• vom 19.08.2017, 08:30 Uhr

Forschung

Update: 19.08.2017, 10:15 Uhr

Europäisches Forum Alpbach

"Bei der Digitalisierung ein Nachzügler"




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Von Eva Stanzl

  • Ausbildung, Infrastruktur und Investitionsmangel: Österreich könnte digitale Alphabetisierung verpassen.

Hannes Androsch: Bei der digitalen Infrastruktur kommen wir nicht voran, die Unis sind immer noch nicht angemessen ausgestattet.

Hannes Androsch: Bei der digitalen Infrastruktur kommen wir nicht voran, die Unis sind immer noch nicht angemessen ausgestattet.© apa/Daniel Novotny Hannes Androsch: Bei der digitalen Infrastruktur kommen wir nicht voran, die Unis sind immer noch nicht angemessen ausgestattet.© apa/Daniel Novotny

Wien. Die Technologiegespräche des Europäischen Forum Alpbach starten am Donnerstag zum Thema Digitalisierung. Obwohl der digitale Wandel alle Bereiche der Gesellschaft verändert, wurde der Umgang damit im Vorwahlkampf bisher kaum aufgegriffen. Ein zu den Technologiegesprächen erscheinendes Jahrbuch will das Thema ins Zentrum rücken. Hannes Androsch, Präsident des Forschungsrats und Aufsichtsratschef des mitveranstaltenden Austrian Institute of Technology, gibt Einblicke, wie weit Österreich damit ist.

"Wiener Zeitung": "Wir leben in einer Umbruchszeit zwischen industrieller und digitaler Revolution", schreiben Sie einleitend zum Jahrbuch. Die Innovationsdynamik werde entscheiden, welche Position ein Land einnehmen wird. Sind wir vorne dabei oder hinten weg?

Information

Beim Innovationsindikator 2017 des Frauenhofer Instituts und des deutschen Zentrums für Innovationsforschung liegt Österreich auf Platz 9 - jahrelanger Spitzenreiter ist die Schweiz. Beim Digitalisierungsindikator, der hierbei gesondert erstellt wurde, landet Österreich allerdings nur auf Rang 19. Vorreiter sind Skandinavien, die USA, Großbritannien, Australien, die Niederlande, die Schweiz, Israel und Singapur.

Andere Rankings zeigen auch eine besorgniserregende Entwicklung. Im jüngsten World Competitiveness Ranking der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD rutschte Österreich auf Platz 25 ab. Damit sind wir seit 2007 um 14 Positionen zurückgefallen. Im Länderbericht warnt die OECD vor einer wachsenden Digitalkluft bei heimischen Unternehmen und Arbeitskräften im Vergleich zu anderen OECD-Ländern. Die Organisation mahnt notwendige Änderungen ein, um den digitalen Wandel in Wirtschaft und Ausbildung zu vollziehen, und den Ausbau des neuesten Daten-Übertragungsstandards 5G.

Hannes Androsch: Wir sind bei der Umsetzung der Digitalisierung auf Rang 19 von 35 Volkswirtschaften ein Nachzügler. Das beginnt in der Schule und betrifft Universitäten, Forschung und die Ausbildung von Personal in den Informationstechnologien. In der Infrastruktur liegen wir nicht einmal in der Zielsetzung richtig: Während Deutschland 100.000 Milliarden für digitale Infrastruktur in die Hand nimmt, kommen wir nicht einmal mit der "Breitbandmilliarde" voran. Wir laufen Gefahr, keine hinreichende digitale Alphabetisierung zusammenzubringen, und vertiefen den Graben zwischen Stadt und Land bei leistungsfähigen Internet-Anschlüssen. Da rede ich noch nicht vom Vergleich zur Schweiz, den Niederlanden, Skandinavien...

Moment - die Leitung reißt ab...

...Südkorea oder Singapur. Das Smartphone gibt es seit zehn Jahren, und ich fahre gerade bei Linz vorbei und habe nicht einmal im städtischen Raum einen einwandfreien Empfang.

