• vom 17.10.2017, 17:47 Uhr

Stadt & Land

Update: 17.10.2017, 18:34 Uhr

Urbanisierung

Die zweite Urbanisierung




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Von Cathren Landsgesell

  • Die Städte erleben einen Boom. Doch was bedeutet Urbanität im 21. Jahrhundert? Ein neues Buch sucht Antworten.

Die Metropole Wien: 70 Prozent aller Österreicher leben in Städten, 2050 sollen es 80 Prozent sein.

Die Metropole Wien: 70 Prozent aller Österreicher leben in Städten, 2050 sollen es 80 Prozent sein.© apa/Helmut Fohringer Die Metropole Wien: 70 Prozent aller Österreicher leben in Städten, 2050 sollen es 80 Prozent sein.© apa/Helmut Fohringer

Wien. Es mag überraschen, aber die meisten Einwohner Österreichs wohnen in Städten. Das bedeutet, 70 Prozent aller Österreicher leben in Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern. Nicht einmal drei Jahrzehnte weiter, und 80 Prozent aller in Österreich lebenden Menschen werden "aus der Stadt" kommen. Der Verein Urban Forum nahm diese Entwicklung zum Anlass für einen neuen Sammelband zum Thema "Urbanität", der am gestrigen Dienstagabend im Presseclub Concordia präsentiert wurde.

Thomas Weninger, Generalsekretär des Österreichischen Städtebunds, spricht von einer "zweiten Urbanisierung". Ähnlich wie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebten die Städte auch heute in Folge des technologischen und gesellschaftlichen Wandels einen neuen Boom. Anders formuliert: Die Gesellschaften werden in Folge des technologischen Wandels immer urbaner. Auch auf dem Land. "Ich sehe es nicht so, dass der technologische Wandel die Metropolen begünstigt. Eher ist es so, dass sich die Menschen mehr als früher zwischen den Regionen bewegen. Wir sollten eher von einer zunehmenden Bedeutung der Stadtregionen sprechen, denn es bestehen sehr viele Wechselwirkungen zwischen den Städten und dem Land", so der Generalsekretär.


Das Thema der Wechselwirkungen zwischen Stadt und Land zieht sich ebenfalls wie ein roter Faden durch die Beiträge des Sammelbandes, der vom ehemaligen Wiener Neustädter Bürgermeister Bernhard Müller gemeinsam mit Friedrich Klug, Leiter des Vereins des Instituts für Kommunalwissenschaften der Universität Linz (IKW), herausgegeben wurde. Verschwinden mit technologischem Wandel und umfassender Mobilität die Grenzen zwischen Stadt und Land? Was bedeutet Urbanität im 21. Jahrhundert?

Michael Wilczek, Kulturmanager von "Kulturlinien", macht in seinem Beitrag den Versuch, Urbanität an der Kultur bzw. am städtischen Lebensstil festzumachen. Eine vom Land abgrenzbare "städtische Kultur" gäbe es zunehmend weniger, konstatiert Wilczek schließlich. Zwar seien die großen Kulturinstitutionen wie etwa Theater und Museen auf dem Land seltener, die "Eventisierung" der Kultur fände allerdings genauso auf dem Land wie in der Stadt statt. Auch die Bewohner vermischen sich schließlich: Wer aus der Stadt aufs Land zieht, behält seinen Bezug zur Stadt, nicht zuletzt deshalb, weil viele Menschen in die Stadt müssen, um zu arbeiten. Und auch die Digitalisierung begünstige schließlich die Urbanität als globale Lebensform. "Auch wenn man annehmen könnte, dass das Internet in vielen Fällen an die Stelle der Stadt als Knotenpunkt und Drehscheibe tritt, haben gerade die digitalen Techniken die Neubelebung der Stadt mitverursacht, einen Mitmach-Urbanismus ausgelöst." Die Städte haben in diesen Prozessen einen besonderen Auftrag, so Wilczek. Sie spüren, so seine These, die Polarisierung der Gesellschaft besonders. Städtische Kultur- und Bildungseinrichtungen müssen "als Mahner, Vermittler und als Bühne für die Verhandlung der Divergenz" fungieren. Mit lediglich temporären Projekten und "Events" sei diese Aufgabe nicht zu erfüllen.

Mitherausgeber Friedrich Klug stellt einen scheinbar gegenläufigen Trend zur Urbanisierung in den Mittelpunkt seines Beitrages: die Stadtflucht. Wer kann, kehrt den Städten zunehmend den Rücken. Aus dem Wunsch, dem belastenden Verkehr ins Grüne zu entkommen, entsteht ein ökologisches Problem für die Stadtregionen; Regionen, die weder Stadt sind, noch Land. "In Zukunft wird eine wesentlich stärkere räumliche Streuung der Betriebsansiedlungen stattfinden und wird der Siedlungsflächenbedarf für Wohnen und Betriebe weiter steigen: Die Zersiedelung geht unaufhaltsam weiter!" Eine Form der Urbanisierung, wie man sie sich vermutlich nicht wünscht. Friedrich Klug warnt vor den wirtschaftlichen Kosten dieses Prozesses: "Die Zersiedelung verursacht volkswirtschaftliche Mehrkosten allein für die technische Infrastruktur von 150 Millionen Euro im Jahr."

Bernhard Müller, bis 2015 zehn Jahre lang Bürgermeister von Wiener Neustadt, hat das Urban Forum mitbegründet. Das Urban Forum ist Teil des Österreichischen Städtebundes und widmet sich den Zukunftsfragen rund um das Thema Stadt. In seinem Beitrag zum Sammelband blickt Bernhard Müller zunächst zurück und dekliniert den Begriff "Urbanität" aus stadtplanerischer, philosophischer und historischer Perspektive durch.

Einen "annähernd einheitlichen" Begriff der Urbanität gäbe es bis heute nicht, so der ehemalige Bürgermeister Bernhard Müller. Als Politiker kritisiert er: "Das macht fachlich-politische Auseinandersetzungen über dieses Thema schwierig." Die Unterscheidung von Stadt und Land sei wissenschaftlich umstritten und empirisch überholt bzw. viel komplizierter. Wenn von "Stadt" im Gegensatz zum "Land" die Rede ist, dann oft aus politischem Kalkül. Müller: "Vor allem bei Verhandlungen über die Verteilung von Finanzmitteln zeigt sich, dass viele Akteure nach wie vor anhand längst überholter Schemata argumentieren, um je nach Vertretungsstandpunkt Geld für urbane Zentren zu lukrieren bzw. von diesen in ländliche Regionen abzuleiten."

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Urbanisierung, Städtebund

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-17 17:51:06
Letzte ─nderung am 2017-10-17 18:34:04



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