• vom 23.08.2011, 14:39 Uhr

Geschichte

Update: 23.08.2011, 14:49 Uhr
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Joseph Süßkind Oppenheimer gibt weiterhin Stoff für Literatur und Film, ist aber historisch nicht aufgearbeitet

Die wahre Geschichte des Jud Süß


Von Edwin Baumgartner

  • Der Fall Jud Süß als Beispiel für schlampigen Umgang mit Geschichte.
  • Steter Nährboden für antisemitische Hetzen.
  • Legendenbildung in Romanen und Filmen.

Der Fall Jud Süß gibt Romanautoren und Filmemachern Anlass zur Legendenbildung. Oskar Roehlers Verfilmung "Jud Süß - Film ohne Gewissen", im Bild: Moritz Bleibtreu (l) und Tobias Moretti, dramatisiert etwa die Entstehung von Veit Harlans antisemitischem Propagandafilm.

Der Fall Jud Süß gibt Romanautoren und Filmemachern Anlass zur Legendenbildung. Oskar Roehlers Verfilmung "Jud Süß - Film ohne Gewissen", im Bild: Moritz Bleibtreu (l) und Tobias Moretti, dramatisiert etwa die Entstehung von Veit Harlans antisemitischem Propagandafilm.© Herbert Pfarrhofer Der Fall Jud Süß gibt Romanautoren und Filmemachern Anlass zur Legendenbildung. Oskar Roehlers Verfilmung "Jud Süß - Film ohne Gewissen", im Bild: Moritz Bleibtreu (l) und Tobias Moretti, dramatisiert etwa die Entstehung von Veit Harlans antisemitischem Propagandafilm.© Herbert Pfarrhofer

Es war ein Justizmord. In diesem Punkt stimmten schon längst alle Historiker überein. Ernstzunehmende Diskussionen gibt es hingegen nach wie vor darüber, ob der am 4. Februar 1738 in Stuttgart hingerichtete Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer, genannt Jud Süß, ein völlig unschuldiges Opfer war oder ob er zwar zurecht verurteilt wurde, das Strafmaß jedoch - die Todesstrafe - aus reinem Antisemitismus absichtlich unverhältnismäßig hoch ausgefallen sei.

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Der Fall Jud Süß liegt noch lange nicht bei den Akten. Zu gegenwärtig ist die Gestalt des Joseph Süßkind Oppenheimer immer noch: 2010 wird Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" uraufgeführt, der sich auf Veit Harlans antisemitischen Propaganda-Film "Jud Süß" (1940) bezieht. Die Nibelungenfestspiele Worms zeigten in dieser Saison eine Dramatisierung des Stoffes von Dieter Wedel und Joshua Sobol, und unlängst ersteigerte das Landesarchiv Baden-Württemberg die Verteidigungsschrift für Oppenheimer. Das Dokument bestätigt: Es war Justizmord. Akte geschlossen? Keineswegs. Denn der Fall Jud Süß ist ein Paradebeispiel für den schlampigen Umgang mit der Geschichte, den Verteidiger, Ankläger und Romanautoren gleichermaßen betreiben.

Antisemitischer Hass zeigt sich auch in den Abbildungen. Es gibt von Süßkind Oppenheimer fast nur Spottdarstellungen wie dieses Porträt mit Folterwerkzeugen und Strick

Antisemitischer Hass zeigt sich auch in den Abbildungen. Es gibt von Süßkind Oppenheimer fast nur Spottdarstellungen wie dieses Porträt mit Folterwerkzeugen und Strick Antisemitischer Hass zeigt sich auch in den Abbildungen. Es gibt von Süßkind Oppenheimer fast nur Spottdarstellungen wie dieses Porträt mit Folterwerkzeugen und Strick

Im Grunde ist ein Schriftsteller schuld an dem Schlamassel - und es ist nicht Wilhelm Hauff. Die 1827 erschienene Novelle des Autors von Märchen wie "Kalif Storch", "Zwerg Nase" oder "Das kalte Herz" bedient zwar manch antisemitisches Klischee, prangert aber auch die Ungerechtigkeit des Urteils an.

