• vom 09.07.2012, 16:57 Uhr

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Zum 100. Geburtstag des Forschungsreisenden Heinrich Harrer

Reisender für das "Dritte Reich"


Von Edwin Baumgartner

  • Heinrich Harrer war SS-Mann
  • und Lehrer des Dalai Lama.

Einer der letzten großen Forschungsreisenden: Heinrich Harrer.

Einer der letzten großen Forschungsreisenden: Heinrich Harrer.© dpa/DB Einer der letzten großen Forschungsreisenden: Heinrich Harrer.© dpa/DB

Keine herausragende Persönlichkeit übersteht eine Diktatur unbeschadet. Denn Diktaturen versichern sich der Mitarbeit herausragender Persönlichkeiten. Wer mitarbeitet, wird moralisch korrumpiert, wer die Mitarbeit verweigert, zur Emigration genötigt oder ermordet. Hinzu kommt ein anderes Faktum: Ist die Dauer der Diktatur absehbar, kann man eventuell durchtauchen. Doch 1933 ist das Ende des Nationalsozialismus keineswegs vorprogrammiert. Wer Karriere machen will, muss sich arrangieren.

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Und Heinrich Harrer, am 6. Juli 1912 im Kärntner Obergossen geborener Lehrer für Geografie und Sport, will nicht Lehrer bleiben. Er strebt eine Karriere als Sportler und Forscher an. Er weiß, dass er für die Karriere, die ihm vorschwebt, Rückhalt im Deutschen Reich braucht, und für diesen Rückhalt muss er der NSDAP beitreten. Vielleicht begeistert sich das Mitglied des Akademischen Turnvereins Graz anfänglich sogar wirklich für den Nationalsozialismus. Immerhin tritt Harrer bereits im Oktober 1933 im Untergrund der SA bei. Später nennt er das einen "dummen Fehler" und einen "ideologischen Irrtum".

Zu dieser Zeit scheint eine Karriere als Sportler vorgezeichnet, und Harrer ist in vielen Sparten erfolgreich: Er punktet als Akademischer Abfahrtsweltmeister und als Österreichischer Golfmeister. 1936 soll Harrer an den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen in den Disziplinen Abfahrt und Slalom teilnehmen, dann aber boykottieren Österreich und die Schweiz die Spiele wegen Streitigkeiten um den Profi-Status von Skilehrern.

Heiratsvermittler Himmler
1938 gelingt es Harrer, mit einem Husarenstück die nationalsozialistischen Machthaber auf sich aufmerksam zu machen: Zusammen mit Anderl Heckmair, Fritz Kasparek und Ludwig Vörg schafft er von 21. bis 24. Juli die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand, ein Prestigeprojekt der Nationalsozialisten. Heckmair, Kasparek und Vörg sind weitgehend unpolitisch. Harrer hingegen demonstriert deutlich, wo sein Herz schlägt: Noch vor der Tour war er am 1. April 1938 der SS, am 1. Mai der NSDAP beigetreten. Adolf Hitler empfängt die vier Bergsteiger und schenkt jedem von ihnen ein Foto. Der Name Heinrich Harrer bleibt ihm besonders im Gedächtnis haften. Reichsführer-SS Heinrich Himmler selbst ist die treibende Kraft hinter der Ehe Harrers mit Lotte Wegener, der Tochter des deutschen Polarforschers Alfred Wegener. Wegener, der die Theorie der Kontinentalverschiebung aufstellte, war 1930 im Grönlandeis ums Leben gekommen und gilt, obwohl nicht völkisch gesinnt, den Nationalsozialisten als ein Held der deutschen Wissenschaft. Die Ehe Harrers, der Sohn Peter entspringt, hält allerdings nur ein paar Jahre.

Im Sommer 1939 nimmt Harrer an einer deutschen Forschungsmission zum Nanga Parbat teil. Leiter der von der Deutschen Himalaya-Stiftung organisierten Expedition ist deren hauptamtlicher Geschäftsführer, der Österreicher Peter Aufschnaiter, wie Harrer NSDAP-Mitglied.

Deutscher Tibet-Rausch
Doch was treibt die Nationalsozialisten ins damals kaum erforschte Tibet? Weshalb erklären sie den Nanga Parbat zum "Schicksalsberg der Deutschen"? Es hat mit den mystisch-esoterischen Vorstellungen zu tun, die eine Säule des Nationalsozialismus darstellen. Vor allem Heinrich Himmler, der schon seine SS als eine Art nationalsozialistischen Orden versteht, hängt dieser dunklen Mystik an. 1935 gründet Himmler die "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe" mit dem Ziel, die arische Rasse zu erforschen. Basis sind die okkulten Lehren der gebürtigen Russin Helena Petrovna Blavatskaja.

Der österreichische Okkultist Adolf Joseph Lanz, der sich Jörg Lanz von Liebenfels nennt, und der österreichische Esoteriker Guido von List destillieren daraus die "Ariosophie". Kern dieser Lehre ist, in grauer Vorzeit habe es eine ur-arische Rasse gegeben, abstammend von den Bewohnern des untergegangenen Atlantis. Himmler war überzeugt, die arischen Atlanter hätten sich und ihre prä-antike Zivilisation in den Himalaja gerettet. Damit gerät Tibet in den Brennpunkt nationalsozialistischer Interessen.

Schon 1934 befasst sich der Spielfilm "Der Dämon des Himalaya", den der gebürtige Ungar Andrew Marton mit dem deutschen Hans Ertl als Kameramann in Tibet drehte, mit einer deutschen Himalaya-Expedition. 1938 schickt Himmler eine Expedition unter Leitung des Zoologen Ernst Schäfer nach Tibet, die es versteht, eine Einladung des tibetischen Ministerrats zu organisieren und damit das Einreiseverbot der britisch-indischen Behörden auszuhebeln. Die Expeditionsteilnehmer vermessen die Köpfe von rund 300 Tibetern und nehmen Masken ab. Der Film "Geheimnis Tibet" dokumentiert die Expedition, rund 400 Publikationen versetzen das sogenannte Dritte Reich in einen Tibet-Rausch: Tollkühne SS-Männer als Wissenschafter und Forscher, die SS als die Gruppierung, in der geistige Elite, Abenteuerlust und ariosophische Mystik verschmelzen - das ist es, was der Nationalsozialismus braucht.



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Dokument erstellt am 2012-07-09 17:05:05


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