haben Länder und Gemeinden noch keine effektive Handhabe gefunden.

Das ist auch ein Problem für die ortsansässige Bevölkerung. Schließlich ist der Markt für Ferienwohnungen nicht isoliert vom herkömmlichen Wohnungsmarkt. Die Preissteigerung betrifft auch jene, die im jeweiligen Ort ihren Hauptwohnsitz errichten wollen. Und Hauptwohnsitze sind für die Gemeinden aufgrund des Finanzausgleichs im Gegensatz zu Nebenwohnsitzen Gold wert. Aktuell versuchen die Länder, das Problem mit verschiedenen Maßnahmen in den Griff zu bekommen.

Verzeichnis in Tirol und
Geld für den Tourismus

Tirol, als Tourismusland besonders von der Problematik betroffen, hat Anfang Juli erstmals ein Freizeitwohnsitzverzeichnis erstellt und veröffentlicht. Freizeitwohnsitze sind im Tiroler Raumordnungsgesetz geregelt und de facto Zweitwohnsitze, die nur zu Erholungszwecken genutzt werden dürfen. Ziel der Landesregierung war es, zunächst einmal die Transparenz zu erhöhen und Klarheit über die Lage zu bekommen. Laut aktuellem Stand des Verzeichnisses gibt es in Tirol 15.846 Freizeitwohnsitze.

Wie viel Klarheit das Verzeichnis nun bringt, ist aber umstritten. So gibt es etwa in der Tourismushochburg Sölden keinen einzigen Freizeitwohnsitz. Bürgermeister Ernst Schöpf bestätigt, dass es im Ötztaler Ort keine gewidmeten Freizeitwohnsitze gibt. Schöpf ist auch Präsident des Tiroler Gemeindeverbandes. "Das Problem ist aber weniger die Widmung, sondern die beinahe Nicht-Beherrschbarkeit des Themas. Für eine Freizeitwohnung braucht es einen Verkäufer. Das sind in der Regel Tiroler. Die Gemeinden zu beauftragen, die Rechtmäßigkeit der Wohnsitze zu überprüfen, ist nicht zweckmäßig", sagt Schöpf. Die Kontrolle sei ein ständiges Hinterherlaufen. Einen Fall einer russischen Wohnungsbesitzerin wollte Schöpf durchexerzieren. Die Gemeinde sei schon an der Zustellung eines RsB-Briefes gescheitert, erzählt der Söldener Bürgermeister.

Er plädiert für eine entspanntere Sichtweise auf das Thema. Für ihn sei es Teil der europäischen Normalität. "Es soll ja auch Tiroler geben, die woanders, etwa am Gardasee, so eine Wohnung haben", sagt Schöpf. Die EU-Freiheiten würden eine wirksame Lösung erschweren, seien aber nicht ursächlich schuld an der Zweitwohnsitz-Thematik. "Das Tiroler Grundverkehrs- und Raumordnungsgesetz hat es schon vor dem EU-Beitritt gegeben. Es war auch davor schon möglich, das zu umgehen", sagt Schöpf. Auch die aktuelle Regelung wird offenbar fleißig umgangen. Laut "Tiroler Tageszeitung" wird die Zahl der illegalen Freizeitwohnsitze auf mehr als 10.000 geschätzt.

Zumindest eine Linderung der Belastung durch legale Freizeitwohnsitze für die Gemeinden kann sich Schöpf aber vorstellen. In Tirol gibt es zwar eine Freizeitwohnsitzabgabe, die kommt aber den Tourismusverbänden zugute, zur "Stärkung und Verbesserung des jeweiligen regionalen Freizeitangebotes", wie es vom Land heißt. "Da müssen wir überlegen, dass die Gemeinden zu Geld kommen", sagt Schöpf.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-22 16:34:07
Letzte nderung am 2017-08-23 12:00:05



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