• vom 20.09.2010, 18:34 Uhr

Forschung

Update: 20.09.2010, 20:06 Uhr

Auch kritische Forscher sind bei der Jahrestagung zur Migrations- und Integrationsforschung an der Uni Wien

Forschung in Nähe der Politberatung




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • Die "Forschungsgruppe Kritische Migrationsforschung" fordert neue Schwerpunkte.
  • Der Diskurs wird vom Integrationsimperativ einseitig beherrscht.
  • Wien. Erstmals findet von 20.bis 22. September die Jahrestagung der österreichischen Migrations- und Integrationsforschung statt. Organisiert wird sie von der Forschungsplattform "Migration and Integration Research" der Uni Wien und der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
  • Migranten im Blickfeld der Medien

Bei Scheinehen werde gegen bestimmte Gruppen härter vorgegangen, meint Irene Messinger. Foto: St. Beig

Bei Scheinehen werde gegen bestimmte Gruppen härter vorgegangen, meint Irene Messinger. Foto: St. Beig Bei Scheinehen werde gegen bestimmte Gruppen härter vorgegangen, meint Irene Messinger. Foto: St. Beig

Zu den Teilnehmern gehört auch die Politikwissenschafterin Irene Messinger, Mitglied der "Forschungsgruppe Kritische Migrationsforschung", die gemeinsam mit anderen jungen Forschern, die Migrationsforschung in Österreich kritisch betrachtet.

Werbung

"Wiener Zeitung": Aus welchem Impuls heraus wurde die "Forschungsgruppe Kritische Migrationsforschung" vor vier Jahren gegründet?

Irene Messinger: Wir sind eine selbstorganisierte Gruppe von Doktoranden, die in der Migrationsforschung einige kritische Themensetzungen vermissen. Den Diskurs beherrscht derzeit der Integrationsimperativ - also Integration als verpflichtende individuelle Leistungen seitens der Migranten. Unberücksichtigt bleiben dabei die restriktiven Rahmenbedingungen, die Jahrzehnte, in denen Migranten hier bereits diskriminiert werden.

Die Gruppe ist im deutschen Sprachraum gut vernetzt. Unterscheidet sich Österreichs Migrationsforschung von der deutschen?

Bei der Integrationspolitik ist die Ausrichtung ähnlich - es geht in Richtung Assimilation. Was die Lage der Migrationsforschung anbelangt, gibt es aber große Unterschiede: Die Abhängigkeit von öffentlichen Stellen ist nicht so groß wie in Österreich. Das führt bei uns dazu, dass es kaum Migrations- oder Rassismusforschung gibt, sondern meist nur Integrationsforschung. Wissenschafter mit kritischeren Ansätzen forschen oftmals im Prekariat.

Ist Ihre Kritik an der Schwerpunktsetzung an einem konkreten Beispiel festzumachen?

Erinnern Sie sich etwa an die von der damaligen Innenministerin Liese Prokop 2006 in Auftrag gegebene Studie zu Integration. Nur die sogenannte "Integrationsunwilligkeit" von Muslimen in Österreich wurden dann publik gemacht. Daraus wurde entsprechend politisches Kapital geschlagen. Wenn es nur Auftragsforschung gibt, begünstigt das solche missbräuchliche Vermarktung. Bernhard Perchinig, Politikwissenschafter an der Uni Wien, kritisiert ganz richtig, dass es bei der Finanzierung eine Monopolstellung des Innenministeriums gibt. Das hat Auswirkungen auf die Inhalte der Forschungslandschaft. Dazu kommt noch wenig Transparenz bei der Auftragsvergabe. Das führt zu einem Naheverhältnis zwischen Politikberatung und Migrationsforschung, denn beide sind sehr nahe ans Innenministerium angebunden.

Wie sieht die Einbindung von Wissenschaftern in die Migrationsforschung aus, die selbst Migrationshintergrund haben?

Es gibt kaum Doktoranden mit Migrationshintergrund, die sich einbringen. Das zeigt einerseits die Selektivität der Unis. Andererseits werden in diesem Bereich auch kaum Dissertationen gefördert. Perchinig hat 2005 in einem Arbeitspapier festgestellt, dass in Österreich von der Migrationsforschung 15 bis 20 Forscher vollberuflich leben können, weitere 20 bis 30 halbtags, der Rest lebt in prekären Verhältnissen. Die Migrationsforschung boomt zwar inzwischen, aber an der finanziellen Situation hat sich nichts Wesentliches geändert.

weiterlesen auf Seite 2 von 2



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-09-20 18:34:00
Letzte Änderung am 2010-09-20 20:06:00


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Unterwegs auf der grünen Welle
  2. Supermassiver Superlativ
  3. Beginn einer Erfolgsgeschichte
  4. Dem Alter ein Schnippchen schlagen
  5. Arktische Eisdecke noch nie so klein wie heuer
Meistkommentiert
  1. Schwarze Löcher vor die Kamera
  2. 2017 wird erneut Jahr mit extremen Wetterphänomenen
  3. Insekten als Blumenzüchter
  4. Ein Gefühl wie Mohr im Hemd
  5. Beginn einer Erfolgsgeschichte

Werbung





Werbung