• vom 09.08.2012, 14:00 Uhr

Geschichte

Update: 09.08.2012, 17:04 Uhr

Christoph Wilhelm Hufeland

Die Kunst, gesund zu sein




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Von Andreas Walker

  • Vor 250 Jahren wurde der deutsche Arzt Christoph Wilhelm Hufeland geboren, der vor allem als engagierter Verfechter der Makrobiotik berühmt geworden ist.

Wer würde sich nicht wünschen, hochgradig alt zu werden? Vielleicht gar 200 Jahre? Dieses Alter hielt zumindest der Mediziner Christoph Wilhelm Hufeland für Menschen möglich. Mit der Bitte um einen Kommentar schickte er sein Buch "Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern" 1796 an Immanuel Kant (1724-1804), in dem er einen Gleichgesinnten vermutete. Kants Antwort erschien als letzter Teil im "Streit der Fakultäten".

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Kant lobte Hufelands Ansinnen, das "Physische im Menschen moralisch zu behandeln" und wie dieser befürwortete er das Verhüten von Krankheiten durch eine entsprechende Lebensweise. Doch weist er auch auf ein zentrales Problem der Makrobiotik hin: "Dahin führt die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern: dass man endlich unter den Lebenden nur so geduldet wird, welches eben nicht die ergötzlichste Lage ist."

Hufeland studierte in Jena und Göttingen Medizin und dissertierte - beeinflusst von Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), der in Göttingen Physik, Mathematik und Astronomie unterrichtete - über "den medizinischen Nutzen der elektrischen Kraft beim Scheintod". Ab 1793 war er Professor an der Universität Jena. Ende des 18. Jahrhunderts wurde er Hofmedikus in Weimar. Zu seinen Patienten zählten u. a. Goethe, Schiller und Wieland. 1809 wurde er erster Professor für spezielle Pathologie und Therapie an der neu gegründeten Universität Berlin und zum Dekan der Fakultät ernannt.

Kampf dem Scheintod
An der Berliner Charité rief Hufeland die erste deutsche Poliklinik für arme Leute ins Leben. Bereits 1792 gründete er in Weimar das erste Leichenschauhaus Deutschlands. In diesem waren spezifische Vorkehrungen getroffen, um Scheintote nicht lebendig zu begraben: Der Wärter sollte durch ein Glasfenster in seiner Dienststube die aufgebahrten Leichen in der angrenzenden Leichenkammer bis zur beginnenden Verwesung beobachten können. Finger und Zehen sollen über Fäden mit Glöckchen verbunden gewesen sein, die jede Regung des Scheintoten signalisierten. Bei wieder einsetzenden Lebenszeichen standen anregende Getränke und Stärkungsmittel bereit.

Doch waren es nicht seine Verdienste auf medizinischem Gebiet, sondern sein Einsatz für die Makrobiotik, der Hufeland berühmt machen sollte. Keineswegs hatte er die Kunst, mittels Diätetik auf ein langes Leben hinzuwirken, erfunden. Herodot berichtet im dritten Buch seiner "Historien" von den Aithiopern, die durch ihre Lebensweise 120 Jahre alt würden. Sie ernährten sich nur von gekochtem Fleisch und Milch. Vor allen Dingen aber benutzten sie ein leichtes Quellwasser, in dem sie sich wuschen.

Der Zusammenhang von Ernährungs- und Trinkgewohnheiten und langem Leben ist auch im "Corpus Hippocraticum" festgehalten, in welchem es heißt, man könne nicht gleichzeitig ein Gourmand und ein Trinker sein. Pythagoras, der selbst über achtzig Jahre alt geworden ist, riet den Menschen zur Mäßigung im Essen, Trinken und in Liebesangelegenheiten. Das Beste sei ungekochte Nahrung und zum Trinken Wasser, der Verzicht auf Fleisch, bestimmte Fische wie Meerbarben und Bohnen. Diogenes Laer-tius berichtet allerdings, dass man Pythagoras nie lachen gesehen habe.

Platon, um die Vorzüge diätetischer Lebensweise wohl wissend, hat gerade über diejenigen Ärzte gespottet, denen es zwar gelang, das Leben ihrer Patienten zu verlängern, die dabei jedoch versagten, deren Lebensqualität mit zu befördern. Platon sah auch, dass eine rein aufs Körperliche bezogene Diät um eine Diät des Seelenlebens ergänzt werden müsse.

Die zweite Quelle, aus der Hufeland schöpfte, geht von dem von Aristoteles in der "Metaphysik" behandelten Begriff der Entelechie aus. Entelechie bezeichnet den Umstand, dass etwas sein Ziel in sich selbst hat, und lässt sich als Lebensprinzip deuten. Diese teleologische Vorstellung vom Lebendigen dominierte im Mittelalter und wurde vom Rationalismus mit seinen mechanistischen Vorstellungen kritisiert. Der Annahme, der Leib sei eine bloße Maschine, widersprachen wiederum Mediziner wie Georg Ernst Stahl (1659-1734) und Théophile de Bordeu (1722-1776), die das Lebensprinzip durch eine "anima" oder "vis vitalis" erklärten. Hufeland synthetisierte die Ansichten seiner Vorläufer zur "Lebenskraft", welche "die feinste, durchdringendste, unsichtbarste Tätigkeit der Natur" sei.

Maßnahmen zur Verlängerung des Lebens gab es freilich bereits vor Hufeland. So führt er den Arzt Herman Boerhaave (1668-1738) an, der angeblich den Amsterdamer Bürgermeister neben zwei jungen Leuten schlafen ließ, um dessen Kräfte zu stärken. Es galt bereits im Mittelalter als treffliche Maßnahme für die Vitalität älterer Männer, neben Jungfrauen zu nächtigen. Ihr Atem sollte revitalisierende Kräfte haben. Marsilio Ficino (1433-1499) riet, das Blut junger Menschen mit Zucker zu trinken und das Saugen an der Brust eines jungen, fröhlichen und schönen Mädchens bei Vollmond, um das Alter zu erhalten oder gar zu verjüngen.

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Dokument erstellt am 2012-08-09 16:44:12
Letzte Änderung am 2012-08-09 17:04:45



24. Februar 1817
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