• vom 08.10.2016, 08:00 Uhr

Forschung


Evolution

Der Homo sapiens am Scheideweg




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Von Alexandra Grass

  • Der Mediziner Johannes Huber sieht die Evolution voranschreiten - die Einflüsse macht er deutlich, die Richtung ist unklar.



Es existiert.

Es geht weiter.

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Es, die Evolution.

Wir sehen sie nicht, aber sie ist schon im Gange.

Die Verwandlung des Menschen.

Ein neuer Homo sapiens erscheint am Horizont.

Der neue Mensch.

Er existiert.

Wer diese Worte liest, befindet sich schon mittendrin - in einer facettenreichen Abhandlung über die Zukunft des Menschen, die der Mediziner und Theologe Johannes Huber nun vorlegt. Mit seinem neuen Buch "Es existiert. Die Wissenschaft entdeckt das Unsichtbare" öffnet er aber auch Tore, die noch kaum ein Wissenschafter zuvor zu öffnen gewagt hat. Viel zu schnell ist von Humbug die Rede, wenn jemand die Existenz von etwas augenscheinlich nicht Messbarem auch nur in Erwägung zieht. So ganz scheint sich die Wissenschaft aber nicht mehr heraushalten zu können, wenn es um übergeordnete Phänomene geht. Vieles wird zu belegen versucht. Und so sei heute auch vieles, was noch vor kurzem als Esoterik abgefeiert worden wäre, "messbar, wissenschaftlich anerkannt, mithin real", betont der Autor.

Mensch 2.0 in den Startlöchern
Vorerst aber zurück zum Anfang: Wer diese Worte liest, befindet sich auch an einer Weggabelung. Denn der Mensch 2.0 scheint in den Startlöchern zu stehen. In welche Richtung er gehen wird - sei es jene zum friedfertigen Homo sapiens sapiens oder jene zum Homo sapiens brutalis, dem Menschen, der ein Raubtier bleiben will -, scheint aber noch keine ausgemachte Sache zu sein.

Tatsache ist, dass wir Menschen heute deutlich älter werden. Das längste Leben ist derzeit mit 122 Jahren beziffert - 125 Jahre gelten für Forscher als Maximum. Darüber lässt sich noch diskutieren, denn es gebe "kein genetisches Programm im Sinne der Evolution, das unsere Lebenserwartung vorgeben würde", wie die "Wiener Zeitung" erst in ihrer Freitag-Ausgabe die Altersforscherin Helena Schmidt vom Institut für Molekularbiologie der Medizinuniversität Graz zitierte - wenn da nicht der Alterungsprozess an sich wäre.

Aber abgesehen von der steigenden Lebenserwartung werden die Menschen auch größer, wobei sich die Tendenz dahingehend schon bei den Geburten abzeichne, wie der Gynäkologe Huber seit vielen Jahren festmacht. Diese messbare Beobachtung könnte darin begründet liegen, dass wir uns tagtäglich mit einer überbordenden Menge an Nährstoffen konfrontiert sehen und diese auch aus den verschiedensten Gründen nützen - nämlich nicht nur, um Hunger zu stillen. Die Folge davon sind Erkrankungen wie Diabetes Typ 2, die auf Überfluss im besten Sinne zurückzuführen sind.

Aber noch etwas anderes scheint sich zu ergeben: Nämlich nicht nur, dass sich die sichtbaren Maße des Menschen zunehmend in Länge und Breite ziehen, wächst offenbar auch das Gehirn. "Die Unsitte, Fast Food in sich hineinzustopfen, kann dafür sorgen, dass sich ein besseres Gehirn ausbildet", schreibt Huber. Die Aussage ist angesichts der vielen Warnungen von Ernährungsexperten provokant, scheint aber auf den Punkt zu bringen, dass die Ernährung einer der Gründe für die voranschreitende Evolution sein kann.

Machen mehr Neurone klüger?
Daraus ergibt sich wiederum die Frage, ob ein größeres Gehirn den Menschen wieder ein Stück intelligenter machen könnte, wie es seit jeher geschieht. Denn, "ändert sich mit der Größe des Gehirns die Anzahl der Neurone, ändern sich auch die Mentalität und die Psyche des Menschen", so Huber. Womit aber noch immer nicht vorhergesehen werden kann, in welche Richtung sich der Homo sapiens letztlich weiterentwickelt.

Einfluss darauf nehmen wesentlich mehr Dinge als nur die Nahrung, obwohl es heißt: Der Mensch ist, was er isst. Neben dem ersten Eckpfeiler Ernährung nennt der Autor als zweiten die Elektronik: "Ob wir sie für gefährlich, bedenklich, entbehrlich halten, oder ob wir sie begrüßen und ihr verfallen sind, uns von ihr überfordert fühlen und sie zu verweigern versuchen. Sie ist da, und sie hat einen Einfluss auf unser Gehirn."

Tatsache ist, dass unsere Zeit schnelllebiger geworden ist, viele hetzen von Ort zu Ort, die Sozialen Medien sitzen im Nacken und die ständige Erreichbarkeit macht vielen zu schaffen - auch dem Gehirn an sich. Denkbar wäre, dass die Evolution auch hierfür Lösungen bereithält und sich die Kinder von morgen übermorgen viel besser zurechtfinden. Derzeit erschließt sich solch ein Weg noch nicht so ganz - Psychologen, Pädagogen und Eltern können davon ein Lied singen. Denn das Internet scheint einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Kinder heute - nennen wir es unruhigere - Verhaltensweise an den Tag legen, die nicht selten mit Therapien begleitet werden.

Als dritten Pfeiler führt Huber das Reisen an, das die Produktion von Gehirnzellen nachweislich fördert. Die sogenannten Place Cells und Time Cells, für deren Nachweis es auch schon den Nobelpreis gab, speichern jeden Ort und Zeitpunkt ab - wodurch die Umwelt in unserem Gehirn abgebildet wird. "Wir schaffen uns die Wirklichkeit nicht, wir sind ein Teil von ihr."

Diese dargestellten Schritte der Veränderung und Weiterentwicklung sind aber nur ein Teil des Buches. Viel gewagter wird es in den weiteren Kapiteln. So sei der neue Mensch fähig, sich selbst zu heilen - über den Hirnnerv Nervus vagus. Dieser ist an der Regulation der Tätigkeit fast aller Organe beteiligt und stelle damit "das Missing Link zwischen Körper und Seele" dar, so der Autor.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-10-07 16:11:05
Letzte Änderung am 2016-10-07 16:23:04



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