• vom 29.06.2012, 14:00 Uhr

Geschichte

Update: 29.06.2012, 14:14 Uhr
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Wanderer zwischen Welten


Von Christian Hütterer

  • Vor siebzig Jahren starb in Positano ein Mann, dessen Biographie bis heute mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt: Im Leben von Lew Nussimbaum alias Essad Bey vermischten sich Fantasie und Wirklichkeit.

Galt in der Weimarer Republik als eine Kapazität in orientalischen Fragen: Lew Nussimbaum alias Essad Bey.

Galt in der Weimarer Republik als eine Kapazität in orientalischen Fragen: Lew Nussimbaum alias Essad Bey.Osburg Verlag Galt in der Weimarer Republik als eine Kapazität in orientalischen Fragen: Lew Nussimbaum alias Essad Bey.Osburg Verlag

Am 20. Oktober 1905 wurde Lew Abramowitsch Nussimbaum geboren, aber schon sein Geburtsort gibt das erste Rätsel auf: Während er selbst Baku als Geburtsstadt nannte, deuten alle noch existierenden Dokumente darauf hin, dass er tatsächlich in Kiew geboren wurde.

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Nussimbaum hatte seine Herkunft stets ausgeschmückt: Seiner eigenen Darstellung nach war sein Vater ein reicher Prinz persisch-türkischer Abstammung, seine Mutter hingegen eine kommunistische Aktivistin. Der Legende nach verliebte sich Lews Vater in das Mädchen und heiratete es, um so dessen drohende Deportation nach Sibirien zu verhindern. Die Tatsachen jedoch lauten: Lew Nussimbaums Vater war ein Jude aus der Ukraine und in der boomenden Ölstadt Baku zu großem Reichtum gekommen.

Die Ehe der Eltern dauerte nicht lange, denn als der kleine Lew sechs Jahre alt war, beging seine Mutter Selbstmord. Ein deutsches Kindermädchen namens Alice Schulte übernahm die Pflege des Kindes, wurde ihm bald zu einer Ersatzmutter und brachte ihm Deutsch bei.

Nach dem frühen Tod seiner Mutter wurde der Bub von seinem Vater besonders behütet und wuchs - von anderen Kindern isoliert - in einem Palast in Baku auf. Nur selten unternahm die Familie Ausflüge, und so musste der Bub seine Fantasie benutzen, um sich die Welt außerhalb des Hauses auszumalen. Zeit seines Lebens blieb ihm diese lebhafte Vorstellungskraft erhalten, oft gewann sie die Oberhand über die Realität - selbst in seinen autobiographischen Werken verschmolzen Tatsachen und Erfundenes. Aber auch die Umbrüche der Geschichte erschweren die Suche nach dem wahren Lew Nussimbaum, denn viele Archive wurden in den Revolutionen und Kriegen des 20. Jahrhunderts zerstört.

Der "Pockennarbige"
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges kam es wie in ganz Russland auch im Kaukasus zu bürgerkriegsähnlichen Revolten. Vater und Sohn Nussimbaum flohen über das Kaspische Meer nach Usbekistan und Persien, von wo aus sie schließlich wieder nach Baku zurückkehrten. Aserbaidschan wurde nach einer kurzen Zeit der Unabhängigkeit von bolschewistischen Truppen besetzt.

Nussimbaum lernte in dieser Zeit Stalin kennen, den er Zeit seines Lebens den "Pockennarbigen" nannte und über den er Jahre später eine Biographie schreiben sollte. Nach dem Sieg der Bolschewiken entschied sich der Vater, Aserbaidschan endgültig zu verlassen, und so verlor Lew im Alter von 14 Jahren seine Heimatstadt Baku, an die er stets mit Sehnsucht zurückdenken sollte.

Die Flucht führte die Familie über Tiflis, Istanbul und Rom nach Paris. Dort konnten die beiden noch im gewohnten Reichtum leben, denn der Vater verkaufte seine Rechte an den aserbaidschanischen Ölfeldern. Als das Geld aber nach einiger Zeit zur Neige ging, zog die Familie in das billigere Berlin. Nach seiner turbulenten Jugend kam Lew Nussimbaum in Deutschland zur Ruhe, die Familie lebte in der russischen Exilgemeinde und der junge Mann lernte Autoren wie Vladimir Nabokov oder Boris Pasternak kennen.

Er begann an der Friedrich-Wilhelms-Universität orientalische Sprachen und Geschichte zu studieren, und bei der Inskription verwendete Nussimbaum zum ersten Mal jenen Namen, unter dem er bekannt werden sollte: Essad Bey. Seine Hinwendung zu allem Orientalischen gipfelte darin, dass er 1922 auf der türkischen Botschaft in Berlin zum Islam konvertierte. Ab diesem Zeitpunkt scheint es, als habe Lew Nussimbaum nie existiert, es gab nur mehr Essad Bey, dessen Herkunft aber ungeklärt blieb.

Orient-Experte
In weiten orientalischen Gewändern und mit einem Dolch bewaffnet, erregte Nussimbaum Aufsehen in den Salons von Berlin. Zugleich gelang es ihm, innerhalb kurzer Zeit in Künstlerkreisen Fuß zu fassen, und gleich der erste schriftstellerische Versuch des erst 24-Jährigen wurde zu einem Erfolg: In dem Buch "Öl und Blut im Orient" beschrieb er seine Flucht vor den Kommunisten durch Zentralasien. Mit weiteren Publikationen über den Kaukasus erwarb sich Nussimbaum den Ruf eines Experten für diese Region. In der Weimarer Republik galt er bald als eine der größten Kapazitäten in orientalischen Fragen.

In Nussimbaums Darstellungen ist das "rätselhafte, oft beschriebene und viel bewunderte Land des Kaukasus" ein beinahe magischer Ort, an dem die wichtigsten Kulturen der Welt zusammentreffen und ihre Vertreter in einem nahezu idyllischen Frieden miteinander leben können. Das Land ist "europäisch und asiatisch zugleich, vom Westen und vom Osten empfangend und beiden gebend". Dieses harmonische Lebensgefühl kulminierte in der Stadt Baku: "Bunte Menschen schreiten durch ihre Straßen, über alle Rassen und alle Sprachen weht der Wind den Sand der großen Wüste, Russen und Aserbaidschaner, Georgier und Perser, Armenier und Juden, Schweden und Deutsche, Polen und Griechen."

Mit der Veröffentlichung seines ersten Buches begann eine Phase von enormer Produktivität. Als Nussimbaum zwölf Jahre später starb, hatte er neben unzähligen Zeitungsartikeln siebzehn Bücher geschrieben und in vielen Ländern Vorträge gehalten. Seine Veröffentlichungen wurden im Laufe der Zeit immer politischer und Nussimbaum wandelte sich von einem Darsteller des idyllischen Kaukasus zu einem Autor, der vor allem gegen den Kommunismus und Stalin anschrieb.




Schlagwörter

Orient, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-28 18:20:37
Letzte Änderung am 2012-06-29 14:14:43


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