• vom 22.04.2016, 21:27 Uhr

Forschung


Nobelpreis

Wissenschafter und Mahner




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Chemie-Nobelpreisträger Walter Kohn ist 93-jährig in Kalifornien verstorben.

Der gebürtige Wiener Walter Kohn musste vor dem Nationalsozialismus fliehen. - © apa/Georg Hochmuth

Der gebürtige Wiener Walter Kohn musste vor dem Nationalsozialismus fliehen. © apa/Georg Hochmuth

Santa Barbara. Mit der Zuerkennung des Nobelpreises für Chemie rief der bekannte Physiker Walter Kohn 1998 als Erster seinem ursprünglichen Heimatland Österreich den Verlust wissenschaftlicher Exzellenz durch den Nationalsozialismus ins Gedächtnis. Am Dienstag ist der in Wien geborene Kohn im Alter von 93 Jahren in seinem Wohnort Santa Barbara in Kalifornien verstorben, wie die University of California am Freitag bekanntgab.

Kohn wurde am 9. März 1923 als Sohn des Inhabers des Postekartenverlags Brüder Kohn geboren. Fünf Jahre lang besuchte er das Akademische Gymnasium in Wien, bevor er im April 1938 ins Jüdische Gymnasium "umgeschult" wurde. Dort weckten zwei Lehrer seine Leidenschaft für Physik und Mathematik. Im Jahr 1939 gelang ihm mit seiner Schwester Minna die Flucht aus Wien. Gemeinsam gelangten sie mit einem sogenannten Kindertransport nach Großbritannien, von wo aus er als "Enemy Alien" nach Kanada gebracht wurde.


Reparation ist unmöglich
Über eine Wiedergutmachung der Gräuel des Nationalsozialismus fand er in einem Interview mit der Austria Presse Agentur im Jahr 2012 ganz deutliche Worte: "Reparation ist unmöglich. Ich spreche nicht von Reparation für mich, ich schulde Österreich etwas. Ich habe etwa im Akademischen Gymnasium eine ausgezeichnete Erziehung gehabt. Aber meine Eltern wurden von hier verschleppt und in Auschwitz ermordet - das kann und soll man nicht reparieren."

Seine wissenschaftliche Karriere startete er in Toronto, das Doktorat in Theoretischer Physik absolvierte Kohn bereits in Harvard. Sein Weg führte ihn über Pittsburgh, Kopenhagen, Paris und San Diego bis Santa Barbara. Dort arbeitete er von 1979 bis 1984 der erste Direktor des Institute for Theoretical Physics an der University of California. Auch nach seiner Emeritierung war er als Research Professor tätig. Zuletzt forschte er in den Bereichen erneuerbare Energie, Solarkraft, Klimaerwärmung und Makuladegeneration.

Den Chemie-Nobelpreis hatte er für die Entwicklung der Dichtefunktionaltheorie (DFT) erhalten, deren Grundlagen er später in seinen Arbeiten zur elektronischen Struktur von Legierungen zu Beginn der 1960er Jahre sah. Bei der DFT handelt es sich um ein Näherungsverfahren, das auf atomarem Niveau beschreibt, was in Festkörpern und Molekülen vor sich geht.

Mit seinen Arbeiten habe es der Physiker ermöglicht, das Wissen über die Naturgesetze, nach denen chemische Reaktionen ablaufen, auch praktisch zu nutzen, begründete die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm 1998 die Vergabe des Nobelpreises. Aufgrund seiner Arbeiten und jener seines Nobelpreis-Kollegen John A. Pople lässt sich berechnen, wie Proteine und Arzneimittel miteinander reagieren, auf welchem Weg genau die Ozonschicht zerstört wird und sogar woraus die Materiewolken bestehen, die zwischen den Sternen durch die Tiefen des Weltalls driften. Die Erkenntnisse der Forscher haben zu einer Fülle von Anwendungen der Quantenchemie in Industrie und Forschung geführt. Dass er als Physiker mit dem "falschen Nobelpreis" ausgezeichnet wurde, grämte ihn übrigens nicht.

Intelligenz und Glück
In einem Interview mit der Zeitschrift der Fachschaft Physik an der TU Wien beschrieb Kohn einmal die Faktoren, von denen Forschererfolg abhängt: "Erstens muss man einen gewissen Grad an Intelligenz haben. Zweitens muss man sehr tätig sein. Drittens muss man immer die Augen offen halten für Unerwartetes. Einfach tätig zu sein und zu lesen, was andere Leute schon gedacht haben, das führt zu nichts, allein. Und dann immer explorieren: Was bedeutet das, was könnte das bedeuten. Und zum Schluss muss man Glück haben. All diese Bedingungen, glaube ich, müssen erfüllt sein, damit es zu etwas Neuem, Interessantem führt." Dies führt einmal mehr deutlich vor Augen, wie Grundlagenforschung zu funktionieren hat.

Nach dem Nobelpreis wurde Kohn auch in Österreich mit Ehrungen bedacht. Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner bezeichnete den Verstorbenen "neben seiner fachlichen Expertise als Mahner gegen die Instrumentalisierung und für die Freiheit der Forschung". Sein Leben sei von "wissenschaftlicher Exzellenz und klaren ethischen Prinzipien geprägt", formulierte Bundespräsident Heinz Fischer. Mit Walter Kohn verliere die Welt "ein Vorbild für gesellschaftliches Engagement", zeigte sich die Israelitischen Kultusgemeinde betroffen.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-22 16:38:04



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Pentagon forschte heimlich nach UFO's
  2. Der Igel ist das "Tier des Jahres"
  3. Maschinen entdecken Planeten
  4. Von der historischen Bibliothek zur Bibliothek der Zukunft
  5. Zigarrenförmiger Komet aus anderem Sonnensystem
Meistkommentiert
  1. Massereiches Frühchen im All
  2. "Wir sind dabei, die Schlacht zu verlieren"
  3. Ist da jemand?
  4. Pentagon forschte heimlich nach UFO's

Werbung





Werbung


Werbung