• vom 05.09.2017, 18:33 Uhr

Stadt & Land

Update: 05.09.2017, 19:35 Uhr

Familienunternehmen

"Ich mag geile Sachen machen, die den Leuten schmecken"




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Von Levin Wotke

  • Der Vetterhof liegt im Vorarlberger Rheintal zwischen Lustenau und Dornbirn. Simon Vetter hat vor einigen Jahren das Familienunternehmen übernommen und verbindet Bodenständigkeit und Weitblick.

Etwa ein Dutzend Menschen arbeiten auf dem Vetterhof. Hier setzen die Mitarbeiter mithilfe des Traktors Broccoli-Pflanzen in den gepflügten Acker. - © Levin Wotke

Etwa ein Dutzend Menschen arbeiten auf dem Vetterhof. Hier setzen die Mitarbeiter mithilfe des Traktors Broccoli-Pflanzen in den gepflügten Acker. © Levin Wotke



Was Simon Vetter anbaut? "Alles, was sich in Mitteleuropa anbauen lässt", sagt er. So auch Tomaten.

Was Simon Vetter anbaut? "Alles, was sich in Mitteleuropa anbauen lässt", sagt er. So auch Tomaten. Was Simon Vetter anbaut? "Alles, was sich in Mitteleuropa anbauen lässt", sagt er. So auch Tomaten.

Lustenau. Simon Vetter ist etwas aufgelöst. "Was ist?", fragt jemand, als Simon am frühen Abend durch den rechteckigen, mit Schotter gefüllten Hof seiner Landwirtschaft eilt. "Es ist was Deppertes passiert", sagt Simon. Nach wenigen Minuten ist er wieder aufgebrochen und unterwegs. Was ist vorgefallen? Bei einem Traktor ist der Dichtungsring eines Ölfilters gerissen. Jetzt steht Simons Bruder Raphael mit der ramponierten Maschine auf der Bundesstraße und wartet auf die Ersatzteile. "Das war ein Mordstrara mit Feuerwehr und Polizei", wird Simon am nächsten Tag erzählen. Als Simon beim Traktor angekommen ist, wird es noch schlimmer: Ein kräftiges Gewitter zieht über Lustenau, erst beginnt es zu regen, dann zu hageln.

Der 33-jährige Landwirt lehnt barfuß und mit nassem Haar in seiner Küche an der stählernen Anrichte und schnauft erst einmal durch. Der Traktor ist wieder fahrtüchtig und am Hof angekommen, aber das wird man sich morgen wohl noch einmal ansehen müssen, so Simon.

Gastronomie, Hofladen, Wochenmarkt und Gemüsekiste

Der Vetterhof ist ein biologischer Bauernhof zwischen Lustenau und Dornbirn. Der rechteckige Hof mit der schlichten Holzverkleidung wurde in den 90er Jahren von Hubert und Annemarie Vetter, Simons Eltern, errichtet. Davor hatten sie noch einen Hof in Lustenau, als es dort aber endgültig zu verbaut und eng wurde, wagten sie den Befreiungsschlag und gründeten den Aussiedlerhof außerhalb des Ortes. Schon damals waren die Vetters Dickköpfe, die ihre Visionen durchziehen wollten. Heute baut der Hof hauptsächlich Gemüse an, eine 60-köpfige Rinderherde und acht Schweine sind die Tiere am Hof. Der Vetterhof ist unabhängig von Zwischenhändlern und vertreibt 99 Prozent seiner Produkte selbst. Das funktioniert über vier Standbeine: Die Vetters beliefern die Gastronomie, haben einen eigenen Hofladen und stehen samstags auf dem Dornbirner Wochenmarkt. Den Großteil ihrer Produkte vertreiben sie aber über die Gemüsekiste an Familien in der Gegend.

"Landwirtschaft ist immer noch extrem kapitalintensiv"

Am Morgen nach dem Wolkenbruch ist der Himmel klar. Noch liegt erst eine Ahnung der sengenden Hitze in der Luft, die sich im Laufe des Tages über das Vorarlberger Unterland legen wird. Kurz vor sieben Uhr Früh stehen Raafi und Ralph in den vor wenigen Wochen neu errichten Lagerhalle gegenüber des Hauptgebäudes des Vetterhofes. Mehrere Kühlräume, eine geräumige Arbeitshalle und ein Parkplatz für Lieferautos ergänzen seitdem den Betrieb. Raafi und Ralph sind Lastenradfahrer, als "Pedalpiraten" beliefern sie die angrenzenden Ortschaften mit den Gemüsekisten vom Vetterhof. Raafi nimmt einen letzten tiefen Zug von seinem Zigarillo, dann schließt er über dem guten Dutzend Gemüsekisten in seinem Fahrradanhänger die Plastikplane und radelt in seinem grünen Fahrraddress los nach Hard. Morgen ist dann Bregenz dran.

Kurze Zeit später ist Simon auch in der Lagerhalle angekommen. Er öffnet die schwere Sicherheitstür zu einem der Lagerräume, eiskalter Dampf steigt auf. Simon belädt das Elektroauto mit Zucchini, Salat, Kartoffeln und Karotten und macht sich auf den Weg. Dabei war vor einigen Jahren zunächst gar nicht klar, wie man das Auto bezahlen sollte. "Finanzierung ist in der Landwirtschaft ein Riesenthema, weil Landwirtschaft immer noch extrem kapitalintensiv ist", sagt Simon.

Daher hätten sie sich entschlossen, den Wagen über Crowdfunding, also ganz kleine Investments vieler Investoren, zu finanzieren. Innerhalb von zwei Tagen war das Geld beisammen. Die Mikro-Investoren erhielten ihren Anteil in Form von Gemüsekisten wieder zurück. "Es gibt mittlerweile alternative Formen zur Finanzierung, die sich perfekt ergänzen lassen mit alternativen Formen der Vermarktung. Da ist ein irres Potenzial drinnen", sagt Simon und erinnert sich zurück: "Wir haben dabei gemerkt, dass es niemanden gibt, der Dir helfen kann. Auf der Landwirtschaftskammer, bei der ich halt Mitglied bin, haben sie sich darüber gefreut, dass wir das machen, aber es gibt in ganz Österreich niemanden - keinen Juristen, keinen Steuerexperten - der sagt: ,So gehört das gemacht.‘ Wir haben alles selbst finanziert und mit Juristen und Steuerberatern herausgefunden."

Heute hat Simon nur eine Lieferung zu der Kantine der Vorarlberger Kraftwerke. Die direkte Vermarktung der Produkte ist für ihn essenziell: "Bis auf den Koch steht niemand zwischen uns und den Kunden, das heißt, wir sind ganz nah dran am Markt -mit all seinen Vor- und Nachteilen."

Dieser Zugang sei aber nicht nur eine Einbahnstraße, schließlich bekomme er auch einiges zurück aus dem Netzwerk - unter anderem etwas sehr Banales, aber in der Landwirtschaft Seltenes, wie Simon sagt: Zuspruch. Den bekommt er auch unmittelbar danach, als er die Kisten vor den Köchen der Kantine abliefert. "Na, wunderbar!", sagt einer der Köche mit Blick auf die frischen Zucchini. Danach macht sich Simon wieder auf den Weg zurück zum Hof.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-05 16:21:13
Letzte ─nderung am 2017-09-05 19:35:10



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