• vom 05.12.2017, 16:31 Uhr

Forschung


Spitzenforschnung

"Den dynamischen Kurs halten"




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  • Neue Professuren, neue Gebäude und mehr Top-Fördungen: Spitzenuni IST Austria zieht Bilanz.

Von der künftigen Regierung wünscht sich IST-Chef Thomas Henzinger "Ruhe und keine Einmischung". - © apa/Techt

Von der künftigen Regierung wünscht sich IST-Chef Thomas Henzinger "Ruhe und keine Einmischung". © apa/Techt

Wien. (est) 600 Mitarbeiter aus 60 Ländern, davon 300 Wissenschafter in unterschiedlichen Karrierephasen und 49 Professorinnen und Professoren, von denen sechs heuer bestellt wurden, "um das wissenschaftliche Portfolio zu verbreitern": Diese Bilanz zog Thomas Henzinger, Präsident des Institute of Science and Technology (IST) Austria, am Montagabend vor Journalisten über seine Aufbauarbeit bisher und das auslaufende Jahr.

Seit der Eröffnung der Spitzenuniversität für Grundlagenforschung in Naturwissenschaften und Informatik im Jahr 2009 wird eine grüne Wiese im niederösterreichischen Klosterneuburg zu einem immer dichter bebauten Campus. Bis 2020 soll ein fünftes Laborgebäude für Chemie vollendet sein. Auch ein neues Kryo-Elektronenmikroskop, das die kleinsten Strukturen von Molekülen darstellen kann, soll hier Platz finden. Ein sechstes Forschungsgebäude ist bereits geplant, damit alle der bis 2026 angestrebten 90 Forschungsgruppen ihre Arbeit aufnehmen können. "Das wichtigste beim Aufbau ist, Top-Professoren ohne thematische Einschränkungen einzustellen", sagte Henzinger: "Daher wird das sechste ein Mehrzweck-Gebäude."


Erstmals in achteinhalb Aufbaujahren gibt es bei Professoren Fluktuation: Vier Gruppenleiter wurden abberufen - an das Massachusetts Institute of Technology und Hochschulen in Köln, Liverpool und Australien. Sie werden extern nachbesetzt. Denn von den 300 Doktoranden und Postdocs müssen alle das IST nach fünf Jahren wieder verlassen. "Das ist zwar aufwendig, weil wir ununterbrochen Bewerbungen sichten, aber nur so können wir das Institut dynamisch halten", erläuterte Henzinger. Bei Doktoranden wurde mit 35 der bisher größte Jahrgang im Herbst aufgenommen - nach zwischen 2000 und 3000 Bewerbungen und 100 Interviews.

14 Prozent der Alumni des IST, die akademische Karrieren machen, bleiben in Österreich. Der Rest geht in andere Länder, vorwiegend in die USA, Deutschland, die Schweiz und nach wie vor Großbritannien. Wandern zu viele Top-Forscher ab? "Es ist wichtig, keine Aufrechnung anzustellen, wie viele kommen und wie viele gehen, sondern daran zu denken, dass Grundlagenforschung international stattfindet", sagte Henzinger. "Ganz deutlich" sehe er jedoch den Brexit an den Bewerbungen, die speziell aus Großbritannien stark steigen würden.

Brexit eine "Katastrophe"
Der geplante Austritt der Briten aus der EU sei "eine Katastrophe für die Zukunft der europäischen Forschungsförderung, weil die Briten immer besonders auf Exzellenz gepocht haben. Wenn das nun wegfällt, besteht die Gefahr, dass die Exzellenzförderung unter die Räder kommt", warnte der IST-Chef vor allem im Hinblick auf die Förderungen durch den Europäischen Forschungsrat ERC.

Das IST Austria hat bisher 38 der mit bis zu 1,5 Millionen Euro dotierten ERC-Preise erhalten - die Erfolgsquote liege somit bei 50 Prozent. Zum Vergleich: Top-Unis wie Oxford und Cambridge bekommen ein Drittel ihrer Anträge genehmigt. "Wir schauen bei Einstellungen letztlich auf dieselben Kriterien wie der ERC", erklärt Henzinger, jedoch würde niemand genommen, bloß weil er eine der begehrten Förderungen mitbringt.

Das IST ist durch eine langfristige Finanzierungszusage von Bund und Land von maximal 1,4 Milliarden Euro bis 2026 abgesichert. Ein Teil des Geldes ist an die Einwerbung von Drittmitteln geknüpft. Gespräche über eine Finanzierung darüber hinaus sollten laut dem IST-Chef nach der nächsten Evaluierung 2019 beginnen. Er betont: "Eine Verlängerung um weitere zehn Jahre wäre schön."

Von einer neuen Regierung wünscht sich Henzinger, "in Ruhe gelassen zu werden und keine Einmischung: Lasst uns den Kurs halten." Allgemein erwartet er sich der von der Wissenschaftspolitik eine Stärkung der Grundlagenforschung, speziell bei im Wettbewerb gewonnen Geldern. Für am wichtigsten hielte Henzinger die Wiedereinführung von Overhead-Zahlungen für den Wissenschaftsfonds FWF. Mit diesen hat die größte Förderagentur für Grundlagenforschung in Österreich früher Kosten, die den Unis bei Forschungsprojekten für Räume und Infrastruktur entstehen, teilweise abgegolten. "Das ist der einfachste Weg, die kompetitiven Mittel zu erhöhen", sagte Henzinger.

Über das österreichische Positionspapier für das neue Forschungsrahmenprogramm der EU, das unter der heimischen Ratspräsidentschaft ab Juni 2018 beschlossen werden soll, zeigte sich Henzinger "extrem enttäuscht". Es sei völlig "industrielastig" im Sinne einer Forschungsförderung für die Industrie. Dagegen finde man nichts zur Stärkung des ERC.




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Dokument erstellt am 2017-12-05 16:35:09



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