• vom 25.11.2011, 14:30 Uhr

Geschichte

Update: 29.11.2011, 13:49 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Vor 20 Jahren starb Anton Burger, SS-Hauptsturmführer und einer der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher, unerkannt in Deutschland. Eine Reihe von Fahrlässigkeiten hatte sein "Verschwinden" ermöglicht.

Öffentlich untergetaucht


Von Anna Sigmund

Anton Burger (r.) im Juni 1948 während seiner Zeit als Forstarbeiter in der Steiermark. - © Archiv Sigmund

Anton Burger (r.) im Juni 1948 während seiner Zeit als Forstarbeiter in der Steiermark. © Archiv Sigmund

Über 40 Jahre lang stand er auf der Liste der meist gesuchten NS-Kriegsverbrecher: Der SS-Hauptsturmführer Anton Burger aus Neunkirchen in Niederösterreich. Er war im Stab Adolf Eichmanns im Referat für Judenangelegenheiten in Wien und Brünn für Enteignung und Deportation zuständig gewesen. Als Lagerkommandant im KZ Theresienstadt verübte er unmenschliche Verbrechen und als Organisator von Judentransporten aus Budapest und Griechenland verschickte er Zehntausende nach Ausschwitz.

Werbung

Die Fahndung nach Burger verlief schon 1945 parallel zu der nach Eichmann, der sich in einem Interview, das er in seinem Versteck in Argentinien gab, über seinen treuen Helfer so äußerte: "Der Burger, das war ein Kerl. Las man ihm einen Befehl vor, war er schon ausgeführt. Ohne wenn und aber!" Eichmann wurde gefasst und in Jerusalem zum Tode verurteilt. Anton Burger blieb verschwunden.

Aus Burger wird Bauer
Anfang 1991 erhielt der als "Nazijäger" bekannte Simon Wiesenthal einen Hinweis auf den Verbleib von Eichmanns Mitarbeiter. Das war nichts Neues. Im Laufe der Jahre hatte man Burger schon mehrmals gesichtet: in Südamerika, dem Nahen Osten und den USA. Jedesmal verliefen die Spuren im Nichts. Doch diesmal fügte der anonyme Absender ein Paket mit Dokumenten bei. Dem Dossier zufolge sollte der Lagerkommandant von Theresienstadt noch leben - und zwar in Deutschland. Die Justiz nahm erneut Ermittlungen auf. Ihre Mühlen mahlten genau, aber langsam. Im Laufe des Sommers stand fest: Anton Burger hatte sich den Namen Wilhelm Bauer zugelegt.

Am 25. Dezember 1991 starb in einem Krankenhaus in Essen ein Mann an Darmkrebs. Der Name des 80-Jährigen auf dem Totenprotokoll lautete Wilhelm Bauer, geboren 1911 im einstigen Feldsberg in Tschechien. Bei der Vorlage eines Haftbefehls war der Gesuchte also bereits tot.

Allmählich lichtete sich das Dunkel um den NS-Verbrecher und ermöglichte eine lückenlose Rekonstruktion seines Lebens. Geboren wurde Anton Burger am 19. November 1911 im niederösterreichischen Neunkirchen. Der Vater war Papierhändler, die Mutter Hausfrau. Anton begann eine kaufmännische Lehre, arbeitete ein Jahr als Verkäufer und meldete sich dann zum österreichischen Bundesheer. 1931 trat er der NSDAP bei. Auf Grund dieser Mitgliedschaft wurde er 1933, nach dem Verbot der Partei in Österreich, unehrenhaft aus dem Bundesheer entlassen. Er übersiedelte nach Deutschland, wo Hitler bereits an der Macht war, erhielt eine Ausbildung bei der SA und erwarb die "Reichsbürgerschaft".

Als Mitglied der "Österreichischen Legion" nahm er 1934 am gescheiterten Putschversuch der Nazis zum Sturz der österreichischen Regierung teil. Unmittelbar nach Hitlers Einmarsch in Österreich im März 1938 kehrte Burger in seine Heimat zurück, wo er mit SA-Kameraden pogromartige Streifzüge durch den Zweiten Wiener Gemeindebezirk unternahm.

Die NS-Karriere des zuverlässlichen "Parteigenossen" Anton Burger, der von der SA zur SS wechselte, begann in der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" im Wiener Palais Rothschild. Der gelernte Verkäufer perfektionierte dort die technische Abwicklung, er wurde zum "Vertreibungsspezialisten" und stieg zum Leiter der Niederlassung des "Auswanderungsfonds für Böhmen und Mähren" in Brünn auf. Er brüstete sich damit, dass er rund 1500 jüdische Wohnungen und Häuser nach der Deportation ihrer Besitzer "verwaltet", das heißt geplündert hatte. In dieser Zeit heiratete Burger eine 24-jährige Niederösterreicherin. 1942 und 1943 kamen seine beiden Söhne zur Welt. Am 5. Juli 1943 übernahm Burger die Leitung des Lagers Theresienstadt. Er führte ein Schreckensregime. "Burger war gefürchtet, für geringste Delikte verhängte er grausamste Strafen", berichtete ein Überlebender des KZ.

