• vom 05.09.2017, 18:33 Uhr

Stadt & Land

Update: 05.09.2017, 19:35 Uhr

Familienunternehmen

"Ich mag geile Sachen machen, die den Leuten schmecken"




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Neben seinen Eltern arbeiten hier im Sommer auch immer einige der Geschwister, die in Wien studieren, mit: Raphael fährt den Traktor, Sebastian hilft auf dem Feld mit, und Andrea steht im Hofladen und kocht das Mittagessen. Insgesamt beläuft sich das Personal auf ein Dutzend Leute. "Wir sind die Einzigen, die ernsthaft Leute anstellen", resümiert Simon, als er wieder auf den Vorplatz des Hofes einbiegt. Und das funktioniere nicht zuletzt wegen des Verhältnisses der Verdienste von Arbeitgeber und Angestellten. "Das ist bei uns nämlich nicht eins zu sieben, nicht einmal eins zu zwei, sondern vielleicht eins zu eineinhalb."

"Cut the middleman" - das sei das Prinzip, durch den der Vetterhof nicht nur Personal einstellen könne, sondern auch unabhängiger und tragfähig geworden sei. Während ein österreichischer Landwirt durchschnittlich zu 60 Prozent von staatlichen Geldern lebt, beläuft sich das beim Vetterhof auf acht bis zehn Prozent.

Als Simon Vetter die leeren Plastikkisten wieder aus dem Auto räumt, herrscht auf dem Hof schon reger Betrieb. In der Halle sitzen der französische Praktikant Viktor und Benjamin, der Vollzeit auf dem Vetterhof beschäftigt ist, auf einem Pritschenwagen und schälen den Berg Zwiebel, der sich auf der Tragfläche auftürmt. Daneben ist Laura mit dem Minilauch beschäftigt. Die daumendicken Stiele seien streng gesehen Abfallware, erklärt Simon. "Aber ich war dann mal beim Metro und hab’ mir angeschaut, was so Minigemüse kostet - war gar nicht schlecht", sagt er und lacht. Jetzt liefern sie das schmal geratene Gemüse an einen Spitzengastronomen.

"Wer denkt, er kann 30 Jahre dasselbe machen, ist verloren"

Neben dem emsigen Treiben schreitet Simons Vater immer wieder den Hof ab. Hubert Vetter hat sich großteils aus der klassischen Hofarbeit zurückgezogen, ab und zu liefert er noch Gemüse oder Fleisch zum Markt oder an Restaurants. In schwarzen Hausschlapfen und kurzer Hose lehnt er am Eingang der Lagerhalle und erzählt, wie alles angefangen hat. 1995 begannen die Arbeiten an dem neuen Hof außerhalb Lustenaus. Auch Hubert wusste, dass man in der Landwirtschaft vorausdenken muss, um zu überleben. "Viele haben sich jahrelang zurückgelehnt und nur die Sachen abgeliefert", sagt er. Und das sei ein gewaltiger Fehler gewesen. Schon sein Vater habe zu ihm gesagt: Es gibt zwei Sorten von Leuten. Die einen lassen sich den Lohn ausrechnen, und die anderen rechnen sich den Lohn selber aus. Hubert wollte lieber zu Zweiteren gehören. Doch davor muss man sich vorwärts bewegen, denn nichts sei in der Branche so sicher wie Veränderung. "Wenn Du denkst, Du kannst 20, 30 Jahre dasselbe machen, bist du verloren", sagt der 64-Jährige.

Von Zwischenhändlern wie Molkereien unabhängig

Also begann er, unabhängig von Molkereien und anderen Zwischenhändlern zu arbeiten. Der Bauer müsse sich auf die Hinterfüße stellen, so seine Leitlinie - auch gegen die eigenen Vertreter. Die Vetters waren unter den Ersten, die einen Hofladen eröffneten, damals noch unter argwöhnischer Beobachtung der Vertreter der Landwirtschaftskammer, genauso belächelt wurde der Bau eines Seminarraums im neuen Hof. Als Franz Fischler als Landwirtschaftsminister dem Ländle Ende 1989 seinen ersten Besuch abstattete, war es dann aber doch der Vetterhof, den er sich unter anderem genauer ansehen wollte.

Nach der Vormittagsarbeit gibt es ein gemeinsames Mittagessen mit allen Mitarbeitern und den weiteren Gästen, die auf dem Hof wohnen, Simons Schwester hat gerade fünf Studienkollegen zu Gast. "Im Sommer wird das hier immer ein bisschen eine Kommune", sagt Simon lachend. Nach dem Mittagessen geht es aufs Feld, wo Simon sich auf den Traktor setzt, um entlang des gesamten Ackers kleine Dämme zu ziehen, die die Pflanzen in der niederschlagsreichen Region vor dem Wasser schützen - eine Technik, die er in Westösterreich als Einziger nutzt.

Wenn man Simon beobachtet, wirkt er wie ein Landwirt bis in die letzte Faser, doch es hätte auch alles ganz anders kommen können. Nach der landwirtschaftlichen Fachschule studierte er an der Universität für Bodenkultur und der Technischen Universität in Wien und wollte nach einem Auslandszivildienst in Sierra Leone voll und ganz in die Entwicklungszusammenarbeit einsteigen.

"Ich habe natürlich damals in Sierra Leone schon mitbekommen, wie kaputt diese Entwicklungshilfe und diese Entwicklungsindustrie teilweise sind", sagt er heute. Da er aber bei einem spannenden kleinen Projekt gearbeitet hatte, dachte er, man könne es auch vernünftig machen, wie er heute erzählt. Schlussendlich habe er dann aber bei einem Projekt in Tansania gemerkt, dass es einfach nicht funktioniere. "Das ist alles Schwachsinn - irgendwelchen Bauern zu erklären, wie sie ihre Sachen zu machen haben, selber eigentlich keine Ahnung zu haben, davon, wie das dort vonstattengeht, und das nicht einmal zu Hause anständig ausprobiert zu haben", sagt Vetter. So kehrte er doch wieder zurück nach Vorarlberg. Dort arbeitete er einige Jahre bei einem Regionalentwicklungsbüro, aber auch das war für ihn nicht das Wahre. "Da bist Du sofort der Zeigefinger-Typ, und das mag ich nicht." Er wolle vielmehr etwas anderes: "Ich mag selber geile Sachen machen, die den Leuten schmecken - und das anständig." Junge Leute, Praktikanten und Lehrlinge einzustellen, bringe unterm Strich einfach mehr als irgendeine Broschüre, um Ideen nach außen zu tragen.

Der Versuch, auf einen Standort eine Antwort zu finden

Nach getaner Arbeit versammelt sich am Abend das Team des Vetterhofes noch einmal um eine große Tafel im Freien. Die Vetters tischen auf: Vorarlberger Bergkäse, Lustenauer Senf und selbst produzierte Wurst und eingelegte Gurken. Unter freiem Himmel wird getratscht, gescherzt, und später am Lagerfeuer werden noch ein paar Bier aufgemacht. Gut 15 Leute, von Studenten und jungen Praktikanten über ältere Mitarbeiter bis hin zu Hubert Vetter sitzen versammelt und lassen den Abend ausklingen, bis es morgen wieder weitergeht. "Landwirtschaft ist immer der Versuch, auf einen Standort eine Antwort zu finden", sagt Simon Vetter. "Und der Standort ist nicht nur das Klima und der Boden, sondern auch die Leute, die hier wohnen."


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Dokument erstellt am 2017-09-05 16:21:13
Letzte ─nderung am 2017-09-05 19:35:10



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