
Kristallisiertes Licht. Oder als würde versteinertes Wasser funkeln. Und doch ist der Diamant nur ein enger Verwandter des schwarzen, schmutzigen Dings, mit dem wir heizen: Kohle. Die Chemie will es so. "C" ist beider Formel. Die Kohle ist die verunreinigte Form, der Diamant die reine. Das Wort leitet sich vom lateinischen "Diamas" ab, der Bezeichnung für besonders harte Mineralien. Wird der Rohdiamant zum Schmuckstein geschliffen, heißt er Brillant. In der Antike sagt man den Steinen magische Kräfte nach. Bis heute gibt man ihnen Namen, die von ihrer Besonderheit künden. Und jeder mehr oder minder große Diamant auch eine mehr oder minder große Geschichte.
In der des "Beau Sancy" ereignet sich heute, Dienstag, ein gravierender Einschnitt. Vierhundert Jahre lang war er Teilnehmer an der europäischen Geschichte. Heute kommt er im Auktionshaus Sotheby’s in Genf zur Versteigerung, und es ist unwahrscheinlich, dass man erfährt, wo er sein Dasein weiter fristen wird. Der Safe eines russischen Oligarchen kommt da ebenso in Frage wie der eines japanischen Großindustriellen oder eines Ölscheichs. Dass ein Adelshaus die geschätzten drei Millionen Euro hinblättern wird, gilt als zweifelhaft.

Obwohl der "Beau Sancy" natürlich ein Adeliger ist: Am 13. Mai 1610 betritt er in der Basilika von Saint-Denis die Weltbühne auf der Spitze der Krone, die Maria de’ Medici aufs Haupt gesetzt wird, um die gebürtige Florentinerin als französische Königin an der Seite ihres Gemahls Henry IV. auszuweisen.
Der tropfenförmige Stein ist mit seinen 34,98 Karat der kleine und jüngere Bruder des 55,23-karätigen "Sancy", dessen erster Besitzer Karl der Kühne war und der sich jetzt im Besitz der Familie Astor befindet, die ihn dem Louvre als Leihgabe zur Verfügung stellt. "Sancy" heißen die Steine nach ihrem ersten europäischen Besitzer, Nicolas de Harlay, Sieur de Sancy.
75.000 Livres blättert der König dem Diplomaten 1604 auf den Tisch. Offenbar weiß Henry IV., dass er seine Frau irgendwie über seine dauernden außerehelichen Affären hinwegtrösten muss. Vielleicht kommt es auf diese Weise zur Behauptung, Diamanten seien die besten Freunde der Frau.
Viel Glück bringt der Stein Maria de’ Medici jedoch nicht: Einen Tag nach ihrer Krönung wird ihr mit den Calvinisten liebäugelnde Mann von einem katholischen Fanatiker ermordet. Sie übernimmt die Regentschaft für ihren noch minderjährigen Sohn Louis. Als dieser 16 Jahre alt wird und als Louis XIII. selbst regieren will, ist Mutter damit gar nicht einverstanden - aber sie schätzt die Machtverhältnisse falsch ein und wird vom Sohn kurzerhand des Landes verwiesen.
Sie flieht nach Amsterdam. Dort ist sie gezwungen, ihre Wertsachen zu Geld zu machen. Den "Beau Sancy" kauft ihr Prinz Frederik Hendrik von Oranien-Nassau für 80.000 Gulden ab. Im Staatshaushalt des Jahres 1641 ist das der höchste Posten.
"Beau Sancy" wird Deutscher
Bei einem Erbschaftsstreit zwischen dem Haus Oranien-Nassau und den brandenburgisch-preußischen Hohenzollern fällt diesen der "Beau Sancy" zu. Friedrich I. von Preußen bestimmt den Stein zum Schmuck seiner Krone. Aus dieser lässt ihn sein Sohn und Nachfolger Friedrich II. wieder entfernen. Vielleicht mochte "der Große" keinen großen Schmuck, vielleicht machte er es auch nur als Demonstration der Abneigung gegen seinen Vater. Jedenfalls schenkt er den Stein seiner Frau, Königin Elisabeth Christine, die ihn, zusammen mit anderen Diamanten, zu einem Bouquet arrangieren lässt. Der Stein bleibt im Besitz der Hohenzollern.
Als Wilhelm II., letzter deutscher Kaiser und König von Preußen, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg 1918 ins Exil nach Holland flieht, bleibt der "Beau Sancy", wie der Rest der Kronjuwelen, in Berlin. Am erstaunlichsten: Nicht einmal nach dem Zweiten Weltkrieg vergreifen sich die Siegermächte an den Juwelen. Für kurze Zeit annektieren zwar die Briten den Schatz, doch wenig später geben sie ihn dem Nachlass des Hauses Preußen zurück.
So kommt es, dass Prinz Georg Friedrich von Preußen, heute Familienoberhaupt der Hohenzollern, über den Stein verfügen kann - und ihn in eine möglicherweise unwürdige Zukunft schickt.
"Wer kann, der kann", sagen die Bayern - und auch der Preuße kann: Er ist auch beim Verkauf von Prestigeobjekten wie dem "Beau Sancy" niemandem Rechenschaft schuldig, egal, ob er vom Erlös ein Spital für krebskranke Kinder baut oder eine Nobelvilla für sich selbst.
Was einem traditionsbehafteten Stein im schlimmsten Fall passieren kann, lehrt die Geschichte des "Blauen Wittelsbacher": Er war aus der Krone des ehemaligen bayerischen Königshauses gebrochen worden und in die Hände der Millionärin Heidi Horten gekommen. Die wiederum ließ ihn 2008 von Christie’s versteigern. Der Londoner Juwelier Lawrence Graff kaufte den Stein, der als Wunder galt. Jetzt heißt der Stein "Wittelsbacher Graff" - der Juwelier ohne Traditionsbewusstsein schliff den Brillanten nämlich um und ruinierte ihn damit. Denn die Geschichte eines Steins ist mit seiner Erscheinungsform, also mit seinem Schliff, verbunden. Wird er umgeschliffen, mag er seinen Geldwert behalten, aber er ist nicht mehr jener Stein, der Könige und Fürsten durch die Geschichte ihrer Nationen begleitete.
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