• vom 28.04.2012, 08:30 Uhr

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Reinsetzen und loslegen



Miet-Arbeitsplätze im Betahaus in Berlin

Miet-Arbeitsplätze im Betahaus in Berlin Miet-Arbeitsplätze im Betahaus in Berlin

Das "Weserland" gibt es seit September. "Wir haben eine Firma zu dritt, machen iPhone-Apps und hatten keine Lust auf ein kleines Büro", sagt Mitgründer Felix Hofmann. "Wir wollten etwas Gemütliches, Schönes, Helles, wo man auch gern ist, wir wollten aber nicht nur zu dritt bleiben." Die geeigneten Räume fanden die drei im Erdgeschoß eines Altbaus in Berlin-Neukölln - mitten in einem Viertel, das noch vor wenigen Jahren als heruntergekommen und kriminell verschrien war. Nun öffnen hier von Monat zu Monat mehr Kneipen, Läden und Coworking-Spaces.

Im ersten Raum stehen zwei lange weiße Bänke und ein großer weißer Tisch, an dem zwei Frauen vor ihren Laptops sitzen. "Das haben wir selbst gebaut", sagt der 34-jährige Hofmann. Eine der jungen Frauen fragt ihn, ob sie ihren Laptop auf dem Tisch stehen lassen könne, während sie sich etwas zu essen hole. Im Raum daneben, der aussieht wie ein größeres Wohnzimmer, findet gerade ein Fotoshooting mit Modell und Stylistin statt: Der Fotograf habe sich in das grüne Sofa verliebt und wollte deshalb im "Weserland" werken.

Für ein Paar Stunden

"Hier sind viele Leute, die zuvor zuhause gearbeitet haben. Wir haben Buchautoren, Journalisten, Illustratoren, Programmierer, Übersetzer, zwischendurch hatten wir auch einen professionellen Pokerspieler." Einige würden ein paar Wochen bleiben, andere so lange "ihr Projekt in Berlin dauert". Pro Monat verlassen laut Hofmann etwa fünf Leute das "Weserland", fünf neue kommen hinzu. Geworben wird mit Flyern, einer Webseite und viel Mund-zu-Mund-Propaganda. Als "Weserland"-Mitglied kann man sich in die geschlossenen Facebook-Gruppe aufnehmen lassen und seinen Namen und seine Tätigkeit auf eine Liste setzen - so ist man miteinander vernetzt und kann bei Bedarf schnell jemanden finden, der beispielsweise spanische Übersetzungen anbietet. 50 Euro pro Monat kostet der sogenannte Flexdesk im "Floating Space". Was die drei daran verdienen? "Nichts". Wenn es gut laufe, könne man das Büro kostenlos nutzen.

Ein paar Meter weiter, in der Hobrechtstraße, liegt das "Wostel". Wie Felix Hofmann und seine Kollegen hatten sich auch die Textildesignerin Marie Jacobi und die Marketingberaterin Chuente Noufena eigene Büroräume gewünscht mit anderen zusammen, ohne eine feste Bürogemeinschaft zu gründen. Stattdessen sollte es auch Platz für Veranstaltungen und Ausstellungen geben.

Loretta hat sich eine 10-er-Karte um 80 Euro gekauft. Die 30-Jährige ist seit einigen Monaten Mutter und schreibt an ihrer Doktorarbeit. Es gefällt ihr, für ein paar Stunden die Wohnung verlassen und außerhalb arbeiten zu können - je nachdem, wie es ihr, ihrem Freund und dem Kleinen passt. Loretta mag den Stil des "Büros", die alten, zusammengetragenen Schreibtische und Sessel. Und sie schätzt die Ruhe: Hier ist es anonymer als in einer festen Bürogemeinschaft, wo man als Freischaffender wie in einer WG Räume mietet und Arbeitsplätze einrichtet. Wer den Mistkübel ausleert, das Geschirr spült oder sich um einen neuen Internetanbieter kümmert, ist im "Wostel", anders als in einer festen Bürogemeinschaft, kein Thema.

Ralf nimmt solchen Aufwand in Kauf. Der 39-jährige Journalist findet die Idee eines gemeinschaflich organisierten Büros gut. Ihn störe "dieses Betonen von Lifestyle mit Begriffen wie Desk-Sharing oder Floating-Space", ob und zu welchen Bedingungen man Arbeit habe, trete in den Hintergrund. Auch deshalb hat er sich für ein vergleichsweise klassisches Modell entschieden: Seit wenigen Monaten teilt er mit einigen anderen freischaffenden Journalisten und Übersetzern zwei Arbeitsräume und eine Küche. Man kennt sich, bespricht zusammen die Einrichtung, diskutiert über Aufträge, Politik, die Liebe und den letzten "Tatort" und trifft sich ab und zu auch außerhalb der Arbeit. Ich bin Mitmieterin geworden. Die Fluktuation ist deutlich geringer als in einem unverbindlichen Coworking-Space, außerdem hat jeder Mieter Einsicht in die Verträge und Kalkulationen.

Auch "Coffeecircle" findet man nicht mehr im "Betahaus". Das Unternehmen entwickelte sich so erfolgreich, dass man sich - mittlerweile zu elft - eigene Räume in Berlin suchte. Die 400 Quadratmeter in Kreuzberg teilt sich das Team mit einer Handvoll weiterer Mieter. Moritz Waldstein-Wartenberg schmunzelt: "Wir haben uns eigentlich ein kleines Betahaus nachgebaut."

http://betahaus.de, www.weserland.net, www.wostel.de

Artikel erschienen am 27. April 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 10-15




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-24 16:14:04
Letzte Änderung am 2012-04-26 16:33:20


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