• vom 02.12.2015, 17:41 Uhr

Forschung

Update: 02.12.2015, 18:33 Uhr

Open Access

"Bildung ist Privatbesitz geworden"




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Von Eva Stanzl

  • Medizin-Nobelpreisträger Randy Shekman über die Qualität in den Wissenschaften.

Randy Shekman: "Nobelpreis bietet Seifenkiste" zur Meinungsäußerung.

Randy Shekman: "Nobelpreis bietet Seifenkiste" zur Meinungsäußerung.© Stanislav Jenis Randy Shekman: "Nobelpreis bietet Seifenkiste" zur Meinungsäußerung.© Stanislav Jenis

Wien. Randy Shekman ist nicht nur für Spitzenwissenschaft, sondern auch für sein gesellschaftliches Engagement bekannt. Der US-Biochemiker erhielt 2013 den Nobelpreis für Medizin für seine Entdeckungen zum Transport in Zellen. Jede Körperzelle erzeugt Stoffe, die sie an anderen Stellen benötigt. Shekman hat die Orientierungssysteme in den Zellen untersucht und dabei jene molekularen Wegweiser entdeckt, die dafür sorgen, dass Proteine genau dort ankommen, wo sie ihre Funktion erfüllen sollen. Seine Arbeit ist bedeutsam für die Forschung zu Erkrankungen wie Alzheimer oder Krebs.

Zudem kämpft er für ein offenes Publikationswesen in den Wissenschaften. Randy Shekman will weg von "Luxusjournalen", wie er sie nennt, die die Universitäten für Veröffentlichungen bezahlen müssen, hin zu freien Open-Access-Magazinen, die von Qualität geleitet sind. Was das genau bedeutet, erklärte er der "Wiener Zeitung" am Rande seines Vortrags am Institut für Molekulare Pathologie am Mittwoch in Wien.

"Wiener Zeitung": Sie sind Gründer des Open Access Journal "eLife". Das Online-Magazin berichtete jüngst von einer neu entdeckten, ausgestorbenen Art der Gattung Homo namens Homo naledi. Wie oft passiert ein solcher Coup?

Information

Randy Shekman, geboren 1948 in Saint Paul, Minnesota, ist Biochemiker und Professor an der University of California in Berkeley. 2013 erhielt er gemeinsam mit James Rothman und Thomas Südhof den Nobelpreis für Medizin.


Randy Shekman: Homo naledi ist eine von tausenden Publikationen in unserem Journal, aber er schrieb die meisten Nachrichten. Die Arbeit wurde von Nature, wo Anthropologie zumeist veröffentlicht wird, nicht angenommen. Wie haben sie begutachtet und für sehr gut befunden, also haben wir sie publiziert. Der Vorteil eines derartigen Forschungsergebnisses ist, dass es viele Menschen interessiert. Und der Vorteil eines Open Access Journals ist, dass die wissenschaftlichen Details für alle, auch Laien, zugänglich sind (anders als bei abonnementpflichtigen kommerziellen Journalen, Anm.).

Welchen Stellenwert hat Qualität?

Da wir unser Magazin nicht verkaufen müssen, müssen wir nicht möglichst oft zitiert werden, können also veröffentlichen, was wir gut finden. Von dem "Impact Factor" (der Renommee und Abo-Zahlen steigert, Anm.) halte ich wenig. Er beeinflusst, welche Artikel kommerzielle Journale wie Cell, Nature oder Science publizieren. Und da viele Forscher glauben, dass sie keine Karriere machen, wenn sie ihre Arbeit nicht in diesen Journalen veröffentlichen können, nehmen manche den einfachsten Weg. Sie veröffentlichen Rosinen, die nicht experimentell wiederholbar sind, bauschen ihre Arbeit auf oder fälschen sie. Das ist Gift für die Wissenschaft. Schwindel und Betrug passieren überall, aber hier zerrüttet er den Glauben an die Forschung. Ich gebe diesen Journalen die Schuld, diese Kultur gehört zu ihrem Business-Plan.

Im kommerziellen Publikationsprozess erscheint Manches erst, wenn es überholt scheint. Wie beschleunigen Sie die Auswahl bei "eLife"?

Ein traditionelles Journal folgt einem Auswahlverfahren. Der Herausgeber entscheidet, ob ein Papier würdig ist, an Gutachter weitergeleitet zu werden, die dann unabhängig von einander ihre Kommentare zurückschicken. Der Herausgeber überdenkt diese und weist das Papier entweder zurück oder schlägt dem Autor zusätzliche Experimente vor. Der Autor erbringt das Gewünschte und dann geht der Prozess von vorne los. Das kann bis zu vier Jahre dauern, eine enorme Zeit- und Geldverschwendung.

Bei uns kommt dagegen ein Paper herein und ein Mitglied unseres Experten-Gremiums, das Wissenschafter ist, schaut es sich an. Ein zweiter Forscher überprüft es und danach begutachten zwei weitere Forscher als ad-hoc-Gutachter die Arbeit unabhängig von einander. Anschließend werden alle Gutachten online transparent gemacht und ihre Verfasser tauschen sich aus. Danach entscheidet das Gremiumsmitglied, ob die Arbeit erscheint.

Ihre Bestrebungen zu Open Access haben Sie kurz, nachdem Sie den Nobelpreis erhielten, publik gemacht. Wie waren die Reaktionen?

Viele Leute kritisieren mich, ich würde mit zweierlei Maß messen, weil ich jahrelang in Top-Journalen publiziert hatte. Viele andere gratulierten mir. Ich hatte diese Ansichten jahrelang geäußert, aber erst mit dem Nobelpreis hatte ich eine Seifenkiste, auf die ich mich stellen konnte, um vor einer größeren Öffentlichkeit lauter darüber zu reden. Der Preis brachte mir den nötigen Einfluss und ich bereue diesen Schritt nicht. Im Endeffekt hoffe ich, mit "eLife" die Art und Weise, wie die kommerziellen Journale arbeiten, zu verändern. Und die steigende Zahl an Einreichungen gibt mir recht.

Sind Sie noch aktiv als Forscher?

Ich verbringe die meiste Zeit mit dem Journal, aber wissenschaftlich bin auch aktiv. Experimentell haben wir entdeckt, dass die Zellen von Säugetieren nicht nur Proteine, sondern auch Ribonukleinsäure ausscheiden, was sich letztlich auf die Metastasierung von Krebs auswirkt. Meine Idee ist, dass Tumoren diese kleinen Chemikalien nützen, um Gewebe anzugreifen können.

Mit Ihrem Nobel-Preisgeld haben Sie einen Lehrstuhl für Krebsforschung gestiftet. Wie steht es darum?

Es ist ein rotierender Lehrstuhl und der erste Inhaber wurde intern an der Universität Berkeley besetzt. Ich will damit Menschen, die reicher sind als ich, zeigen, dass Berkeley ihre Unterstützung braucht. In den USA fließt viel Geld in private Institutionen, doch der Großteil der jungen Menschen studiert an öffentlichen Unis, deren Budgets gekürzt werden. In den 1960er Jahren war Bildung bei uns frei - heute kostet eine Uni an der Westküste tausende Dollar im Jahr. Früher galt war Bildung öffentliches Gut, heute ist sie in den USA Privatbesitz, dessen Erwerb sich nach Zahlungsfähigkeit und nicht Wissbegierigkeit richtet.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-02 17:44:07
Letzte ─nderung am 2015-12-02 18:33:20



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