• vom 04.10.2017, 11:01 Uhr

Stadt & Land


Regionalwährungen

Eine eigene Währung für den Dorfwirten




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Von Matthias Punz

  • Viele Gemeinden, Städte und Regionen betreiben eigene Geldprojekte. Das Ziel dabei ist, die regionale Wirtschaft zu stärken.





Wien. Wie bekommt man Geld zum Zirkulieren und die Wirtschaft in Schwung? Das dachte sich mitten in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre Michael Unterguggenberger, Bürgermeister der Tiroler Gemeinde Wörgl, und führte eine eigene Währung ein. Das Besondere an dieser Währung war, dass sie an Wert verlor, wenn man sie nicht ausgab. Normal ist es umgekehrt: Jene, die Geld auf ihren Konten horten, werden mit Zinsen belohnt. Die Wörgler Wirtschaft wurde angekurbelt, das Experiment gelang und der örtliche Aufschwung ging als "Wunder von Wörgl" in die Geschichte ein. Gestoppt wurde das Unterfangen letztendlich nur durch die Österreichische Nationalbank, die ihr Währungsmonopol bedroht sah.

Heute, mehr als 80 Jahre später, erregt die Idee nicht mehr die Gemüter. Unzählige Gemeinden unterhalten mittlerweile eine eigene Lokalwährung und wollen so ihre Region wirtschaftlich beleben. "Wir haben vor eineinhalb Jahren den Trumi eingeführt, um die örtliche Wirtschaft zu stärken. Man kann mit ihm in über 60 Betrieben von der Friseurin über den Wirten bis zum Fliesenleger bezahlen. Ein Trumi hat den Gegenwert von zehn Euro", erklärt etwa Andreas Kollross, Bürgermeister der niederösterreichischen Gemeinde Trumau, in der 3000 Einwohner leben. Fünf Trumis werden von der Gemeinde bei besonderen Anlässen wie einer Goldenen Hochzeit an Gemeindebürger verschenkt. Auch die Bürger selbst verschenken ihn fleißig: Vor Festen wie Weihnachten werden vermehrt Scheine bei der Gemeinde gekauft. Trumis im Gegenwert von 20.000 bis 25.000 Euro seien im Jahr im Umlauf, so der Bürgermeister, der positiv bilanziert: "Wir haben nur gute Erfahrungen damit." An Wert verliere die Währung jedoch nicht, man habe keinen "Wörgl-Trumi".


Die kleine Gemeinde Trumau ist keine Ausnahme. Währungsexperimente dieser Art gibt es in ganz Österreich. Neben Kleinstgemeinden und Städten, wie der oberösterreichischen Stadt Ried mit ihrem Schwanthaler Zehner, gibt es auch Regionen, die sich zu solchen kleinen Währungszonen zusammenschließen. Der Wahlfahrts- und Pilgerort Mariazell betreibt mit den umliegenden Gemeinden den Zeller Euro, in der Region Graz und Teilen der Oststeiermark kann mit dem Styrrion bezahlt werden, im Waldviertel war über ein Jahrzehnt der Waldviertler im Umlauf und in der Region rund um den steirischen Erzberg wird der Erzi akzeptiert.

Nahversorger und kleine Handwerker unterstützen
Die Liste ließe sich lange fortführen. Viele der Angebote eint jedenfalls, dass sie formell als Gutscheine firmieren, da immer noch ausschließlich die Nationalbank Geld in Umlauf bringen darf. Aussehen und Konzept sind jedoch an richtiges Geld angelehnt.

In Vorarlberg gibt es mit dem VTaler sogar eine landesweite Regionalwährung. Die VTaler werden von der Genossenschaft Allmenda herausgegeben und von 200 Partnerbetrieben akzeptiert. "Es geht darum, regionale Betriebe, die es schwer haben, zu unterstützen. Dazu gehören beispielsweise selbstständige Nahversorger oder kleine Handwerker", führt Rolf Schilling von der Genossenschaft aus. Die Partnerbetriebe verzeichneten im vergangenen Jahr einen in VTalern erwirtschafteten Jahresumsatz von 250.000 bis 500.000 Euro. Ein VTaler gehe im Schnitt um die vier Mal herum, bevor er wieder in Euro zurückgewechselt werde, erklärt Schilling. Allmenda hat Erfahrung in der Betreuung von Regionalwährungen: Die Genossenschaft hat neben dem VTaler auch andere Regionalwährungen entworfen - wie etwa die Langenegger Talente für die vorarlbergische Gemeinde Langenegg.

In Langenegg zirkulieren hunderttausende Euro
"Ausgangspunkt in Langenegg war, den örtlichen Nahversorger zu retten, so entstand die Idee für die Langenegger Talente. Mittlerweile sind zwei Drittel der örtlichen Betriebe Partner der Initiative und man kann an 18 Stellen im Ort mit den Talenten bezahlen", sagt Schilling über das Vorzeigeprojekt von Allmenda. Ziel ist es, dass die Bürger und die Vereine im Ort einkaufen und auch die Betriebe mehr untereinader handeln. Die Gemeinde zahlt etwa alle örtlichen Förderungen für Vereine nur mehr in der Lokalwährung aus. Die Bürger bekommen zudem drei Prozent Rabatt bei Einkäufen, wenn sie ein Abo abschließen und monatlich Talente beziehen. 12.500 Euro werden so umgerechnet monatlich an die Abonnenten verschickt.

Der Umsatz, der in Talenten erwirtschaftet wird, beläuft sich laut Genossenschaft auf bereits mehr als 700.000 Euro. Damit ist die Regionalwährung im kleinen Ort mit 1100 Einwohnern erfolgreicher als die landesweit ausgegebenen VTaler.

"Wir sehen, dass es in kleineren Einheiten oft besser funktioniert. Generell stehen und fallen solche Projekte immer mit den vor Ort beteiligten Personen - etwa mit den Bürgermeistern." In Langenegg ist die Währung jedenfalls "nicht mehr wegzudenken" und hat sich "in das Ortsbewusstsein eingebrannt".

Selbsteinschränkung
für die Regionalwirtschaft

Zu wirtschaftlichen Höhenflügen tragen solche Währungen jedoch nicht immer automatisch bei, oft verlaufen sich solche Projekte auch oder werden nicht ausreichend angenommen. Der Waldviertler etwa - laut eigenen Angaben die älteste Regionalwährung Österreichs - musste heuer vorläufig eingestellt werden, wie Sabine Schopf vom Waldviertler Verein für regionales Wirtschaften berichtet: "Das Problem waren Einsparungen bei den örtlichen Banken, die als Wechselstellen dienten. Mit ehrenamtlichen Helfern allein hätten wir es nicht geschafft." Ein neuerlicher Start der Währung sei jedoch jederzeit möglich.

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Dokument erstellt am 2017-10-04 11:06:09



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