Auf Burgers Befehl wurden Zehntausende Menschen, darunter viele Kinder, zur Ermordung nach Auschwitz geschickt. Im Februar 1944 übernahm Burger eine neue Aufgabe. Er schien Eichmann der richtige Mann für die Organisation der Deportation von Juden aus Südgriechenland, Athen und den ägäischen Inseln nach Auschwitz zu sein. Innerhalb kurzer Zeit waren es mehr als 40.000.

Im April 1945 versammelte Adolf Eichmann seine engsten Mitarbeiter in Altaussee im Salzkammergut um sich. Jeder, so auch Burger, erhielt für die Flucht 1000 Dollar und Goldmünzen. Dann trennte man sich. Bald sickerte Eichmanns Versteck in Fischerndorf Nr. 8 bei Aussee durch. Das amerikanische CIC (Counter Intelligence Corps) alarmierte österreichische Gendarmen, die - absichtlich oder irrtümlich - das Haus Fischerndorf Nr. 38 durchsuchten. Eichmann fanden sie dort nicht, jedoch den SS-Obersturmführer Burger. Sie nahmen ihn fest und übergaben ihn den Amerikanern.

Zum Tode verurteilt
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Burger zwei Jahre als "verdächtiger SS-Mann von unbekanntem Rang" im Internierungslager in Glasenbach bei Salzburg saß, während er zur internationalen Fahndung ausgeschrieben war und man ehemalige Kommandanten von Theresienstadt in Wien und Prag hinrichtete. In den Prozessen fiel auch Burgers Name. In Abwesenheit verurteilten ihn ein tschechisches Gericht und das Wiener Landesgericht zum Tode.




Schlagwörter

Historicum, NS-Zeit, Extra

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-11-25 14:20:14
Letzte Änderung am 2011-11-29 13:49:23


Beliebte Inhalte



Warum die Weiterfahrt verhindert wurde, weiß man bis heute nicht. - Yad Veshem
  • Autor kritisiert Wahlverhalten der heimischen serbischen Community.
  • weiter

Beim Klonen entnahmen die US-Wissenschafter unter anderem der Eizelle den Kern. - OHSU/dpa
  • Forscher klonen erstmals menschliche Stammzellen, daraus wird jedoch noch kein geklontes Kind geboren.
  • weiter

Klonen kann gefährlich sein, wie Steven Spielbergs "Jurassic Park" zeigt. - apa/Universal/Amblin
  • Klonen ist ein zentrales Thema der Science Fiction in Film und Literatur.
  • weiter

Der Schwarzweiße Vari auf Madagaskar ist eine jener bedrohten Arten, die aufgrund ihres Alters und ihrer Einmaligkeit in der Tierwelt unersetzbar wären. - epa, Quelle: Max-Planck-Institute for Ornithology
  • Mit vielen Arten "würde ein Stück Entwicklungsgeschichte sterben".
  • weiter

Als Edi Finger "narrisch" wurde: Hans Krankl schickt mit seinem Siegestreffer von Córdoba das deutsche Nationalteam bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 nach Hause. - Schnoerrer/epa/PictureDesk.com Wien. Welcher Raum bietet den idealen Rahmen für eine Ausstellung über "Meldungen, die Österreich bewegten"? Richtig...weiter

Dank und viel Beifall für Helmut Denk. - apa/Hochmuth
  • Scheidendes ÖAW-Präsidium zieht positive Bilanz und erhält Anerkennung.
  • weiter

Klonen kann gefährlich sein, wie Steven Spielbergs "Jurassic Park" zeigt. - apa/Universal/Amblin
  • Klonen ist ein zentrales Thema der Science Fiction in Film und Literatur.
  • weiter

Beim Klonen entnahmen die US-Wissenschafter unter anderem der Eizelle den Kern. - OHSU/dpa
  • Forscher klonen erstmals menschliche Stammzellen, daraus wird jedoch noch kein geklontes Kind geboren.
  • weiter




Werbung





Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

18. 5. 2013: Ein lesbisches Paar in Myanmar: Der "Internationale Tag gegen Homophobie" geriet weltweit zu einem bunten und eindringlichen Protest gegen Diskriminierung. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung