• vom 18.08.2010, 18:09 Uhr

Forschung

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Führende Wissenschafter über Entdeckungen, die das Leben auf der Erde grundlegend verändern könnten

Der launische Weg in die Zukunft


Von Eva Stanzl

  • Die Artenschranke durchbrechen, die Gegenwart auslöschen - welche Idee setzt sich durch?
  • Umgesetzt wird, was dringend gebraucht wird.
  • Wien. Atomstrom-getriebene Eisenbahnen, Haushaltsroboter, die Kinder großziehen, und Bildtelefonie in jedem Haus: So stellten sich Visionäre der 1960er Jahren das Leben heute vor. Wünsche an die Zukunft handelten damals von einem besserem Leben durch technischen Fortschritt und von einer Welt, in der Ernährungs-, Energie- und Gesundheitsprobleme gelöst wären. In der Nachkriegszeit glaubte man an den Wandel zum Positiven: Der Weg von der absoluten Armut ins Wirtschaftswunder innerhalb von einem Jahrzehnt weckte die Zukunftseuphorie. Ähnlich erschien zum Zeitpunkt der Industrie-Revolution alles machbar.

Futuristisches Hubschrauber-Auto: Humorige Vision zur Zukunft aus den 1930er Jahren. Foto: Corbis

Futuristisches Hubschrauber-Auto: Humorige Vision zur Zukunft aus den 1930er Jahren. Foto: Corbis Futuristisches Hubschrauber-Auto: Humorige Vision zur Zukunft aus den 1930er Jahren. Foto: Corbis

Befragt man die Bevölkerung heute zur ihren Visionen, erhält man vermutlich andere Antworten. Natürlich gäbe es so wie früher individuelle Präferenzen wie "keine Blasmusik mehr im Radio", oder "Österreich soll wieder gegen Deutschland im Fußball gewinnen". Fundierte Gedanken über die Zukunft würden aber wohl eher Ängste beinhalten bezüglich des Zustands der Welt oder der eigenen Situation. In diesem Sinn stünden wohl der Weltfriede, der Klimaschutz, ein Sieg im Kampf gegen Krebs oder der Fortbestand von Sozialsystemen an der Spitze der Liste.

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Was aber, wenn führende Wissenschafter philosophische Betrachtungen liefern über Entdeckungen, die unsere Zukunft verändern könnten? Würden auch sie Sorge und Pessimismus ausstrahlen - besonders, da sich der Stand des Wissens stets vertieft? John Brockmann, ehemaliger Aktionskünstler, Herausgeber der Internetzeitschrift "Edge" und Leiter einer Literaturagentur in New York, hat solche Betrachtungen eingeholt. In dem von ihm herausgegebenen Band "Welche Idee wird alles verändern?" (Fischer) blickt die Wissenschaft nüchtern in die Zukunft. Statt farbenprächtige Aussichten an die Wand zu malen, loten die Autoren die Möglichkeiten vorhandener Innovationen aus. Von Ängsten ist keine Spur, von Utopie aber auch nicht.

"Vor allem die wissenschaftliche Untersuchung wird alles verändern", hält US-Philosoph Daniel C. Dennet einleitend fest. Und Paul Zachary Myers, Biologe an der Universität Minnesota, relativiert das Konzept der Zukunftsvision an sich: "Die Frage wodurch wird sich alles ändern, ist im falschen tempus formuliert. Sie müsste lauten: Wodurch ändert sich alles gerade jetzt?" Aus heutiger Perspektive scheinen jedoch selbst manche dieser pragmatischen Ansätze nicht weniger kühn, um nicht zu sagen diabolisch, als die Erfindung der Dampflokomotive zu Zeiten Peter Roseggers.

Die Evolution neu schreiben

Scott Sampson, Professor für Geologie und Geophysik an der Universität Utah, erwartet eine veränderte wissenschaftliche Betrachtung der Evolution. Kein simpler Wandel im Laufe der Zeit, kein eng gefasstes darwinistisches Konzept der Abstammung mit Abwandlung, sondern einen Prozess der evolutionären Integration: "Kleinere Ganzheiten werden zu Teilen größerer Ganzheiten und bilden eine dramatische Komplexität, eine geschachtelte, vielschichtige Hierarchie."

Das heißt: "In den letzten 14 Milliarden Jahren konnten sich immer wieder Energie-Zusammenballungen bilden und selbst organisieren, Inseln der Ordnung in einem Meer aus Chaos", betont Sampson. Heraus kamen Galaxien, Bakterien, Grauwale oder eine Biosphäre. Das Epos der Evolution sei somit kein unausweichlicher Marsch, sondern eine "launische, kreative Entwicklung, in deren Verlauf man die Zukunft nicht vorhersagen kann".

Der Mensch ahmt die launische Entwicklung mit komplexen technischen Systemen nach. Termitenhügel liefern Ideen für Kühlungssysteme und eine vertiefte Kenntnis der Photosynthese könnte das Geheimnis lüften, wie die Menschheit unbegrenzte Energiequellen anzapfen kann. Technologien passen sich als Reaktion auf veränderte Bedingungen an, ja sie könnten selbst eine Evolution durchmachen.

Doch nicht nur das. Gentechnisch modifizierte Kinder, die unter Wasser atmen können oder über radikal verbesserte geistige Fähigkeiten verfügen, könnten die Gesetze der Evolution neu schreiben. Und neu definieren, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, betont Corey S. Powell, Chefredakteur des Magazins "Discovery". Derzeit stehen ethische Bedenken solchen Tendenzen zwar entgegen. Doch experimentiert wird heftig: "Durch einfachen Austausch des Erbguts in einer Zelle konnten wir eine Spezies in eine andere verwandeln. Wir brauchen nur eine digitale genetische Informationen und chemische Substanzen; dann können wir eine neue Software des Lebendigen schreiben", betont der Genetiker Craig Venter.

Geht es nach Sherry Turkle, Psychologin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), könnten auch Roboter bald "lebendig" sein. Oder zumindest als lebendig empfunden werden. Unser Austausch mit den Kameraden aus Blech werde in der Tat bald "so umfangreich sein, dass die Roboter als Gefährten wahrgenommen werden", schreibt Turkle.

Eine technische Form der Geselligkeit kam 1997 als Tamagotchi auf den Markt. Das Wesen auf dem winzigen Bildschirm forderte von seinem Besitzer, gefüttert und unterhalten zu werden: Die Versorgung, schreibt die Psychologin, sei eine der "Killerapplikationen" der digitalen Welt. Die damit verbundenen Zeichen - etwa der Blickkontakt - signalisieren uns die Idee von "Seele". Künftig würde die digitale Geselligkeit daher auch die Gestalt von Kindermädchen, Lehrern, Therapeuten oder Altenpflegern annehmen.

Vergangenheit zurückholen

Bis wir aber Roboter als so etwas wie Lebewesen einstufen, könnte es noch dauern. Derzeit werden in mühsamer Kleinarbeit gerade einmal Prototypen von Robotern hergestellt, die in der Lage sind, neue Tätigkeiten zu lernen. Jüngst etwa präsentierte die Technische Universität Wien den Roboter "James", der Tätigkeiten im Haushalt erlernen kann, aber von Gefühlen noch weit entfernt ist.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2010-08-18 18:09:21
Letzte Änderung am 2010-08-18 18:09:00

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