• vom 11.08.2012, 14:00 Uhr

Forschung

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Außerirdische im Museum


Von Christian Pinter

  • Der Meteoritensaal des Naturhistorischen Museums in Wien, eine der weltweit größten Sammlungen, soll sich bald in neuem Glanz zeigen.

"Denn es sind kostbare Steine, seltenere Schätze als die Juwelen der reichsten Fürsten" - so schwärmte ein 1906 erschienenes Astronomiebuch von den Meteoriten. Bis vor kurzem ließen sich nirgendwo auf der Welt so viele davon blicken wie im berühmten Meteoritensaal des Naturhistorischen Museums in Wien (NHM): Hier sah man "Außerirdische" von mehr als tausend Fundorten - und selbst die stellten nur ein Bruchteil der 7000 inventarisierten Meteorite dar. Dennoch führten die auch historisch bedeutsamen Schaustücke ein Schattendasein: Nach all den farbenprächtigen Mineralien und Edelsteinen waren die Augen der Besucher verwöhnt. Die meist grauen oder braunen Stücke im fünften und letzten Saal der mineralogischen Abteilung bewegten nur wenige Menschen zum Verweilen. Die systematische Anordnung nach Klassen und Unterklassen befriedigte Fachleute - die Fantasie der Tagesgäste regte sie nicht an. Erklärungen blieben rar. Derzeit ist der historische Meteoritensaal fast leergeräumt, seine Schätze in Kisten verpackt.

Der Barringer-Krater in Arizona: Hier schlug vor etwa 50.000 Jahren ein Meteorit ein.

Der Barringer-Krater in Arizona: Hier schlug vor etwa 50.000 Jahren ein Meteorit ein.© Bryan Allen/CORBIS / Bryan Allen Der Barringer-Krater in Arizona: Hier schlug vor etwa 50.000 Jahren ein Meteorit ein.© Bryan Allen/CORBIS / Bryan Allen

Zauberflöte

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Wien steht an der Wiege der Meteoritenforschung - zunächst unbeabsichtigt. Kaiser Franz Stephan hat 1748 eine reichhaltige Florentiner Mineraliensammlung erstanden. Der Aufklärer Ignaz von Born, später Vorbild für den "Sarastro" in Mozarts "Zauberflöte", macht Inventur im kaiserlichen Naturalienkabinett. Das Fach mit der Aufschrift "Steine, die vom Himmel gefallen" belustigt ihn ebenso wie den Sammlungsleiter Andreas Stütz: Auch er hält die einschlägigen Berichte "leichtgläubiger" Bewohner Tabors oder Eichstädts für Märchen. Ungebildete Leute haben ja schon allerhand vom Himmel stürzen sehen - auch Blut, Menschenhaar, Milch, Fleisch, Wolle oder Geld.

1751 schickt man ein 40 Kilogramm schweres Eisenstück nach Wien, das unter Knallen und Krachen im kroatischen Hraschina in die Erde gefahren sein soll. Der Agramer Bischof fügt ein Protokoll mit den beeideten Aussagen von sieben Augenzeugen bei. Stütz ist skeptisch, glaubt bestenfalls an einen Blitzschlag. Dennoch wirft er das Exponat nicht weg: Er beschreibt 1790 vielmehr vier der fragwürdigen Objekte in einem Aufsatz und fügt das bischöfliche Protokoll bei. Der juristisch gebildete Ernst Florens Chladni erkennt dessen Bedeutung. Der Wittenberger nützt seine Vortragsreisen, um Bibliotheken nach Berichten über Feuerkugeln, himmlische Steine und rätselhafte Eisenfunde zu durchforsten. Er trennt Plausibles von allzu Fantastischem und findet Gemeinsamkeiten, was Fallumstände und Aussehen der Exemplare anlangt.

Der Deutsche selbst hat noch kein einziges gesehen. Umso mehr baut er auf die Beschreibungen von Stütz. Chladnis 1794 erscheinende Schrift läutet einen Meinungsumschwung in Sachen "fallender Steine" ein. Für sein zweites Werk will er selbst möglichst viele Meteorite studieren. Dazu reist Chladni 1819 nach Wien, dessen Sammlung dank Carl von Schreibers von fünf auf 36 Meteorite angewachsen ist. 1820 erwähnt Schreibers die Beobachtung seines Freunds Alois von Widmanstätten: In einem angeätzten Plättchen des Hraschina-Eisens tauchte ein bizarres, völlig rätselhaftes Spiel einander kreuzender Lamellen auf - die "Widmanstätten-Struktur".

