• vom 10.08.2011, 18:55 Uhr

Geschichte

Update: 10.08.2011, 18:55 Uhr
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Die junge Generation hat oft ein distanziertes Verhältnis zum Holocaust

"Und was hat das mit mir zu tun?"


Von Stefan Beig

  • Der Holocaust ist kein Tabu mehr, doch die junge Generation muss oft ihr Verhältnis zur Geschichte erst finden.
  • Einige Schulprojekte haben aber in Österreich großen Erfolg.

Jugendliche stellen Kerzen zur Erinnerung an den Holocaust in Mauthausen auf. apa

Jugendliche stellen Kerzen zur Erinnerung an den Holocaust in Mauthausen auf. apa© APA Jugendliche stellen Kerzen zur Erinnerung an den Holocaust in Mauthausen auf. apa© APA

Wien. Seine 98 Jahre merkt man Marko Feingold nicht an. Der Überlebende mehrerer Konzentrationslager und Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg ist bis heute unterwegs, um sein Leben zu erzählen. Oft geschieht das mit Humor, etwa bei der Abschlussveranstaltung des "March of Remembrance and Hope" (Morah) in der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. Auf die Frage, wie er sich so gut gehalten hat, entgegnet er vor den versammelten Schulklassen: "Ich esse nicht koscher - der Rabbiner hört gerade nicht zu. Und ich halte beide Feiertage: Samstag und Sonntag." Kraft gebe ihm auch Gott: "Der hat mir schon oft geholfen."

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Morah ist eine internationale Initiative, die seit 2001 tausende Jugendliche aus aller Welt nach Auschwitz-Birkenau bringt, wo sie gemeinsam der Opfer der Shoa gedenken. Rund 400 Schüler aus Österreich waren 2011 dabei. Das Besondere der österreichischen Delegation: Der viertägigen Reise gehen mehrmonatige Workshops in den Schulen voraus, um sich eigens mit dem Holocaust zu befassen. Das Gymnasium Pichelmayergasse machte etwa eine Ausstellung zu Emilie und Oscar Schindler. Marko Feingold begleitete die Jugendlichen bei der Reise. "Es war wunderbar zu erleben, dass so viele junge Menschen so engagiert mitgemacht haben", sagt er im Gespräch mit der Zeitschrift "Nu". Wenn es keine Zeitzeugen mehr geben wird, werde die Vermittlung "schwierig, aber viele dieser Zeitzeugenaussagen sind aufgenommen worden."

"Keine einfachen Rezepte"

Die zunehmend geringer werdende Zahl von Holocaust-Überlebenden ist nicht die einzige Herausforderung im Schulunterricht. "Lehrer sind heute im Geschichtsunterricht richtig verzweifelt", erzählt der Zeithistoriker Dirk Rupnow. "Wenn sie im Klassenzimmer über den Holocaust reden, können sie nicht wissen, was passiert." Die Gesellschaft hat sich verändert. "Unsere Großväter hatten klare Beziehungen zum historischen Geschehen." Bei der dritten oder sogar vierten Generation sei das anders. Es geht mittlerweile um ihre Urgroßeltern.

Manche Schüler erklären, sie wollen lieber über andere Massenverbrechen reden, etwa in Ruanda, oder über die "native Americans". "Das Fatale ist: Diese Generation hat den Eindruck, sie wisse schon alles über den Holocaust, dabei hat sie keine Ahnung", meint Rupnow. "Der Grund ist, dass sie in den Medien dauernd mit Informationen bombardiert wird. Für diese Generation gibt es keine einfachen Rezepte mehr."

Rupnow lehrt Zeitgeschichte an der Uni Wien und ist Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Uni Innsbruck. Am Wiener Brigittenauer Gymnasium hat er gemeinsam mit Renate Höllwart von trafo.K, einem Verein für Vermittlung von Bildung und Wissensproduktion, ein zweijähriges Projekt geleitet mit dem Titel "Und was hat das mit mir zu tun?" Die Schule war 1938 ein Gestapo-Gefängnis. Vor 20 Jahren haben Lehrer und Schüler in ihr eine Gedenkstätte eingerichtet, die im Rahmen des Projekts überarbeitet wurde. "Wichtig war für uns herauszufinden, was die Zugänge der Schüler sind", sagt Renate Höllwart. "Charakteristisch war ein starkes Aktualisierungsbedürfnis, der Bezug zum Jetzt. Der Zusammenhang mit dem Balkankrieg wurde etwa erörtert."

Viele Schüler im Brigittenauer Gymnasium haben ex-jugoslawischen und türkischen Migrationshintergrund. "Auch bei Migranten sind die Beziehungen zum Holocaust unter Umständen anders, was nicht heißt, dass sie nichts damit zu tun haben", betont Rupnow. "Der Krieg am Balkan kommt im Schulunterricht nicht vor. Für Migranten von dort ist er aber wichtig und böte familiäre Anschlussmechanismen." Das Problem für die Lehrer: "Sie müssen mehr wissen, als eigentlich möglich ist. Trotzdem muss der Lehrer souverän bleiben und eine offene Diskussion zulassen."

Ein anderes Projekt, das gerade an zwei Schulen in St. Pölten durchgeführt wird, lautet "Sag mir, wo die Juden sind!" Es wird ebenso wie das Projekt in Brigittenau vom Wissenschaftsministerium im Rahmen von "Sparkling Sciences" finanziert und soll Wissenschaft und Schule einander näher bringen. "Die Idee war, die jüdischen Lebensgeschichten nach verschiedenen Aspekten zu durchleuchten", erzählt Projektmitarbeiter Wolfgang Gasser vom Institut für jüdische Geschichte Österreichs. Die Schüler untersuchen jüdische Biographien im Hinblick auf die entwickelten Überlebensstrategien, die Lebensentwürfe in den neuen Ländern oder die Wahrnehmung des Antisemitismus. Solche Aspekte lieferten auch Anknüpfungspunkte zum eigenen Erleben. Eine 16-jährige Schülerin, deren Eltern Aslyweber aus Georgien sind, bemerkte, wie schwer sich auch ihre Eltern in der neuen Umgebung tun.

Lebensgeschichte als Brücke

Auch andere Themen kamen in den Schulklassen zur Sprache, etwa die Identitätskrise durch Ausgrenzung oder wie sehr das Bewusstsein für Heimat erst durch deren Verlust entsteht. "Bei uns geht es darum, die einzelnen Aspekte in den individuellen Schicksalen herauszuarbeiten, denn gerade die sind universell", meint Gasser. "Ich plädiere für Lebensgeschichten als Brücke." Die beeindrucken Jugendliche mehr.




Schlagwörter

Jugend, Holocaust, Geschichte

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-08-10 18:00:08
Letzte Änderung am 2011-08-10 18:55:54


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