• vom 11.05.2012, 14:00 Uhr

Geschichte

Update: 11.05.2012, 15:36 Uhr
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Stefan Zweig wird heute meist als Nostalgiker verstanden, der sich nach der "Welt von gestern" sehnte. Aber sein Roman "Ungeduld des Herzens" verfolgt durchaus auch politische und kritische Anliegen.

Brüchige Verhältnisse


Von Margarete Wagner

Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" wird heuer bei den Festspielen Reichenau in einer Bühnenfassung von Stefan Slupetzky aufgeführt. Merle Wasmuth verkörpert die Edith und Marcello de Nardo ihren Vater. Premiere ist am 6. Juli.

Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" wird heuer bei den Festspielen Reichenau in einer Bühnenfassung von Stefan Slupetzky aufgeführt. Merle Wasmuth verkörpert die Edith und Marcello de Nardo ihren Vater. Premiere ist am 6. Juli.© Festspiele Reichenau / Carlos de Mello Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" wird heuer bei den Festspielen Reichenau in einer Bühnenfassung von Stefan Slupetzky aufgeführt. Merle Wasmuth verkörpert die Edith und Marcello de Nardo ihren Vater. Premiere ist am 6. Juli.© Festspiele Reichenau / Carlos de Mello

Stefan Zweig, der heute gerne zum "großen" oder "ersten Europäer" stilisiert wird, war gewiss nicht das, was man unter einem politischen Schriftsteller versteht (was ihm bisweilen auch vorgeworfen wurde), aber er verfügte durchaus über eine eigenständige politische Meinung und über genug politisches Einschätzungsvermögen, um bereits 1934, nach einer schikanösen Durchsuchung seines Domizils in Salzburg, Österreich zu verlassen.

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Es waren die widrigen, von den Hetzreden des Nationalsozialismus aufgepeitschten Zeitumstände, die den überzeugten Pazifisten zwangen, sich von seiner Exilposition im Ausland aus rückblickend mit den ungelösten politischen und sozialen Problemen jener "guten alten Zeit" näher zu befassen, welche die beiden großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die zwei Weltkriege, heraufbeschworen hatten. Es ist zu kurz gegriffen, Stefan Zweig als reinen Nostalgiker abzutun: Weder seine autobiographische Aufarbeitung "Die Welt von gestern" noch sein einziger zu Lebzeiten (1938) erschienener Roman, "Ungeduld des Herzens", sind eine Verklärung der Vergangenheit, der Donaumonarchie kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Spät, aber doch stellte Zweig vom Exil aus seiner aus den Fugen geratenen Zeit die Diagnose und setzte damit zugleich dem untergehenden assimilierten Judentum Mitteleuropas ein literarisches Denkmal.

Brüchige Gesellschaft
Die Literaturwissenschaft schloss freilich lange Zeit beharrlich die Augen vor Zweigs Bemühungen, die unheilvollen Zeichen seiner Zeit zu enträtseln und auf ihre Ursachen zurückzuführen. Auch die beiden Verfilmungen des Romans, eine englische aus dem Jahre 1949 und eine französische Fernsehverfilmung aus dem Jahre 1979, zeigen weniger die Risse, die bereits 1914 durch die Gesellschaft gingen, wie etwa die Kluft zwischen Arm und Reich, Zivilbevölkerung und Militär, Juden und Nichtjuden, Frauen und Männern, die sich bei Zweig durchaus thematisiert finden, sondern einen verklärenden Rückblick auf Herzenskrisen im gehobenen Milieu des Fin de Siècle, ausgelöst durch einen feschen Leutnant der Kavallerie in schmucker Uniform.

Information

Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" ist im S. Fischer Verlag, Frankfurt, in mehreren Ausgaben erhältlich.

Obwohl gerade die schmerzliche Sehnsucht der Außenstehenden und Ausgegrenzten zu Zweigs häufigsten Motiven zählt, enthält die Aussage seines Romans dennoch bedeutend mehr als ein augenscheinliches Ausdifferenzieren von Gefühlen wie Liebe, Mitleid und "Ungeduld des Herzens": Chiffriert führt er die Lebensunfähigkeit des alten, in absolutistischer Erstarrung manövrierunfähig gewordenen österreichischen Erbadels am Beispiel der boshaften alten und kinderlosen Fürstin Orosvár vor, die das ihrer Familie anvertraute altösterreichische Kulturerbe "par dépit" ("aus Enttäuschung") an ihre unbedeutende und von ihr gedemütigte Gesellschafterin verschleudert.

