• vom 24.05.2013, 20:40 Uhr

Geschichte

Update: 24.05.2013, 20:58 Uhr

LBI ArchPro

Radarblicke in die Vergangenheit




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Von Heiner Boberski

  • Einzigartiger Häuptlingssitz der Wikinger entdeckt
  • Österreichische Archäologen sind Weltspitze in der nicht-invasiven Erkundung aussichtsreicher Grabungsstätten.

Rekonstruktion der Überreste des wikingerzeitlichen Häuptlingssitzes in Borre. - © LBI Arch Pro/Wallner

Rekonstruktion der Überreste des wikingerzeitlichen Häuptlingssitzes in Borre. © LBI Arch Pro/Wallner

Wien. Das Wikingermuseum ist eine der wichtigen touristischen Attraktionen der norwegischen Hauptstadt Oslo. Dass man immer mehr über die Wikinger, ihre Schiffsbestattungen und Bauten weiß, ist vor allem auch dem Wiener Ludwig Boltzmann Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (LBI Arch Pro) zu verdanken, dessen Direktor Wolfgang Neubauer jüngst neueste Forschungsergebnisse präsentierte.

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"Ein bedeutender Platz für die nationale Identität der Wikinger war Borre", sagte Neubauer. An diesem Ort im Oslofjord kam es 1852 beim Abbau von Schotter für den Straßenbau zum ersten Fund eines Monumentalgrabs aus der Zeit von 600 bis 900 nach Christus. Von insgesamt mindestens zwölf solchen Monumentalgräbern, die primär vom Meer aus sichtbar waren, sind neun erhalten. Typisch für die Wikinger waren die Aufbahrung der Toten in großen Hallen und Schiffsbestattungen. Bisher wurde Borre als Bestattungsplatz mit dem aus den nordischen Sagen bekannten Clan der Ynglinger verbunden, neue DNA-Analysen belegen jedoch, dass hier Mitglieder verschiedener Familien ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Das LBI Arch Pro hat, so Neubauer, "neue nicht-invasive Methoden entwickelt, um das archäologische Erbe sichtbar zu machen", und zwar großflächig in erstaunlich kurzer Zeit. Die Arbeit basiert auf Photogrammetrie, flugzeuggestützem Hyperspektralscannen und Laserscanning aus der Luft - mit dem Partner "Airborne Technologies" in Wiener Neustadt. Airborne-Chef Wolfgang Grumeth erklärte, wie vielfältig Luftprospektion heute angewendet wird, oft aus militärischen oder wirtschaftlichen Gründen.

Die Archäologen führen auch geophysikalische Messungen am Boden durch. Das LBI Arch Pro hält hier mit seinem neuen Quad-Bike einen Weltrekord: fünf Hektar in sechs Stunden mit einer Auflösung von acht mal vier Zentimetern. Mit Radarantennen kann man etwa zwei Meter tief in die Erde blicken.

Die großflächige Prospektion aus der Luft und dann auch auf dem Boden gibt Aufschlüsse, an welchen Stellen sich eine Grabung lohnt. Dort, wo schon gegraben wurde, kann der Radarblick von oben größere Zusammenhänge offenbaren. In Borre ließ sich nach neuen Vermessungen die Existenz einer strukturierten Hafenanlage mit Wellenbrechern und Hafenbecken nachweisen.

Noch interessanter war, was im März 2013 eigens für diese Untersuchungen entwickelte schneetaugliche Bodenradarsysteme enthüllten. Neben Flakstellungen und Laufgräben aus dem Zweiten Weltkrieg kamen die Überreste eines typischen Langhauses aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts mit mehreren Nebengebäuden zum Vorschein. Für den Bau wurde eine Terrasse von 1500 Quadratmeter Fläche aufgeschüttet, der Innenraum maß etwa 650 Quadratmeter. Die Forscher sehen Borre nun nicht mehr als reinen Versammlungs- und Bestattungsplatz, sondern als wikingerzeitlichen Häuptlingssitz.

Große Konferenz in Wien
Von 29. Mai bis 2. Juni 2013 findet die 10. Internationale Konferenz über Archäologische Prospektion im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien statt. Wolfgang Neubauer, der die Teilnehmer begrüßen wird, ist mit seinem Team ein international gesuchter Partner auf seinem Gebiet. Die österreichischen Archäologen waren in den letzten Jahren an Schlagzeilen machenden Entdeckungen in Stonehenge (Großbritannien) und Birka (Schweden) und nun in Norwegen beteiligt. Zur "Wiener Zeitung" nannte Neubauer auf die Frage, wo er noch besonders gerne Messungen durchführen würde, spontan Island und das Gebiet der Etrusker in Italien.

Das 2010 gegründete LBI Arch Pro sei ein "Vorzeigeinstitut" der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, sagt deren Geschäftsführerin Claudia Lingner. Die Gesellschaft mit früher 130 Instituten hat ihre Forschung nun in 17 Instituten und 5 Clustern gebündelt und beschäftigt 380 Mitarbeiter.




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Dokument erstellt am 2013-05-24 17:14:04
Letzte Änderung am 2013-05-24 20:58:02




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