Als 1848 kaiserliche Truppen das aufständische Wien beschießen und dabei den Dachstuhl der Hofburg in Brand stecken, gelingt es Kurator Paul Partsch, die Meteoriten zu retten. Zuvor hat er eine Aufstellung mit 258 Exemplaren veröffentlicht und begonnen, sie unterschiedlichen Klassen zuzuteilen. Ähnliches macht man in Paris, Berlin und London. Die Sammlungen treten teils in Konkurrenz zueinander, denn mittlerweile dient der Besitz von Meteoriten aus aller Herren Länder auch als Machtdemonstration.

Geheimnisvolle Besucher (von links): Eine Chondre im Polarisationsmikroskop - Steinmeteorit NWA778. Der Achondrit NWA 1664 stammt von der Vesta. Irdischer Tektit aus Guangdong, China, im Durchlicht - mit einer Luftblase aus der Hochatmosphäre.

Geheimnisvolle Besucher (von links): Eine Chondre im Polarisationsmikroskop - Steinmeteorit NWA778. Der Achondrit NWA 1664 stammt von der Vesta. Irdischer Tektit aus Guangdong, China, im Durchlicht - mit einer Luftblase aus der Hochatmosphäre.© Harald Stehlik, Christian Pinter Geheimnisvolle Besucher (von links): Eine Chondre im Polarisationsmikroskop - Steinmeteorit NWA778. Der Achondrit NWA 1664 stammt von der Vesta. Irdischer Tektit aus Guangdong, China, im Durchlicht - mit einer Luftblase aus der Hochatmosphäre.© Harald Stehlik, Christian Pinter

Die wissenschaftlichen Systematiken werden immer feiner. Kurator Gustav Tschermak studiert dafür in Wien extrem dünne Schliffe und bannt deren Mikroskopanblick ab 1876 auch auf Fotoplatten. 1889 übersiedeln die kaiserlichen Sammlungen ins neue Museumsgebäude am Ring mit seinen 39 weiträumigen Schausälen. Aristides Brezina richtet hier auch Laboratorien ein. Doch während zu Kaisers Zeiten Meteorite aus der ganzen Monarchie nach Wien gelangten, ist nach dem Ersten Weltkrieg Schluss damit. Die Sammlung wächst erst ab den Siebzigerjahren wieder, mit Unterstützung des Vereins "Freunde des Naturhistorischen Museums".

Das Erbe des Chemikers und Gönners Oskar Ermann ermöglicht 2012 sogar den Ankauf des spektakulären, 909 Gramm schweren Meteoriten Tissint. Das faustgroße Prachtstück aus Marokko hat 400.000 Euro gekostet. Es stammt vom Mars!

Zeitmaschinen

Viele Forschergenerationen haben die Schätze analysiert, die in der größten und ältesten Schausammlung der Welt lagern. Heute weiß man: Meteorite sind das Älteste, was man in Händen halten kann. Irdisches Gestein wäre mindestens 500 Millionen Jahre jünger, obwohl sich die Erde einst aus dem gleichen Material formte. Deshalb lässt uns nur die meteoritische Urmaterie in die Krippe des Sonnensystems zurückblicken: Wie diese steinernen Zeitzeugen verraten, wurde es vor 4,57 Milliarden Jahren geboren, aus einer ausgedehnten Gas- und Staubwolke.

Generaldirektor Christian Köberl (links) und der Kurator der Meteoritensammlung, Franz Brandstädter, sind stolz auf den Mars-MeteoritenTissint.

Generaldirektor Christian Köberl (links) und der Kurator der Meteoritensammlung, Franz Brandstädter, sind stolz auf den Mars-MeteoritenTissint.© APA/ROLAND SCHLAGER Generaldirektor Christian Köberl (links) und der Kurator der Meteoritensammlung, Franz Brandstädter, sind stolz auf den Mars-MeteoritenTissint.© APA/ROLAND SCHLAGER




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-09 16:26:26
Letzte Änderung am 2012-08-10 11:33:57


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