Ihr wiederum wird diese ganze Herrlichkeit von dem kleinen, jüdischen Agenten Lämmel Kanitz, der symbolisch für den skrupellosen Wirtschaftsliberalismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts steht, abgeschwatzt. Graf Lajos von Kekesfalva - so nennt sich von jetzt an der unermesslich reich gewordene Lämmel Kanitz - heiratet aber aus Liebe das ahnungslose Opfer seiner schmutzigen Machenschaften, lässt sich taufen, erwirbt einen Adelstitel und magyarisiert seinen Namen.

Graf von Kekesfalva als Verkörperung des Großkapitalismus wird nun zum getreuen Sachwalter dieses altösterreichischen Kulturerbes aus der Zeit des Feudalismus. Aber schon die nächste Generation ist aufgrund übermäßiger Verwöhnung nicht mehr imstande, dieses Erbe zu übernehmen: Kekesfalvas einzige Tochter Edith ist nach einem Reitunfall gelähmt und bedürfte ihrerseits eines Sachwalters, der nach dem Tod ihres Vaters sowohl für ihre zerbrechliche Gesundheit und ihr Glück als auch für die Verwaltung ihres Vermögens Sorge trägt.

Die Hoffnungen, die das jüdische Großkapital vor dem Ersten Weltkrieg in die Stärke der österreichische Armee setzte, dass sie das Reich und die hier herrschenden wirtschaftlichen und politischen Zustände würde beschützen und bewahren können, erfüllten sich nicht, denn der Erste Weltkrieg führte den völligen Zusammenbruch von Reich und Gesellschaft herbei.

Enttäuschte Hoffnung
Und so kann natürlich auch der junge, aus ärmlichen Verhältnissen stammende Kavallerieleutnant Anton Hofmiller nicht die großen Hoffnungen erfüllen, die Edith und ihr Vater in ihn setzen: Er kann, obwohl er aus "Ungeduld des Herzens" in beiden Hoffnungen erweckte, nichts zur Stärkung und Heilung Ediths beitragen, ja er verleugnet sogar aus Feigheit vor seinen Regimentskameraden seine Verlobung mit der gelähmten Halbjüdin.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzt dem scheinbar so glanzvollen Leben auf Schloss Kekesfalva ein Ende: Edith begeht, da sie sich von Hofmiller in ihrer Liebe zurückgewiesen glaubt, Selbstmord, ihr Vater stirbt vor Schreck an Herzversagen.

Der Roman "Ungeduld des Herzens", der in der Literaturwissenschaft oft als zu lange geratene Novelle oder als missglückter großer österreichischer Roman wahrgenommen wird, bringt aber noch eine zweite Vorkriegssituation thematisch ein: Der Beginn des Romans spielt nämlich im Jahre 1938, kurz vor dem Münchner Abkommen, und zeigt einen Anton Hofmiller, der mit knapper Not den Ersten Weltkrieg überlebt hat und für seine Tapferkeit den Maria Theresienorden erhielt.

Stefan Zweig mit seiner zweiten Frau Charlotte. Vor 70 Jahren, am 23. Februar 1942, schied das Ehepaar, das im brasilianischen Exil lebte, gemeinsam aus dem Leben.

Stefan Zweig mit seiner zweiten Frau Charlotte. Vor 70 Jahren, am 23. Februar 1942, schied das Ehepaar, das im brasilianischen Exil lebte, gemeinsam aus dem Leben.© Hulton-Deutsch Collection/CORBIS Stefan Zweig mit seiner zweiten Frau Charlotte. Vor 70 Jahren, am 23. Februar 1942, schied das Ehepaar, das im brasilianischen Exil lebte, gemeinsam aus dem Leben.© Hulton-Deutsch Collection/CORBIS




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-10 18:05:18
Letzte Änderung am 2012-05-11 15:36:31


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