Der Romanautor, der "Jud Süß" mit allen Klischees überzieht, die dieser Gestalt bis heute anhaften, ist ein jüdischer Autor, nämlich der deutsche Schriftsteller Lion Feuchtwanger (1884-1958). Zu seinem Werk gehören nicht nur kluge Abrechnungen mit dem Nationalsozialismus wie "Die Brüder Lautensack" oder die "Wartesaal-Trilogie", sondern auch historische Romane. Nur, dass der studierte Historiker Feuchtwanger mit der Historie frei umgeht, um seine Thesen zu exemplifizieren. Ein Roman wie "Der falsche Nero" etwa hat zwei Fehler: Die Parallelen zum Dritten Reich sind ebenso an den Haaren herbei gezogen wie die historischen Vorgänge unhaltbar sind. Aber das Buch liest sich spannend wie ein Thriller.

Jud Süß als Kapitalist, Finanzgenie, Modernisierer

Die Dramatisierung der Lebensgeschichte von Jud Süß wurde bei den diesjährigen Wormser Festspielen uraufgeführt. Im Bild: Rufus Beck mit dem Strick um den Hals.

Die Dramatisierung der Lebensgeschichte von Jud Süß wurde bei den diesjährigen Wormser Festspielen uraufgeführt. Im Bild: Rufus Beck mit dem Strick um den Hals.© Rudolf Uhrig Die Dramatisierung der Lebensgeschichte von Jud Süß wurde bei den diesjährigen Wormser Festspielen uraufgeführt. Im Bild: Rufus Beck mit dem Strick um den Hals.© Rudolf Uhrig

Wahrscheinlich ist auch "Jud Süß", 1925 erschienen, vor allem als Spannungsroman gedacht - und auf dieser Ebene funktioniert er heute noch tadellos. Feuchtwanger freilich will höher hinaus. Er, der politisch weit links steht und fallweise mit Bertolt Brecht zusammenarbeitet, sieht in Oppenheimer primär den Kapitalisten. Die Titelgestalt ist demnach eiskalt berechnend, verschlagen, opportunistisch und machtbesessen. Der Roman bedient damit die gängigen antisemitischen Klischees. Zu Veit Harlans Film ist es nur ein kleiner Schritt.

Dass der Film auf Feuchtwangers Roman basiert, ist jedoch unwahrscheinlich. Eher scheint es, als hätten Harlan und Eberhard Wolfgang Möller für ihr Drehbuch antisemitische Ressentiments mit der Erzählung Hauffs verquickt. Offenbar durch die Bezugnahme auf Hauff rutscht in den Film gegen Ende sogar eine seltsame propagandistische Antiklimax hinein: Das Gericht kann Oppenheimer nicht wegen der ihm zur Last gelegten Vergehen verurteilen, also sucht es ein anderes Vergehen und findet es in einer Sexualstraftat. Ein antisemitisch konditioniertes Publikum wird diesen Moment nicht wahrnehmen - aber es könnte sein, dass Harlans NS-Propagandafilm hier nolens volens das moralische Unbehagen des Hauff-Romans auf einer zweiten Ebene transportiert.

Doch was ist dran an dem historischen Süßkind Oppenheimer, dass er solche Legenden und Auseinandersetzungen hervorruft?

Die Fakten sind: Oppenheimer wird 1698 in Heidelberg geboren. Da ihm, wie allen Juden, der Grundbesitz und die Zugehörigkeit zu den Zünften untersagt ist, verlegt er sich auf Geldgeschäfte - und das mit solchem Geschick, dass er bald als potenter Privatfinanzier auftritt.

Im Herzogtum Württemberg ist der Regent per Gesetz auf die gleichsam mitregierenden Zunft- und Gildevertretung, die sogenannten Landstände, angewiesen. Als der Katholik Karl Alexander 1733 Herzog wird, blockieren die protestantischen Landstände prompt jedes seiner Vorhaben. Karl Alexander, der sich am (katholischen) französischen Hof orientiert, muss sich durch einen Geldgeber von den Landständen unabhängig machen. Hier tritt Oppenheimer auf den Plan. Der Fürst und das Finanzgenie verstehen sich vom ersten Moment an.

Karl Alexander ernennt Oppenheimer 1736 zum Geheimen Finanzrat. Oppenheimer gründet Manufakturen und eine Bank, die er selbst betreibt. Er besteuert erstmals Beamtenbezüge, veranstaltet Lotterien, deren Erlöse dem Land zugute kommen, verkauft Handelsrechte für Salz, Leder und Wein. Oppenheimer hat mit dem Umbau des Landes Erfolg, die Finanzen konsolidieren sich, die Modernisierung hält Einzug. Die Landstände bangen um ihren politischen Einfluss.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-08-22 15:45:19
Letzte Änderung am 2011-08-23 14:49:35


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