• vom 09.08.2012, 14:00 Uhr

Geschichte

Update: 09.08.2012, 16:44 Uhr
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Wohllaut und Perfektion


Von Michaela Schlögl

  • Vor 100 Jahren starb mit Jules Massenet der Meister der eleganten, anti-modernen Oper der französischen Jahrhundertwende, die mit "Manon" und "Werther" lebendig geblieben ist.

"Komponist der Frauen" hat man ihn genannt, sein künstlerisches Œuvre wurde als "weibliche" Musik bezeichnet. Es war nicht als Kompliment gemeint. Manche Rezensenten gingen noch weiter: Schien ihnen eine Oper geschmäcklerisch, sentimental oder gar kitschig, so fiel sein Name: Es klinge nach Massenet. Untergriffe dieser Art waren vereinzelt schon zu des Komponisten Lebzeiten vernehmbar.

Anna Netrebko als "Manon" in der Wiener Staatsoper.

Anna Netrebko als "Manon" in der Wiener Staatsoper.© EPA Anna Netrebko als "Manon" in der Wiener Staatsoper.© EPA

Renée Fleming hingegen outet sich im Katalog der Massenet-Jubiläums-Ausstellung der Pariser Oper im heurigen Frühjahr so: "Ich liebe die Musik Massenets über alles . . . Er liebte Sopranstimmen, wie vielleicht nur noch Richard Strauss, der ihm so viel verdankt . . . " Solche Vokal-Passionen der Sänger-Stars locken das Publikum: Wenn der französische Melodien-Schmeichler Massenet auf dem Programmzettel aufscheint, freuen sich Fans auf Sopran- und Tenor-Festspiele.

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In manchen Pausengesprächen freilich geht das nasenrümpfende Lamento weiter. Die Vorwürfe: Massenets Musik bediene sich einer Überdosis französischen Charmes und versprühe zu schweres Parfüm. Doch melden sich stets auch seine Anhänger zu Wort: so jene, für die etwa die Szene in St. Sulpice im dritten Akt der Oper "Manon" schlicht die pure, blutvolle Quintessenz des Genres Oper verkörpert.

Der Ideologienstreit Massenet-Süchtige contra Spötter wird wohl weitergehen. Doch, abgesehen vom Werk: Seine Lebensumstände vermögen vielleicht beide "Parteien" zu interessieren. Und: Sie sind von Österreich-Bezügen durchwoben.

Ein Vorzugsschüler
1842 wird Jules als Jüngstes von zwölf Kindern geboren: Seine männlichen Vorfahren sind Mathematiker, Offiziere, ein Großvater wirkt als Geschichtsprofessor in Straßburg.

Jules Vater, Alexis, ist promovierter Bergbauingenieur der Bergakademie in Freiberg in Sachsen und hat eine zwölfköpfige Kinderschar. Jules nennt man den Benjamin, der am 12. März 1842 in Montaud, im Loiregebiet, nahe der Industriestadt St. Etienne, auf die Welt kommt: "Unter dem Taktschlag der Hämmer", wird er später erzählen - denn der Vater strebt nach einer Offizierskarriere unter Napoleon den zivilen Rang des Industriekapitäns an. Er gründet eine Sichel- und Sensenfabrik, für die er sich einen Facharbeitertrupp eigens aus Tirol holt. Frankreich kann sich dadurch von einer drückenden Importabhängigkeit befreien, alleine 1815 muss man 800.000 Stück Sensen einführen, unter anderem aus der Steiermark.

Um den Kindern eine adäquate Ausbildung zu ermöglichen, zieht die Familie nach Paris. Die hochgebildete Mutter gibt ihrem Sechsjährigen just am 24. Februar 1848 die erste Klavierstunde: Ein Tag, der dem Kind in Erinnerung bleiben wird: Schon zum Frühstück stürzt das Dienstmädchen unter dem aufgeregten Ruf "Aux armes citoyens" in das Zimmer . . . Die Juli-Monarchie ist gefallen - doch die Mutter lässt sich nicht vom Unterricht abbringen.

Jules ist begabt. Er wird in die Klavierklasse des Konservatoriums aufgenommen - und er liebt den Unterricht dort fanatisch. Dann siedelt die Familie wegen der angeschlagenen Gesundheit des Vaters nach Savoyen, in das Städtchen Chambery. Doch das Kind ist unglücklich. Es vermisst das Pariser Konservatorium schmerzlich. 1854 reißt der 12-Jährige von zu Hause aus. Ziel: Paris. Sechs Stunden geht der Knabe zu Fuß, mit einem "Barvermögen" von 20 Sous in der Hosentasche . . .

Er schafft es bis Lyon, wo ihn ein Freund der Eltern durch Zufall aufgreift. Von einem Gendarmen eskortiert, wird er nach Hause zurückgeschickt. Dort kommen wieder Trübsinn, Angstgefühle und eine große Unzufriedenheit über ihn. Diese geht übrigens soweit, dass er mit seinem Vornamen zeitlebens hadern wird. Noch knapp vor seinem Tod notiert er: "Sollte man jemals irgendwo eine Straße oder einen Platz nach mir benennen, bitte nur: Place Massenet." Eine Marotte, vielleicht. Oder aber: Beweis seiner auch verbalen Sensibilität.

Massenet kann die Texte seiner Libretti stets auswendig. Das erleichtert ihm das Komponieren, das dann "überall" erfolgen kann: im Restaurant, auf der Straße. Wenn er Texte erstmals liest, streicht er für ihn verwertbare Stellen mit bunten Bleistiften an. So lernt er, und er lernt leicht. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass die Eltern nach seinem Fluchtversuch schließlich nachgeben: Jules darf zurück nach Paris. Er setzt dort die geliebten Klavierstudien am Konservatorium fort, wird ein hervorragender Pianist. Seine Kompositionslehrer werden Charles Gounod und Ambroise Thomas, der auch sein Freund wird.

Italien und die Liebe
Italien wird für Massenet zum Erweckungserlebnis an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Mit 21 Jahren darf er seine Studien mit einem gewonnenen Rom-Preis-Stipendium abschließen. Die Reise inspiriert ihn vielfältig, in Venedig lauscht er abends, wenn der Hafen schließt, den österreichischen Trompeten: sie klingen "fremdartig und schön" - er notiert die Sequenz und verwendet sie 25 Jahre später im vierten Akt der Oper "Le Cid".

Jules Massenet (1842-1912).

Jules Massenet (1842-1912).© Wikipedia Jules Massenet (1842-1912).© Wikipedia




Schlagwörter

Jules Massenet, Extra, Oper

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-09 16:35:12
Letzte Änderung am 2012-08-09 16:44:41


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