• vom 04.05.2012, 12:30 Uhr

Geschichte

Update: 04.05.2012, 13:18 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Vor 75 Jahren, am 6. Mai 1937, explodierte der Stolz der deutschen Luftschifffahrt, der Zeppelin "Hindenburg", beim Landeanflug in Lakehurst bei New York. Bei dem Unglück starben 36 Menschen.

Silberzigarre in Flammen


Von Michael Ossenkopp und Ulrich Zander

Der Augenblick der Katastrophe: 200.000 Kubikmeter Wasserstoff gehen in Flammen auf.

Der Augenblick der Katastrophe: 200.000 Kubikmeter Wasserstoff gehen in Flammen auf.Foto: US Navy Der Augenblick der Katastrophe: 200.000 Kubikmeter Wasserstoff gehen in Flammen auf.Foto: US Navy

"Da kommt es, meine Damen und Herren, und was für ein Anblick ist das, ein aufregender, ein wunderbarer Anblick."

Werbung

Mit ruhiger Stimme schildert Herbert Morrison das routinemäßige Anlegemanöver des größten Luftschiffes aller Zeiten, der LZ 129 "Hindenburg". "Die Seile sind ausgeworfen und die Männer am Boden haben sie aufgefangen. Die Heckmotoren des Schiffes halten es gerade in ausreichender Höhe, damit. . ." Plötzlich kippt die Stimme des Rundfunkreporters: "Es steht in Flammen, es steht in Flammen, es fällt, es stürzt ab. Achtung Leute, weg da, weg da. Es stürzt ab, furchtbar. Oh Gott, haut ab da, bitte. Es brennt, ist in Flammen aufgegangen, . . . und fällt auf den Ankermast . . . das ist furchtbar . . . eine der schlimmsten Katastrophen der Welt. Die Flammen schlagen 150 Meter in den Himmel, jetzt steht alles in Rauch und Flammen . . ."

"Herb" schluchzt, unterbricht immer wieder, ringt um Fassung. "Oh, die Menschheit und all die Passagiere", stammelt er, "die Passagiere. . ."

Obwohl Radiohörer die Reportage erst mit einem Tag Verzögerung zu hören bekamen, blieb sie der einzige Live-Augenzeugenbericht von der Jahrhundertkatas- trophe. Und sie dient bis heute dazu, die Wochenschau-Filmaufnahmen authentisch zu vertonen.

37 Sekunden Inferno
Das für undenkbar Gehaltene geschah am 6. Mai 1937, um 19.25 Uhr Ortszeit in Lakehurst nahe New York. Eine Explosion lässt Landungshelfer und Schaulustige erstarren. Der Bug des Luftschiffes richtet sich auf und innerhalb von 37 Sekunden ist der Zeppelin mit den Hakenkreuzen am Heck verbrannt, einzig das Aluminiumgerippe bleibt übrig. Das Bodenpersonal rennt um sein Leben; Sekunden zuvor hatten verzweifelte Passagiere noch versucht, aus der Gondel zu springen. "Ich dachte nur noch ,raus hier‘ und bin dann gesprungen. Vielleicht aus sechs oder acht Metern", erinnerte sich Albert Stöffler, einer der Bordköche.

Nicht alle hatten so viel Glück. Sie fielen in den Tod, weil sich das Schiff noch in zu großer Höhe befand. Wer den Sprung aber nicht wagte, lief Gefahr, im Inferno unterzugehen. Brennende Menschen taumeln aus der Flammenhölle, einige tragen nur noch ihre Schuhe. Die Schmerzensschreie der Verletzten hallen über das Flugfeld.

"Die ganze Luft war plötzlich ein Feuer", berichtete Werner Döhner, damals acht Jahre alt. Er überlebte mit schweren Verbrennungen. Seine Mutter hatte ihn und den Bruder kurzerhand aus dem Fenster geworfen. Mutter und Bruder überlebten, die Schwester und der Vater kamen um.

Das Unglück forderte 36 Menschenleben: 13 Passagiere, 22 Crewmitglieder und ein Arbeiter der Landemannschaft. Wie durch ein Wunder überlebten 23 Passagiere und 39 Mann Besatzung.

Die "Hindenburg" sollte ursprünglich "Deutschland" oder "Adolf Hitler" heißen. Der Diktator verbot den Namen, wohl um lästerliche Kommentare der Auslandspresse zu vermeiden, würde doch einmal etwas schief gehen. Denn trotz aller Sicherheitsvorkehrungen war ein Unfall des 247 Meter langen, 44 Meter hohen und 130 Tonnen "leichten" Giganten der Lüfte niemals ganz auszuschließen. Denn er war mit 200.000 Kubikmetern Wasserstoff gefüllt. Der ist brennbar und explosiv - die Crew bewegte sich daher auf Filzstiefeln über die Aluminiumstreben des Schiffes, um nur ja keine Funken auszulösen. Die Laufstege waren mit Gummi überzogen. Der Luftdruck im Fahrgastbereich war genügend hoch, um eindringenden Wasserstoff zu verdrängen. Vor jeder "Fahrt" wurden Streichhölzer und Feuerzeuge eingesammelt.

Die bessere Füllmasse für den Zeppelin wäre das nicht brennbare Helium. Doch das ist in den Dreißigerjahren fast ausschließlich im Besitz der USA. Da Wasserstoff billiger ist und auch auftriebsstärker, so dass mehr Passagiere untergebracht werden können, wählt man die profitabelste Lösung. Eine Entscheidung gegen die Sicherheit.

