Im Jahr 1919 hielt der Soziologe Max Weber einen Vortrag zum Thema "Wissenschaft als Beruf". Seine zentralen Thesen lauteten: Wissenschaft ist ein hochqualifizierter Beruf, der hohes Verantwortungsbewusstsein und Kreativität erfordert. Wer Wissenschafter werden will, muss dies auch aus Leidenschaft tun; diese ist die Vorbedingung für Eingebung und Kreativität.
Dies ist für Weber deshalb notwendig, weil wissenschaftliche Arbeit und Karriere ein "Hasard" sind: Man weiß im Vorhinein nie, ob aus einer Idee oder einem Projekt tatsächlich etwas herauskommen wird; und in keinem anderen Beruf dauert es so lange, bevor man endgültig anerkannt und beruflich abgesichert ist.
Diese Probleme haben sich heute - im Zeitalter der Entstehung eines neuen akademischen "Prekariats" - noch verschärft. Im Anschluss an Weber möchte ich im Folgenden fünf Themenkreise diskutieren.
1. Expansion und Spezialisierung der Wissenschaft und ihre Grenzen.
Extreme Spezialisierung ist das erste Kennzeichen moderner Wissenschaft, das Weber hervorhebt. Sie korreliert direkt mit ihrem Wachstum seit Beginn der frühen Neuzeit. Die Wissenschaft ist weit überproportional gewachsen. Die Zahl der Wissenschafter, der Pu-blikationen, der Patente und Erfindungen hat sich seit 1650 alle 15 Jahre verdoppelt - und wächst somit weit stärker als die Bevölkerung. Dasselbe gilt für die Zahl der wissenschaftlichen Disziplinen und Studienrichtungen.
Wachstum und Spezialisierung der Wissenschaft müssen sich also irgendwann abschwächen. Tatsächlich gehen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung seit 1990 in vielen Ländern deutlich zurück. Die Wissenschaft geht in einen steady state, einen Gleichgewichtszustand über, nicht zuletzt deshalb, weil das Wachstum selbst negative Effekte hat. Es gilt das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen, das hier besagt: Je mehr in einem Bereich schon bekannt ist, desto mehr Aufwand muss für neue Entdeckungen getrieben werden; die Zahl exzellenter Wissenschafter wächst langsamer als die Zahl der Wissenschafter insgesamt. Als Folgen des abnehmenden Wachstums sollen die begrenzten Mittel konzentriert, die Effizienz des Wissenschaftssystems erhöht werden.
Dies erfordert seinerseits, den Output zu bewerten und die Mittel auf erfolgsträchtige Einheiten zu konzentrieren. Es steigt der Druck auf die Forscher, mehr externe Mittel einzuwerben. Ein neues Zauberwort heißt "Evalua-tion" - mit der Folge, dass die Wissenschaftsbürokratie zunimmt und der Aufwand für die Erstellung von Gutachten, Performance Records und Peer Reviews steigt; ein "akademischer Kapitalismus" (Münch 2011) ist im Entstehen.
2. Sollen Exzellenzzentren oder kreative Einzelforscher und Gruppen gefördert werden?
Ist die Konzentration der Mittel tatsächlich der beste Weg, von Quantität zu Qualität zu gelangen? Hier ist die deutsche "Exzellenzinitiative" von Interesse. In deren Rahmen wurden in einem Evaluierungsverfahren 85 Universitäten und Forschungsinstitute ausgewählt, die fast zwei Milliarden Euro zusätzlich erhalten sollen, damit sie sich zu Spitzenforschungseinrichtungen entwickeln können. Die homepage der DFG bezeichnet diese Aktion als eine "Erfolgsgeschichte, die in kurzer Zeit vieles bewirkt hat".
Näher betrachtet, sieht die Bilanz allerdings weniger berauschend aus. Tatsächlich wurde "eine Fülle zukunftsweisender Konzepte" vorgelegt. Zwischen solchen Konzepten und der Realität besteht bekanntlich meist eine Kluft. Den Erfolg der neuen Exzellenzzentren kann man erst in zehn oder zwanzig Jahren beurteilen. Klar erkennbar sind hingegen schon jetzt die Schwächen dieser Aktion: Die Förderungen gingen großteils an Technik und Medizin; die Geisteswissenschaften gingen nahezu leer aus; zwei Drittel gingen nach Süddeutschland, ganz wenige in den Norden, keine in den Osten Deutschlands; das Gros der Universitäten und Forschungsstätten gewinnt nichts.
Empirische Befunde über die Arbeitsweise von Spitzenwissenschaftern liefern keine generelle Rechtfertigung für die neuen Leitlinien der Konzentration. Eine Studie über Nobelpreisträger zeigte, dass nicht große Forschungsorganisationen, sondern kreative Forscher und ihre Arbeitsgruppen am produktivsten sind (Haller, Wohinz, Wohinz 2002). Diese Wissenschafter haben oft nur ein bis drei, selten mehr als sechs Mitarbeiter. Mit diesen arbeiten sie jedoch intensiv zusammen.
Die Folgerung lautet daher: Man sollte vor allem produktive und kreative Forscher und Forschergruppen fördern, die es an jeder Universität gibt. Das kann zum einen durch Einrichtung von Stellen erfolgen, zum anderen durch eine massive Aufstockung der Förderung für kompetitive wissenschaftliche Grundlagenforschung. In Österreich gibt es sehr wenige Institutionen der Forschungsförderung und die wichtigste, der "Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung" (FWF), ist stark unterdotiert. Er muss selbst hervorragend begutachtete Projektanträge oft ablehnen, weil nicht genug Geld da ist.

