Migration ist heute in der politischen Diskussion ein Dauerthema. Dabei werden seit der Osterweiterung der Europäischen Union immer wieder Befürchtungen laut, dass das wohlhabende Österreich von einer Einwanderungswelle aus den wirtschaftlich benachteiligten Ländern des ehemaligen Ostblocks überrollt werden könnte. Blättert man allerdings in aktuellen Telefonbüchern, erkennt man rasch, dass Wanderungsbewegungen in Mittel- und Osteuropa zu allen Zeiten ein Thema waren.
Im habsburgischen Vielvölkerstaat gab es jedoch nicht nur eine bemerkenswerte Binnenwanderung, vielmehr suchten zwischen 1899 und 1914 über vier Millionen Menschen ihr Glück außerhalb der Grenzen Österreich-Ungarns. Etwa drei Millionen von ihnen wanderten in die Vereinigten Staaten von Amerika aus - aus heutiger Sicht eine österreichische Migrationsgeschichte mit umgekehrten Vorzeichen.
Der überwiegende Teil der Auswanderer aus der Donaumonarchie nutzte die Häfen Hamburg, Bremen, Rotterdam und Antwerpen als Tor für ein erhofftes, besseres Leben. Geschäftstüchtige norddeutsche Reeder wie Heinrich Wiegand und Albin Ballin hatten früh erkannt, dass die Riesendampfschiffe des Norddeutschen Lloyd Bremen oder der Hamburg-Amerika Linie (HAPAG) nur mit I. und II. Klasse-Passagieren nicht wirtschaftlich betrieben werden konnten. Auswanderer sollten daher die Kassen füllen. So überzog schon bald ein Netz von windigen Agenten den Kontinent, welche einen "Menschenhandel" unvorstellbaren Ausmaßes organisierten. Unter abenteuerlichen Versprechungen - diese reichten bis zur fingierten Zusage des "Kaisers von Amerika", den misstrauischen Auswanderer aufzunehmen - lotsten sie Millionen verarmter Menschen in die großen norddeutschen Hafenstädte.

Der Weg über Triest
Österreich-Ungarn sah dieser gesamteuropäischen Entwicklung bis Anfang des 20. Jahrhunderts nahezu tatenlos zu. Dabei besaß das Land mit Triest eine aufstrebende Hafenstadt, von der aus seit 1837 Schiffe des Österreichischen Lloyd - der größten Schifffahrtsgesellschaft der Monarchie - vorzüglich das Mittelmeer, die Levante und den Fernen Osten ansteuerten. Für die heimische Reederei spielte das Auswanderergeschäft allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Bemerkenswert war allenfalls die Auswanderung aus Dalmatien ins boomende Ägypten, wo junge Auswanderer von reichen Ägyptern und Levantinern gerne als Hauspersonal angestellt wurden.
Erst im Jahr 1904 schlossen sich die beiden Triestiner Reedereien Austro-Americana und Fratelli Cosulich zur "Vereinigten Österreichischen Schiffahrtsgesellschaft" zusammen, und am 9. Juni 1904 stachen auf dem Dampfschiff "Gerty" von Triest aus die ersten 47 Auswanderer unter österreichisch-ungarischer Handelsflagge nach Nordamerika in See.
Die Auswanderungsstatistiken der folgenden Jahre bescheinigen der heimischen Reederei durchaus Erfolge. Im Jahr 1909 verließen beispielsweise 21.479 Auswanderer - darunter 10.449 Österreicher - von Triest aus Europa. Zwei Drittel der Migranten steuerten Nord- und ein Drittel Südamerika an. Die weiterhin als Austro-Americana werbende Reederei unterhielt einen 14-tägigen Passagierdienst nach New York und unternahm mehrere Fahrten im Jahr nach Südamerika. Die statistischen Daten zeigen aber auch, dass Triest im genannten Jahr nur für weniger als zehn Prozent der transatlantischen Auswanderer aus der Monarchie Ausreisehafen war. Diese bescheidene Prozentzahl gründete nicht zuletzt darin, dass die Dampfschiffe der Austro-Americana im Verhältnis zu den Riesendampfern ausländischer Reedereien vielfach als zu klein, zu langsam und zu wenig komfortabel galten.
Die Situation verbesserte sich jedoch 1912 mit der ersten Fahrt des Doppelschraubendampfers "Kaiser Franz Josef", dem größten Handelsschiff Österreich-Ungarns. Das 14 Meter längere Schiff konnte neben 620 Passagieren in der I. und II. Klasse auch noch 1600 Zwischendeckauswanderer aufnehmen. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 19 Knoten, die Fahrt von Triest nach New York verkürzte sich dadurch um einen Tag, bei Wegfall von vorher üblichen Zwischenhalten sogar um drei Tage.
Heime und Herbergen
Die heute immer wieder geführten Diskussionen über Flüchtlings-Aufnahmezentren regen zum Vergleich mit jenen Einrichtungen an, welche Migranten in den Auswanderungshäfen vorfanden. Vorbildlich war seinerzeit Ballins riesige Auswandererstadt in Hamburg, die auf einer Fläche von 60.000 m² bis zu 5000 Auswanderer aufnehmen konnte. Ein Pavillonsystem ermöglichte die Unterbringung nach Nationalitäten und Konfessionen. In Bremen waren die Auswanderer dezentralisiert in 56 Logierhäusern untergebracht, desgleichen in Antwerpen. Demgegenüber zeigte Rotterdam mit Ausnahme des Auswandererhotels der Holland-Amerika Linie, die hässliche Kehrseite des Auswanderungsgeschäfts: unhygienische, überbelegte Herbergen, überteuerte Hafenschenken, betrügerische Agenten und Gauner, die sich an der Unerfahrenheit der einfachen Auswanderer bereicherten. Vor besonderen Herausforderungen standen unbegleitete Frauen und Mädchen, die als Opfer des verbreiteten Frauenhandels nicht selten der Prostitution zugeführt wurden.
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