• vom 28.02.2013, 11:06 Uhr

Geschichte

Update: 28.02.2013, 11:17 Uhr

Fernsehen

Mahnmal im Fernsehen




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Von Bernhard Baumgartner

  • W24 bringt mit "Strom der Erinnerung" 150 Interviews mit Holocaust-Opfern
  • W24 will der jüdischen Gemeinde Rudolfsheim ein Denkmal setzen.

Wien. Das Grätzel um die Herklotzgasse in Rudolfsheim war vor dem Holocaust eine stolze jüdische Gemeinde. Eine große Synagoge mit 800 Plätzen, ein Kindergarten (übrigens der erste in Wien, der nach Maria Montessori arbeitete), eine Turnhalle und Vereine boten ein reiches soziales und kulturelles Leben für die Menschen, die in dem Grätzel ihre Heimat hatten.

Der ehemalige Turnertempel in Rudolfsheim.

Der ehemalige Turnertempel in Rudolfsheim.© Foto: herklotzgasse21 Der ehemalige Turnertempel in Rudolfsheim.© Foto: herklotzgasse21

In Rudolfsheim-Fünfhaus war die soziale Organisation mehrerer Gemeindebezirke gebündelt, zahlreiche jüdische Organisationen waren in der Herklotzgasse 21 untergebracht. Die Entrechtung und Beraubung, Vertreibung und Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten hat auch die architektonischen und städtebaulichen Manifestationen dieses Lebens weitgehend aus der Stadt getilgt.


150 Tage, 15 Minuten lang
Aber die Erinnerung wird nicht nur am Leben erhalten, sondern auch gefestigt und ausgebaut. Eine Gruppe engagierter Menschen hat es sich zum Ziel gesetzt, das Leben vor dem Holocaust zu dokumentieren und wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Information

Seit 2007 wird aufgearbeitet, in Archiven gegraben und vor allem der Kontakt mit den Überlebenden gesucht. 2007 und 2009 wurden in zwei Reisen dutzende Stunden Interviews mit 20 Überlebenden des Holocausts, die Wurzeln in Rudolfsheim haben, geführt.

Nun steigt der Wiener Kabelsender W24 mit einem wohl einzigartigen Projekt in die Bemühungen ein. Ab Montag wird täglich um 20 Uhr ein 15 Minuten langes Interview mit ehemaligen Bewohnern des Viertels gesendet, die ihre Erinnerungen an das Vorkriegswien teilen. 150 Tage lang soll der "Strom der Erinnerungen", wie der Sender das Projekt nennt, fließen. Zwei Themenabende mit Diskussionen sollen vertiefen und flankieren.

Einer der Interviewten ist Moshe Jahoda, einst das erste Kindergartenkind in der Herzklotzgasse. Er musste die Novemberpogrome noch am eigenen Leib miterleben, bevor er kurz vor dem Krieg mit einem Kindertransporte in Palästina eintraf.

"Es war uns ein Anliegen, den Menschen ein Denkmal zu setzen", sagt W24-Programmdirektor Michael Kofler im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Ein Denkmal, das Kofler aber nicht nur als Mahnmal verstanden wissen will. Denn die Interviews spiegeln nicht primär die Opferrolle der Vertriebenen wider, vielmehr zeigen sie auch, wie das Leben im Exil gelingen konnte: "Das sind wunderbare Gesprächspartner: selbstbewusst und offen - Menschen, die sich ein Leben und tolle Familien aufbauen konnten. Die kann man nicht auf die Opferrolle reduzieren."

"Faszinierende Gespräche"
Denn in den Lebensgeschichten der etwa 20 Gesprächspartner spiegelt sich auch die Geschichte des Judentums in den vergangenen 70 Jahren: der Holocaust, die Shoa, die Staatsgründung Israels im Kontext des Lebens des Einzelnen. "Faszinierende Gespräche" seien das, teils humorvoll, teils extrem bewegend. "Anhand der Gespräche kann man die Dimension dieses Verbrechens an der Menschheit im Spiegel der persönlichen Lebensgeschichte erst ermessen", sagt Kofler. Allen Gesprächspartnern ist gemein, dass sie Wurzeln in der Gegend um die Herklotzgasse hatten und vertrieben wurden. Die Interviews fanden zum Teil unter Anwesenheit der Kinder der Überlebenden statt, ihre Gespräche und Interaktionen wurden ebenfalls gefilmt. Alle Interviews wurden auf Deutsch geführt. Ein einziges Interview wurde auf Englisch geführt und untertitelt, weil Eddy Zuckerkandl aufgrund der traumatischen Erlebnisse die Erinnerung an seine Muttersprache verloren hat.

Das Projekt "Strom der Erinnerung" will die Berichte der Zeitzeugen möglichst ungekürzt und in ihrer ursprünglichen Form wahrnehmbar machen und diesen dabei ihre ungeschmälerte Individualität respektvoll belassen. Im Herbst ist auch die Herausgabe einer DVD-Edition geplant, die die Interviews weiter verfügbar halten soll, etwa auch für Schulen oder andere Projekte, die sich mit dem jüdischen Leben befassen.




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Dokument erstellt am 2013-02-28 11:11:04
Letzte Änderung am 2013-02-28 11:17:30




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