• vom 19.04.2016, 16:17 Uhr

Forschung


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"Es schaut nicht rosig aus"




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  • Trübe Aussichten für Grundlagenwissenschaft - Finanzierungsschwierigkeiten werden immer größer.



Wien (est) Sie verfolgen neue Ansätze und machen Entdeckungen, die die Welt benötigt. Etwa hat der Wiener Pathologe Rudolf Valenta einen Impfstoff gegen Gräserpollenallergie entwickelt, der nächstes Jahr auf den Markt kommen könnte. Die Archäologin Barbara Horejs wiederum erweitert unser Geschichtsbild: Sie hat eine der ältesten Siedlungen der Menschheit in Anatolien gefunden. Und der Chemiker Niyazi Serdar Sariciftci arbeitet an neuartigen Solarzellen, die Sonnenenergie speichern können. Wenn sein Ansatz aufgeht, könnte umweltfreundlicher Strom bald viele Haushalte beheizen.

Alle drei Forscher arbeiten in Österreich. Keiner von ihnen hätte seine Ideen ohne Gelder des Wissenschaftsfonds FWF umsetzen können. Die zentrale Einrichtung zur Förderung der freien, neugiergetriebenen Grundlagenforschung ist der größte Drittmittel-Geber an heimischen Universitäten. Da die Unis mit Sparbudgets zu kämpfen haben, erscheint es umso dramatischer, dass nun auch der FWF seine Bewilligungsquoten für Projekte senken musste. Bei steigenden Antragszahlen sinken die Budgets.


Wie bei der Jahrespressekonferenz am Dienstag deutlich wurde, werden die Finanzierungsschwierigkeiten in der Grundlagenforschung immer größer. Bis 2018 ist das FWF-Förderbudget bei 184 Millionen Euro pro Jahr fixiert - ohne Rücksicht auf die Zahl der Anträge. Und auch der neue Budget-Finanzrahmen bis 2020, auf den sich die Koalition am Dienstag geeinigt hat und den sie kommende Woche präsentieren will, sieht dem Vernehmen nach keine Erhöhungen für Grundlagenforschung vor. "Das hat zur Folge, dass wir Projekte ablehnen müssen, die internationale Gutachter für förderwürdig befunden haben", warnte die interimistische FWF-Präsidentin, Christine Mannhalter.

Im Vorjahr ist die Zahl der neu bewilligten Projekte von 691 (2014) auf 655 gesunken. Erstmals seit dem Budgeteinbruch 2009 ist auch die Bewilligungsquote geschrumpft, und zwar von 20,9 Prozent des beantragten Budgets (2014) auf 20,3 Prozent. Damit liegt der FWF nur knapp über der "Schmerzgrenze, die mit 20 Prozent beziffert wird. Alles darunter löst eine Art Lottospiel aus, bei dem Wissenschafter so viel einreichen wie möglich, damit wenigstens ein Antrag genehmigt wird", erklärte Mannhalter. Das Gesamtbewilligungsvolumen sank um drei Prozent auf 204,7 Millionen Euro. "Es schaut nicht rosig aus", zog die FWF-Führung Bilanz.

"Viele Studien zeigen, dass eine freie, unabhängige, starke Grundlagenforschung für einen prosperierenden Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort von zentraler Bedeutung ist", betonte Mannhalter: "Nur, wenn neue Ideen kommen, kann Innovation auf den Weg gebracht werden." In Österreich seien die Grundlagenwissenschaften aber im Vergleich zur angewandten Forschung und zu anderen europäischen Ländern "nicht ausreichend dotiert". Für die kommenden Jahre erwartet der Fonds, dass die Schere zwischen Anträgen und Bewilligungen noch weiter aufgehen wird: Während Anträge im Wert von einer Milliarde Euro erwartet werden, dürfte man nur 200 Millionen Euro genehmigen können (siehe Grafik). Derzeit laufen 2300 FWF-geförderte Projekte, in denen über 4100 meist junge Wissenschafter beschäftigt sind. "Der FWF ist damit auch Personalförderer für Nachwuchsforscher", so Mannhalter.

Ruf nach Budgeterhöhung
Derzeit müssten als förderungswürdig eingestufte Projekte im Ausmaß von 80 Millionen Euro pro Jahr abgewiesen werden. "Wenn wir davon ausgehen, dass die Zahl der Anträge weiter steigt, schließen wir uns der Forderung des Forschungsrats nach einer Erhöhung des FWF-Budgets um 100 Millionen Euro pro Jahr an", sagte die kaufmännische Vizepräsidentin, Dorothea Sturn.

Auslaufen lässt der Fonds die (derzeit 40) Doktoratskollegs: 2016 sollen die letzten neu bewilligt werden. Der Hauptgrund sei budgetär, "wir können uns das nicht mehr leisten", so Sturn. Es gebe aber auch einen wissenschaftspolitischen Hintergrund: Die Unis seien für Aufbau und Finanzierung von Doktoratsprogrammen zuständig. Der FWF hat dennoch zehn Millionen Euro für ein Folgeprogramm beim "Österreich-Fonds" beantragt, der aus dem neuen 55-Prozent-Steuersatz für Einkommensanteile über einer Millionen Euro gespeist werden soll.

Am Donnerstag findet das Hearing der FWF-Delegiertenversammlung mit den Kandidaten für den neuen FWF-Präsidenten statt. Noch am Abend soll ein Dreiervorschlag bekanntgegeben werden, aus dem der FWF-Aufsichtsrat am 17. Mai wählt.




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Dokument erstellt am 2016-04-19 16:20:06



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