• vom 20.09.2010, 18:34 Uhr

Forschung

Update: 20.09.2010, 20:06 Uhr

Auch kritische Forscher sind bei der Jahrestagung zur Migrations- und Integrationsforschung an der Uni Wien

Forschung in Nähe der Politberatung




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Braucht die Migrationsforschung mehr Wissenschafter mit eigenem Migrationshintergrund?

Eine ähnliche Diskussion wurde vor langem bei der Frauenforschung geführt. Die Frage, wer Wissen über sich produzieren darf, ist in der Wissenschaft zentral. Wenn gesellschaftliche Faktoren eine soziale Gruppe von der Wissensproduktion ausschließen, ist das höchst problematisch. Das bedeutet aber nicht, dass Migrationserfahrung Bedingung für kritische Migrationsforschung ist.

Was verstehen Sie unter dem Begriff Migrationshintergrund?

Wie jeder Begriff impliziert auch dieser eine Kategorisierung, die zwischen den Zugehörigen und den Nicht-Zugehörigen unterscheidet. Damit werden auch soziale Realitäten geschaffen. Dennoch ist es sowohl für empirische Forschung wie politische Analysen notwendig, Begriffe zu verwenden. Begriffliche Präzision ist erforderlich, und es liegt letztlich in der Verantwortung der einzelnen Forscher, hier einen geeigneten Begriff für das jeweilige Forschungsvorhaben zu finden.

Sie kritisieren auch, dass die Migrationsforschung Migranten in die Opferrolle drängt. Wie könnte man hier gegensteuern?

2004 gab es die Ausstellung "Gastarbajteri" im Wien Museum. Das war schon ein richtiger Ansatz. Darüber hinaus gibt es aber wenig Forschung zu Fragen wie: Was haben sich Migranten bereits politisch erkämpft? Welche migrationspolitische Entwicklungen haben welche Auswirkungen auf einzelne Gruppen genommen?

Womit befassen Sie sich in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit?

Mein Thema ist die staatliche Konstruktion der Schein- und Aufenthaltsehe. Seit 2006 gibt es in Österreich die Aufenthaltsehe als strafrechtlich relevantes Delikt - für das bis zu ein Jahr Haft droht. Ich sehe mir das unter dem Aspekt der Intersektionalität an. Darunter versteht man Diskriminierung auf Grund mehrerer Faktoren, wie bei schwarzen Frauen, die gleichzeitig von Sexismus und Rassismus betroffen sind. In meiner Forschung zeigt sich, dass bestimmte Gruppen wegen des Delikts Aufenthaltsehe eher verdächtigt werden als andere.

Welche Gruppen sind das?

Es sind einerseits Ehen zwischen österreichischen Frauen und nigerianischen Asylwerbern. Andererseits auch Verbindungen zwischen Österreichern mit serbischem Hintergrund, die einen Serben oder eine Serbin heiraten wollen. Sie werden von den Behörden genau überprüft. Bei Ehen mit Drittstaatsangehörigen besteht inzwischen eine Mitteilungspflicht der Standesämter an die Fremdenpolizei, die dann zwischen Aufgebot und Eheschließung aktiv werden kann. Es kam schon zu Verhaftungen bei der Hochzeitszeremonie. Grundsätzlich kommt es zur stärkeren "Versicherheitlichung" von Migration.

"Versicherheitlichung"? Was versteht man darunter?

Das kommt aus dem Englischen "securitization". Der Diskurs über Migration wird mehrheitlich vom Thema Sicherheit überlagert. Ein Beispiel sind die jährlich herausgegebenen Zahlen zu Migration, finanziert vom Innenministerium. 2008 wurde hier die Rubrik Sicherheit noch nicht angeführt, seit 2009 ist sie in der Publikation enthalten. Und natürlich geht es hier um Kriminalität - und nicht um die Sicherheit der Migranten.

www.univie.ac.at/kritische-migrationsforschung

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Dokument erstellt am 2010-09-20 18:34:00
Letzte Änderung am 2010-09-20 20:06:00


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