• vom 13.08.2010, 17:21 Uhr

Forschung


"Amateur-Physiker" finden Himmelskörper im Universum




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Von Roland Knauer

  • Ein Netzwerk privater Computer entdeckt einen ungewöhnlichen Pulsar.
  • Ames/Mainz. Die Nummer "PSR J2007+2722" klingt nicht unbedingt nach einer Sensation. Aber Astrophysiker geben den Himmelskörpern, die sie entdecken, Katalognummern, denen man nicht ansieht, ob sich dahinter Glückstreffer verbergen.

Die Astrophysiker Bruce Allen und Benjamin Knispel. Foto: F. Mokler

Die Astrophysiker Bruce Allen und Benjamin Knispel. Foto: F. Mokler

Die Astrophysiker Bruce Allen und Benjamin Knispel. Foto: F. Mokler

Die Astrophysiker Bruce Allen und Benjamin Knispel. Foto: F. Mokler Die Astrophysiker Bruce Allen und Benjamin Knispel. Foto: F. Mokler

"PSR J2007+2722" wirbelt Staub unter den Sternenforschern auf. Der Stern dreht sich pro Sekunde 41 Mal um die eigene Achse - "Pulsare" nennen Astrophysiker solche Wirbelwinde. Die echte Sensation ist aber seine Entdeckung: Gefunden wurde er nicht etwa in einem großen Forschungsinstitut, sondern von zwei privaten Computern in Ames im US-Bundesstaat Iowa und in Mainz am Rhein. Die Besitzer stellen die freie Rechenkapazität auf ihren PCs den Astrophysikern zur Verfügung. Hintergrund sind knappe Rechenkapazitäten an Forschungsinstituten. Sie reichen oft nicht aus, um alle Daten von Teleskopen durchzuschauen.

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Weltweit gibt es derzeit rund eine Milliarde PCs, auf denen Menschen im Internet shoppen, spielen oder soziale Netzwerke pflegen. Oft sind diese Rechner nicht ausgelastet. Über das Internet lasse sich die schlummernde Kapazität nutzen, fand Bruce Allen vom Albert-Einstein-Institut (AEI) des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik in Hannover. "Einstein zuhause" oder im Computer-Englisch "Einstein@Home" heißt das Programm, das aus den Überlegungen entstand. Rund eine Viertelmillion Menschen stellen ihre Rechner unentgeltlich dafür zur Verfügung. Forscher katapultieren sich so in die Gruppe der 20 leistungsstärksten Großrechner der Welt.

Ein Zentralcomputer weist diesen Rechnern Arbeitspakete zu, die innerhalb von zwei Wochen bearbeitet werden. Das Ganze kostet die freiwilligen Teilnehmer nichts. Insgesamt spart die Aktion der Umwelt eine elektrische Leistung von fünf Megawatt oder 12 Millionen US-Dollar im Jahr. Da es eine Reihe ähnlicher Programme gibt, die etwa als Seti@Home nach eventuellen Signalen Außerirdischer suchen oder als Rosetta@Home durchrechnen, wie sich Proteine falten, sind die privaten Rechenleistungen aus der Grundlagenforschung nicht mehr wegzudenken. Einstein@Home hat nicht nur einen Pulsar entdeckt, sondern gleich ein besonderes Exemplar.

Entstanden ist "PSR J2007+2722" wie alle anderen Pulsare, als ein Stern am Ende seines Lebens in einer Supernova explodierte. Übrig blieb ein kleiner Neutronenstern, der einen großen Teil des Drehimpulses des Ursprungssterns übernommen hatte. Deshalb wirbelt "PSR J2007+2722" jede Sekunde etliche Male um seine Achse. Gleichzeitig sendet er Radiowellen aus und bremst damit seine Drehung ab. Mit der Zeit drehen sich solche Pulsare immer langsamer.

"PSR J2007+2722" aber muss einen Begleiter gehabt haben, der sich nachdem der Pulsar entstanden war am Ende seines Lebens aufblähte. Die Schwerkraft von PSR J2007+2722 konnte einen Teil der aufgeblähten Hülle des Begleiters anziehen: Immer mehr Materie prasselte auf die Oberfläche des Pulsars und brachte neben Masse Drehimpuls mit. Der aber beschleunigte die Drehung des Neutronensterns wieder und recycelte so die Drehung des alternden Pulsars. Als der Begleiter dann ebenfalls in einer Supernova explodierte, wurden seine Reste in den Weltraum katapultiert. Übrig blieb ein alter Pulsar, der für sein Alter viel zu schnell um seine eigene Achse wirbelt - ein Riesenerfolg der Astrophysik.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-08-13 17:21:14
Letzte Änderung am 2010-08-13 17:21:00


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