• vom 01.07.2006, 00:00 Uhr

Forschung

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Neue Forschungen zu der alten Frage, ob das Klima der Erde "kippen" wird oder nicht

Atmosphärische Störungen


Von Peter Markl

  • Nicht nur Bücher haben ihr Schicksal. Auch einzelne Begriffe haben gelegentlich das Zeug zu einer überraschenden Karriere: der Begriff "Tipping point" ist dafür das jüngste Beispiel. Es gibt ihn zwar eigentlich schon seit dem Jahr 2000, als sich Malcolm Gladwells Buch "The Tipping Point" wochenlang auf den Bestsellerlisten der "New York Times" hielt. Aber im Zusammenhang mit dem Schicksal des Klimasystems der Erde tauchte der Begriff erstmals 2004 auf. In englischen und amerikanischen Zeitungen gab es damals bereits 45 Artikel, in denen die Vermutung diskutiert wurde, dass schon in absehbarer Zukunft das Klima weltweit kippen könnte. Dieser Fall träte ein, sobald ineinander verschränkte und sich gegenseitig verstärkende Prozesse mit nicht mehr zu beeinflussender Automatik Klimaänderungen herbeiführten, deren Folgen nicht vorhersehbar sind.

Seither hat sich das Schlagwort epidemieartig ausgebreitet: in nur fünf Monaten ist das Szenario heuer bereits 234 Mal beschworen worden, am plakativsten am 3. April, auf der Titelseite der "Times": Da stand ein einsamer Eisbär auf einer schon sehr kleinen Eisscholle, ausgestattet einzig mit der anscheinend gut gemeinten Warnung der "Times"-Redakteure: "Die Erde ist am Kipp-Punkt angelangt" .

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Übertritt über die Schwelle

Natürlich sind Sorgen, was das Kippen des Klimas betrifft, nicht unangebracht, selbst wenn die Analyse der vorliegenden Belege bei weitem noch keine eindeutigen Schlüsse zulässt. Das liegt an der Natur des Problems. Malcolm Gladwell hat in seinem Buch einen einfachen Gedanken analysiert und mit plakativen Beispielen demonstriert: Es kann Umstände geben, unter denen die kleine Änderung eines kausalen Faktors sehr dramatische Effekte hat, weil mit diesem einen kleinen Schritt eine Schwelle überschritten wurde. Gladwell hatte seine Beispiele aus der Soziologie und der Sozialpsychologie gewählt. Er erinnerte zum Beispiel daran, dass sich in einzelnen New Yorker Wohnvierteln das soziale Klima nicht wesentlich veränderte, als die ersten schwarzen Familien dort auftauchten. Als die Zahl der schwarzen Familien - so Gladwell - 20 Prozent überstieg, schlug das soziale Klima jedoch um, und ein Massenexodus der weißen Mittelschicht war nicht mehr aufzuhalten. Gladwell war nicht der erste, der erkannte, dass kleine Änderungen in der Intensität eines kausalen Faktors dramatische Auswirkungen haben könnten. Geeichte Marxisten haben nicht vergessen, dass schon Karl Marx (unter Berufung auf Hegel) geschrieben hat, "bloß quantitative Veränderungen können auf einem gewissen Punkt in qualitative Unterschiede umschlagen". Und Naturwissenschafter haben - weit weniger vage - im Zusammenhang mit Klimaänderungen diskutiert, welche Mechanismen eventuell dazu führten, dass Schwellenwerte im Klimasystem der Erde eben auch überschritten werden könnten. Dabei ging es um Begriffe wie "Nichtlinearität" oder "positive Rückkopplungseffekte".

Solange man relativ einfache Systeme diskutiert, sind die Verhältnisse durchsichtig. Das Klimasystem der Erde ist aber ein sehr komplexes System, das sich ständig ändert. Da wechseln Eiszeiten mit milderen, zwischeneiszeitlichen Perioden, und auch innerhalb dieser Perioden gibt es wärmere und kältere Zeiten, die teils mehrere Jahrzehnte, teils ein paar Jahrhunderte lang dauern. Die Aufgabe, gegen diesen "verrauschten", unruhigen natürlichen Hintergrund die von Menschen verursachten Änderungen aufzuspüren, stellt die Wissenschaft vor große Probleme. Noch schwieriger ist es, vorherzusagen, welche zukünftigen Auswirkungen eine Veränderung haben wird, die mit hinreichender Wahrscheinlichkeit als vom Menschen verursacht erklärt werden kann.

Das ist nur mit Hilfe von Klimamodellen möglich. Die aber sind - so die englische "Nature", die am 15. Juni dem "Tipping point" sogar ein Editorial gewidmet hat, - zwar beeindruckende wissenschaftliche Leistungen, gemessen an den Details des Klimasystems der Erde stellen sie aber immer noch reichlich krude Näherungswerte dar.

Leider sind es gerade die Details, auf die es bei der Diskussion um die Existenz von "tipping points" ankommt. Da geht es um die Prozesse der Wolkenbildung oder das "Atmen" der Böden; sie sind quantitativ kaum mit der erforderlichen Genauigkeit zu fassen und bilden daher beim Einbau in Klimamodelle Quellen der Unsicherheit.

Die überwiegende Mehrheit der Klima-Experten neigt trotzdem zur Ansicht, man hätte bereits ausreichend gesicherte Anzeichen für den Beginn eines durch den Treibhauseffekt ausgelösten Klimawandels registriert. Sie berufen sich auf neue Forschungsresultate, die in diese Richtung deuten.

Man ist heute (fast) einhellig der Meinung, die letzten Zweifel an einem weltweiten Anstieg der Temperatur der Atmosphäre seien ausgeräumt. Lange Zeit gab es widersprüchliche Messungen: während die bodennahen Daten auf einen Temperaturanstieg hinwiesen, sprachen die Messgrößen, die in den höheren Schichten der Atmosphäre erhoben wurden, eher dagegen. Jetzt ist diese irritierende Diskrepanz ausgeräumt. Erst letzte Woche hat die Amerikanische Akademie der Wissenschaften eine vom US-Kongress erbetene kritische Auswertung der vorliegenden Temperaturwerte veröffentlicht. In dieser wird konstatiert, dass die Erde in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wärmer gewesen ist als zu irgendeinem vergleichbaren Zeitraum der vergangenen 400 Jahre. Noch älteres Datenmaterial ist allerdings mit so großen Unsicherheiten behaftet, dass es kein eindeutiges Bild ergibt.

Temperaturunterschiede

Ein Team von der Scripps Institution of Oceanography in Kalifornien hat in einer Studie untersucht, welche Temperaturen das Wasser der Ozeane in verschiedenen Tiefen während der letzten 65 Jahre hatte. Diese Daten lassen sich jedenfalls besser durch den Treibhauseffekt erklären, als durch Schwankungen in der Intensität der Sonnenaktivität, welche als die wahrscheinlichste der möglichen alternativen Erklärungen diskutiert wurde. Die Klimamodelle sprechen dafür, dass der Temperaturunterschied zwischen der Meeresoberfläche und der Oberfläche der Kontinente größer wird - was dazu führen könnte, dass extrem starke Hurricans, Taifune und tropische Stürme häufiger werden. Die Daten liefern auch dafür Indizien.




Schlagwörter

Klima

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2006-07-01 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-06-30 16:22:00

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