Die Digitalisierung ändert die Arbeitswelt, schon jetzt entstehen neue Berufe. Das Bildungssystem entlässt jedoch immer mehr junge Menschen mit Leseschwächen in die Welt. Können wir überhaupt Schritt halten?

Wir haben ernsthafte Ausbildungsdefizite. Es genügt nicht, dass die Kinder ein iPad haben, sondern sie müssen auch programmieren können. Abgesehen davon brauchen wir mehr Absolventen in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Initiativen wie "Silicon Austria" (Mikroelektronik-Zentrum, Anm.) sind anzuerkennen, aber sie genügen nicht. Denn die Digitalisierung betrifft alle Bereiche: Landwirtschaft, Haushalte, Bergbau, Spitalwesen, Pflegeassistenz, Energiesysteme, Sicherheit. Roboter in Fabriken sind nur die Fortsetzung der Automatisierung - wie groß die Veränderung ist, sieht man schon heute in Printmedien und Einzelhandel. Wenn nun auch E-Autos aus China kommen, droht eine schöpferische Zerstörung für die deutsche Autoindustrie und uns als Zulieferer.

Wie wird die öffentliche Diskussion dazu geführt?

Maschinenstürmerisch - statt das Lehrlingswesen anzupassen und Interdisziplinarität in allen Bereichen einzufordern, sind wir geistig in einer Ladenschlusszeiten-Mentalität verfangen.

Was ist die Rolle der Hochschulen?

Hochschulen müssen neues Wissen schaffen und Technologien entwickeln, aus denen Investitionen entstehen können, deren Ergebnisse für die Menschheit nutzbar sind. Ob bei Klimawandel, Ressourcennutzung, sozialen oder rechtlichen Aspekten: Die Unis müssen sich interdisziplinär federführend beteiligen.

Man erwartet sich also von den Unis Beiträge zur Lösung konkreter Probleme: Sie sollen die Leistungskraft des Standorts stärken - während die Wissenschaft internationaler wird. Wie passt das zusammen?

Wissenschafter gehen dorthin, wo sie die meisten Möglichkeiten haben - an US-Spitzenuniversitäten, bis vor kurzem nach Oxford und Cambridge, weiterhin an die ETH Zürich, nach Karlsruhe oder Heidelberg. Und es hat einen guten Grund, warum China riesige Anstrengungen unternimmt und Universitäten und Forschung gewaltige monetäre Ressourcen zur Verfügung stellt. Es stellt sich die Frage, ob eine Pax Sinica kommt, also eine Weltordnung bestimmt von den Chinesen in der zweiten Jahrhunderthälfte.

Die Universitäten brauchen mehr Mittel in allen Bereichen und ein zeitgemäßes Zugangs- und Studienmanagement. Denn dass wir so viele Studenten mit einer so geringen Abschlussquote haben, weil die Betreuungsrelation ineffizient ist, ist eine Schwäche. (Gesetzesentwurf zur "Studienplatzfinanzierung" derzeit in Begutachtung, Anm.) Dieser wichtige Schritt muss aber gekoppelt sein mit entsprechender angemessener monetärer Ausstattung für die Unis.

Die Uni-Budgets 2019-2021 wurden jüngst um 1,35 Milliarden auf 11,7 Milliarden Euro erhöht. Zu wenig?

Das ist anzuerkennen, aber gemessen an genannten anderen Universitäten ein Tropfen auf den heißen Stein - eine Bluttransfusion verhindert den Kollaps, schafft aber keine konkurrenzfähige Belebung. Gleichzeitig geben wir für alle möglichen Sachen Milliarden aus und haben eine Steuerbelastungsquote von 44 Prozent. Andere Länder kommen mit viel weniger aus und bringen mehr zustande, daher mangelt es unserem System an Effizienz. Wir leben von Dingen, die wir in der Vergangenheit richtig gemacht haben. Doch man kann nicht ewig vom Speck in der Kammer zehren, sondern muss für die Zukunft aussäen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-18 16:36:09
Letzte nderung am 2017-08-19 10:15:04



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