Gabrielle Walker hat vor kurzem in der "Nature" die neuen Forschungsergebnisse kritisch gesichtet. Sie findet nach wie vor keine harten Belege dafür, dass es - was das Klima der Welt im Ganzen betrifft - so etwas wie einen "Tipping point" überhaupt gibt. Denkbar ist aber, dass es Teilsysteme gibt, in denen die Veränderungen besonders schnell vor sich gehen, was auf Grund von Rückkopplungseffekten dramatische Auswirkungen haben könnte.
Im letzten Jahr waren es vor allem neue Daten über die Vereisung der Arktis, welche auf Prozesse schließen lassen, die das Klima einem "Tipping Point" näher bringen könnten. Der kritische Punkt ist das Eis, das im Winter praktisch den ganzen arktischen Ozean bedeckt. Im Sommer beginnt die Sonne an den flacheren Rändern und stellenweise auch weiter im Inneren das Packeis abzuschmelzen, so dass größere Flächen offenen Wassers entstehen. Da hakt nun ein verhängnisvoller Mechanismus ein: In den neu entstandenen offenen Meeresflächen wird sehr viel mehr Sonnenlicht absorbiert als von Eisflächen, d.h. das Meer erwärmt sich. Der nächste Winter kann dieses erwärmte Wasser nicht mehr so leicht zu Eis erstarren lassen, so dass im darauf folgenden Sommer noch größere freie Wasserflächen entstehen - ein sich immer weiter verstärkender Effekt, der dazu führen könnte, dass das Polareis abschmilzt.
Satellitenaufnahmen aus den Sommern von 1979 bis 2005 zeigen, dass in diesen Jahren die minimale Fläche des Polareises um 20 Prozent abgenommen hat. Und es gibt prominete Experten, die vermuten, dass dieser Rückkopplungseffekt bereits so stark geworden ist, dass Einflüsse von außen diesen Teufelskreis nur mehr wenig modifizieren können.
In den Daten und dem, was die Computermodelle des Weltklimas nahe legen, findet man davon bisher jedenfalls nichts. Jason Lowe, Experte am UK Metereological Office in Exeter bleibt daher vorerst gelassen: "Wenn man die Eisbedeckung des Meeres gegen den Temperaturanstieg aufträgt, dann liegen die Beobachtungsdaten und die Computermodelle auf einer erstaunlich schönen Geraden - zumindest in dem Temperaturbereich, den wir uns angesehen haben".
Komplizierte Datenlage
Südlich vom Polareis liegt das eisbedeckte Grönland. Dort ist die Datenlage viel komplizierter. Wenn alles Eis dieser Insel schmelzen würde - und das könnte sich über einige hundert Jahre hinziehen - stiege der Meeresspiegel weltweit um nicht weniger als sieben Meter! Gabrielle Walker schrieb dazu in "Nature": "Bis vor kurzem gab es niemanden, der ein überzeugendes Bild davon skizziert hätte, wie Grönland auf die Erwärmung der Arktis reagiert. Da wachsen einige Gletscher, andere dagegen schmelzen ab; im Inneren Grönlands könnte sich das Eis akkumulieren, an den Rändern aber wegschmelzen. In den letzten Jahren aber haben fast alle Indikatoren begonnen, in die gleiche Richtung zu zeigen - auch das Eis über Grönland schmilzt." Es gibt noch eine ganze Anzahl derartiger Rückkopplungskreise, - etwa die Änderung bestimmter Meeresströmungen oder klimarelevante Änderungen in großflächigen Luftbewegungen - deren prognostizierte Effekte je nach Klimamodell sehr stark von der Qualität der Eingangsdaten abhängen. Schon kleine Änderungen durch realistischere Eingangsdaten könnten Umweltpolitiker oder Interessengruppen zu dramatischen Warnungen oder Entwarnungen in der einen oder anderen Richtung verführen.
Die Leitartikler der "Nature" fragen besorgt, ob - angesichts noch so vieler ungeklärter wissenschaftlicher Aspekte - das Beschwören von "tipping points" nicht ein fragwürdiges Spiel sei: "Man sollte jeden, der behauptet, sicher zu wissen, wann ein bestimmter tipping point erreicht sein wird, für ebenso verdächtig halten wie jeden, der die Meinung vertritt, ein tipping point würde nie erreicht werden".
Literatur:
US National Academy of Sciences: Surface Temperature Reconstructions for the last 2000 Years. http://www.nas.edu/
Gabrielle Walker: The tipping point of the iceberg. Nature, 15. Juni 2006; und Editorial derselben Nature -Ausgabe.
Quirin Schiermeier: A Sea change. Nature vom 19. Jänner 2006.
Victor Smetacek und Stephen Nicol: Polar ocean ecosystems in a changing world. Nature, 15. September 2005.
Peter Markl ist Professor für Chemie an der Universität Wien. Er ist Mitglied des Konrad Lorenz Instituts für Evolution und Kognitionsforschung und des Kuratoriums des Europäischen Forums Alpbach.
Wien. Die US-Raumfahrtbehörde NASA plant bis zum Ende des Jahrzehnts, mit einem Raumschiff einen kleinen Asteroiden einzufangen und in eine Umlaufbahn...weiter