• vom 18.12.2013, 16:27 Uhr

Geschichte


Neandertaler

Wilde Intimitäten der Vorfahren




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Von Roland Knauer

  • Denisovaner und Neandertaler gingen lange gemeinsame Wege - sibirische Neandertaler eng verwandt
  • Im Erbgut finden Forscher auch Spuren von sehr alten Menschenlinien.

In dieser Denisova-Höhle fanden russische Forscher die Neandertalerzehe.

In dieser Denisova-Höhle fanden russische Forscher die Neandertalerzehe.© Bence Viola/EVA In dieser Denisova-Höhle fanden russische Forscher die Neandertalerzehe.© Bence Viola/EVA

Berlin. Bei der Partnerwahl kannten unsere frühen Vorfahren offenbar wenig Tabus. Als Kay Prüfer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig und sein Team das Erbgut einer Neandertaler-Frau untersuchten, deren Zehenknochen im zentralasiatischen Altai-Gebirge gefunden worden war, fanden sie Hinweise, dass so mancher Frühmensch vielleicht sogar zwangsläufig eher wenig Zurückhaltung bei der Wahl ihrer Geschlechtspartner zeigte. Im Fachmagazin "Nature" schildern die Forscher, dass nicht nur nahe Verwandte wie Halbgeschwister gemeinsame Kinder zeugten, sondern auch Nachkommen zur Welt kamen, deren Elternteile verschiedenen Menschenlinien angehörten.


Exakte Analyse möglich
Rund 50.000 Jahre war das 2,6 Zentimeter lange Knöchelchen einer vierten oder fünften Zehe in der Denisova-Höhle im Süden Sibiriens gelegen, als Anatoli Derevianko, Michael Shunikov und ihre Kollegen von der Russischen Akademie der Wissenschaften es 2010 dort fanden. Aus dem Erbgut eines in derselben Höhle entdeckten Fingerknochens schlossen die EVA-Forscher Johannes Krause und Svante Pääbo sodann im gleichen Jahr, dass dort eine bisher unbekannte Linie der Frühmenschen gelebt hatte. Diese "Denisovaner" waren näher mit den Neandertalern als mit den modernen Menschen verwandt.

"Wir vermuteten zunächst, der Zehenknochen könnte ebenfalls von einem Denisovaner sein", erinnert sich Kay Prüfer. Das aus einigen Milligramm Knochenmehl gewonnene Erbgut brachte jedoch eine Überraschung: "Die Frau gehörte eindeutig zu den Neandertalern", erklärt der Forscher.

Bei der Erbgutanalyse greifen die Max-Planck-Wissenschafter auf eine breite Palette ausgefeilter Techniken zurück, die sie laufend weiter entwickeln. Auch eine Portion Glück ist dabei: "Das Erbgut in den Knochen aus der Denisova-Höhle ist fantastisch gut erhalten", so Prüfer. Daher konnten sie jeden Baustein der 50.000 Jahre alten DNA rund 50 Mal überprüfen - besser geht es selbst beim heutigen Menschen nicht. Diese Genauigkeit erlaubte faszinierende Blicke in die komplizierte Geschichte unserer Vorfahren, der Frühmenschen.

Anhand fossiler Knochen nehmen Forscher an, dass sich vor zwei Millionen Jahren der Frühmensch Homo erectus in Afrika entwickelte. In mehreren Wellen wanderte er Richtung Asien und Europa aus, Neandertaler und Denisovaner entstanden aus einer späteren Migration. In Afrika entwickelte sich dann vor rund 200.000 Jahren der moderne Mensch, der später nach Asien und Europa kam.

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Dokument erstellt am 2013-12-18 16:32:04




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