Schon beim Jungfernflug hatte das Luftschiff, benannt nach dem verstorbenen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, den Transatlantik-Weltrekord errungen. Die schnellste Fahrt von Lakehurst nach Frankfurt dauerte im August 1936 lediglich 43 Stunden. Angetrieben von vier je tausend PS starken Dieselmotoren, ging die Reise allein im Jahre 1936 zehnmal an die US-Ostküste und siebenmal nach Rio de Janeiro.

Deutschlands Stolz der Lüfte bot den Fahrgästen allen nur erdenklichen Luxus. Fünf Köche kümmerten sich um das leibliche Wohl, serviert wurden Menüs, die den Vergleich mit den besten Gourmettempeln nicht zu scheuen brauchten. Die kolossale "Fliegende Zigarre", beinahe so lang wie die Titanic, fuhr - für die Ohren der Passagiere nahezu lautlos - "auf Bodensicht", so dass man sich bei schönem Wetter am Anblick von Walen und Delfinfamilien erfreuen konnte. All das hatte seinen Preis. Die Überfahrt kostete rund 400 US-Dollar - und war für Otto Normalverbraucher unerschwinglich. Berühmtester Fluggast war Schwergewichtsboxer Max Schmeling, der nach seinem K.-o.-Sieg über den Amerikaner Joe Louis am 19. Juni 1936 in die Heimat zurückschwebte.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-04 11:17:11
Letzte Änderung am 2012-05-04 13:18:23


Beliebte Inhalte



Fotos der neu entdeckten Ruinenstadt gab es zu Redaktionsschluss noch nicht, aber ein Video: im Bild Überreste eines Gebäudes in Chact n in Mexiko. Videostill: UTube
  • Chactùn soll das Entscheidungszentrum einer Großregion gewesen sein.
  • weiter

Wien. (est) Es ist vier Mal so schwer wie ein Proton, sehr kurzlebig und elektrisch geladen: Ein neu entdecktes Teilchen...weiter

Wien. (est/dpa) Nicht nur vor dem Hintergrund des Internet-Überwachungsskandals durch die US-Regierung kann es Angst einflößen: Schweizer Forscher...weiter

Der Archäologe Ivan Sprajc vom Forschungszentrum der Slowenischen Akademie für Wissenschaften und Kunst, der die Mission leitete, erklärte, es handle sich mit Sicherheit um eine der größten Maya-Stätten der Region. - APAweb/EPA/JACINTO KANEK Mexiko-Stadt. Internationale Archäologen haben im Osten Mexikos eine vergessene Maya-Stadt entdeckt. Die antike Stätte im Bundesstaat Campeche sei...weiter

Mit Elementarteilchen, die im Beschleuniger von Med Austron erzeugt werden, soll Krebs bekämpft werden. - medaustron
  • Noch keine Verträge zur Finanzierung durch Niederösterreich unterzeichnet.
  • weiter

Neun Menschen erzielen die besten Resultate bei geringstem Aufwand. - corbis
  • Forscher untersuchten das Verhalten von Naturschützern in China.
  • weiter

Wien. (gral) Zumindest eine Million Österreicher leiden an Inkontinenz - die Dunkelziffer ist nicht abschätzbar. Dabei handelt es sich um eine...weiter

Das Lied allein genügt nicht: Froschweibchen wollen ihre Traumprinzen auch sehen. - Roland Knauer
  • Männchen imponieren Weibchen mit Lautstärke und körperlicher Attraktivität.
  • weiter

Wien. (est) Das Engagement heimischer Astrophysiker wird offenbar von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gewürdigt...weiter

Kaiserslautern/Linz. Wenn beispielsweise das Auge dem Hirn übermittelt, was man gerade liest, werden an den Nervenenden kleine Kanäle geöffnet, die...weiter




Werbung





Schwere Unwetterschäden nach einem Murenabgang im Ortskern von Hallstatt aufgenommen am Mittwoch, 19. Juni 2013. Nach einem heftigen Unwetter ist der Mühlbach über die Ufer getreten wobei eine Mure den Ortskern von Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut beschädigt hat.

Ein Fahrrad an einer Kreuzung mitten im 9. Bezirk war der etwas ungewöhnliche Rastplatz für ein Bienenvolk. Guten Tag, Lubango! Der Giraffen-Junge kam am Samstag, 15. Juni, zur Welt.

19.6.2013: Ein Turopolje-Schwein schwimmt in einem Teich im Tierpark in Schleswig-Holstein. Die robusten Schweine stammen ursprünglich aus den Flussniederungen der Save in Kroatien. Die Turopolje sind ausgezeichnete Schwimmer, die sich bei Überschwemmungen die Nahrung auch unter Wasser suchen und sogar nach Muscheln tauchen. Kunstraub der anderen Art: Von einer Hauswand  in London ausgemeißelt wurde im Februar das Banksy-Graffitikwerk "Slave Labour". Kurz darauf tauchte es bei einem Auktions-Haus in Miami in Florida wieder auf. Am 2. Juni wiederum wurde es trotz Proteste um 1,1 Millionen Dollar in London versteigert. Das Kulturbild der Woche geht nun für zwei Wochen auf Urlaub und ist am 24.Juni wieder zurück.

Werbung