• vom 09.03.2012, 13:20 Uhr

Forschung

Update: 09.03.2012, 14:01 Uhr

Naturwissenschaft

Respekt vor der Heilkunst




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Von Peter Markl

  • Die offenkundigen therapeutischen Erfolge der Traditionellen Chinesischen Medizin werden von Naturwissenschaftern westlicher Prägung ernster genommen als deren philosophischer Überbau.

Chinesische Modelle des menschlichen Körpers, versehen mit Akupunktur-Punkten. - © EPA

Chinesische Modelle des menschlichen Körpers, versehen mit Akupunktur-Punkten. © EPA

Es kann für die Karriere eines Wissenschafters entscheidend sein, in der englischen "Nature", einer der beiden weltweit führenden Wissenschaftszeitschriften, einen Artikel publiziert zu haben. 90 Prozent der eingereichten Artikel werden von dem strengen Gutachtergremium abgelehnt, viele schaffen es nicht einmal bis in dieses Gremium.

Information

Literatur:

Traditional Asian Medicine: Nature Outlook. 22. December 2011, Vol. 480 (no 7378, S. 81 - 103)
Thomas Bißwanger-Heim, Edzard Ernst: Asiatische Heilkunde. Tradition, Anwendung; Heilsversprechen. Eine Bestandsaufnahme. Stiftung Warentest, 2011, 263 Seiten.


Ende Dezember letzten Jahres überraschte die "Nature" ihr weltweites Publikum mit einer ihrer berühmten Beilagen, in denen die besten der dafür zu gewinnenden Experten einen Ausblick auf die weitere Entwicklung eines heißen Themas geben: Zum Jahresende sollte es - abweichend von den üblicherweise zur Diskussion gestellten Problemen - um die Zukunft der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gehen.

Alternative Heilverfahren sind allemal ein heißes Thema - und die Meinungen der naturwissenschaftlichen Medizin dazu wären das erst recht. Eine differenzierte Diskussion darüber auf dem Niveau und mit der Autorität von "Nature" wäre also ein hilfreicher Beitrag gewesen. Vor allem, weil selbst medizinisch kenntnisreiche Anhänger mancher dieser Heilverfahren an einer rational abwägenden Diskussion weniger interessiert sind als an einer Bestätigung ihrer mit der Intensität von Sektenanhängern vorgebrachten Ansichten, die sie meist in eine extensive, unkritische Erörterung des weltanschaulichen Hintergrunds, den sie mit Putz und Stängel akzeptieren, einbetten.

Die Frage der Kriterien
Doch eine umfassend bewertende Diskussion schien anscheinend selbst den "Nature"-Redakteuren zu anspruchsvoll. Sie zielten darauf ab, ihren Lesern einige Fakten zum Umgang des heutigen China mit TCM anzubieten, schon weil diese oft in den ideologischen Diskussionen unterzugehen drohen. Dabei gibt es heute auf die Bewertung medizinischer Untersuchungen spezialisierte Institutionen und Fachleute auf dem Gebiet der sogenannten evidenzbasierten Medizin. Dazu hat man sich auf einen Kanon von Beurteilungskriterien und die Methoden zur Ermittlung der relevanten Kennwerte geeinigt.

Doch gerade auf dem Gebiet der TCM ist das auch heute noch schwierig, da das Spektrum der Verfahren so vielfältig ist wie die unterschiedlichen Herangehensweisen - schließlich geht es um so verschiedenartige Methoden wie Akupunktur, Akupressur, Ayurveda, Meditation, Qigong, Reiki, Shiatsu, Yoga und Taichi.

Das Hauptproblem mit diesen Verfahren, in denen sich riesiges, durch jahrtausendelanges empirisches Herangehen mittels Versuch und Irrtum erarbeitetes medizinisches Wissen niedergeschlagen hat, ist, dass man ihnen einen spirituellen Überbau verpasst hat: Zentrale Begriffe, auch wenn sie Begriffen der heutigen Naturwissenschaften zum Verwechseln ähnlich sehen, haben hier eine ganz andere Bedeutung. Das Paradebeispiel dafür ist Qi, das ein des Chinesischen unkundiger, französischer Diplomat namens George Soulié de Morant, leider ein Betrüger und Hochstapler, beim verhängnisvoll effektiven Transfer seines Halbwissens über Akupunktur in den Westen als "Energie" übersetzt hat. Die spirituelle Einkleidung des alten Wissens erweist sich auch heute noch als Hemmnis für eine ernsthafte kritische Prüfung der Wirksamkeit der Heilverfahren, wie sie nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin notwendig ist.

Gottseidank hat sich Edzard Ernst, der erste Universitätsprofessor der Welt für komplementäre Medizin, einer der besten Kenner der traditionellen asiatischen Medizin und Experte für evidenzbasierte Medizin, 2011 auf dieses intellektuelle Schlachtfeld begeben und zusammen mit Thomas Bißwanger-Heim einen Bericht geschrieben, der den heutigen Stand der Diskussion resümiert.

"Nature" dagegen hat sich auf dieses Vorhaben nicht eingelassen, sondern sich auf das Gebiet beschränkt, bei dem eine Beurteilung nach "westlichen Kriterien" noch am ehesten möglich ist: nämlich der chinesischen Kräutermedizin. Sie hat sich mittlerweile zu einem Gebiet ausgewachsen, auf dem Milliarden-Umsätze erzielt werden. (2010 exportierte China fast zwei Milliarden US-Dollar an TCM-Produkten nach Europa.) Für "Nature" war diese enorme wirtschaftliche Bedeutung der chinesischen Kräutermedizin der Grund, sich in der Beilage darauf zu konzentrieren.

Traditionelle asiatische Medizin - Homöopathie gehört als genuin europäische wissenschaftliche Abstrusität natürlich nicht dazu - steht heute weltweit auf einem vorher nie dagewesenen Gipfel der Popularität, wofür man oft die Erklärung hört, dass alternative Mediziner sich für ihre Patienten mehr Zeit nähmen. Besonders im Westen arbeitende ayurvedische Mediziner gehen oft sehr viel mehr auf die Lebensumstände ihrer Patienten ein als heutige Schulmediziner.

Bißwanger-Heim und Ernst schreiben jedoch in ihrem bewundernswert klaren und facettenreichen Buch: "Für jemanden, der glaubt, asiatische Heilkunde wäre eine Medizin des Dialogs und den psychischen und sozialen Dimensionen der Patienten würde besonders große Beachtung geschenkt, mag es irritiert sein, wenn er erfährt, dass sich indische Ayurveda-Ärzte viel weniger Zeit für Gespräche mit dem Patienten nehmen als deutsche und dass viele Patienten einen Arzt besonders hoch schätzen, der die Diagnose ganz ohne Worte, etwa nur an Hand des Pulses, trifft."

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Dokument erstellt am 2012-03-08 17:35:08
Letzte Änderung am 2012-03-09 14:01:44



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