• vom 13.12.2014, 10:30 Uhr

Geschichte


Wiener Kongress

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Von Christian Hlavac

  • Vor 200 Jahren starb Charles-Joseph de Ligne in Wien.
  • Der Offizier, Diplomat und Dichter prägte den Begriff vom "tanzenden Kongress", was seine Rolle als Teilnehmer am damaligen Geschehen aber nur unvollständig wiedergibt.

Schloss Beloeil in Wallonien, der Familiensitz, auf welchem Ligne in Friedenszeiten oft lebte.

Schloss Beloeil in Wallonien, der Familiensitz, auf welchem Ligne in Friedenszeiten oft lebte.© Hlavac Schloss Beloeil in Wallonien, der Familiensitz, auf welchem Ligne in Friedenszeiten oft lebte.© Hlavac

Charles-Joseph de Ligne ist ob seiner zahlreich überlieferten Bonmots in die europäische Geschichte eingegangen. Seine letzte schlagfertige Bemerkung machte er am Totenbett: Anfang Dezember 1814 konnte er aufgrund eines "bösartigen Rothlauffiebers" (laut Totenschauprotokoll) nur mehr im Bett liegen. Henrich Graf zu Stolberg-Wernigerode berichtet in seinem Tagebuch, dass eine Tochter Lignes, Marie-Louise-Elizabeth Clary, an seinem Bett niedergekniet und des Vaters Hand geküsst haben soll. Dies soll er auf Französisch mit "Mein Gott, betrachten Sie mich schon als einen Heiligen?" kommentiert haben.

Er spielte damit auch darauf an, dass er - obwohl politisch ohne Einfluss und ohne Vermögen - eine zentrale Figur am Wiener Kongress war, dessen erste Monate er als 79-Jähriger noch erlebte. Zahlreiche Teilnehmer des Kongresses berichteten von den Einladungen des "von Geist und Witz sprießenden" Fürsten in dessen einfachem Haus auf der Mölkerbastei. In diesem Gebäude fiel auch sein bekanntestes Bonmot, welches verkürzt und seines Sinnes beraubt, als "Der Kongress tanzt" in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist.

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Mehrere Versionen
Die Interpretation des Ausspruches ist schwierig, weil Ligne ihn kurz vor seinem Tod machte. Wenn er nicht bald darauf gestorben wäre (am 13. Dezember 1814), hätte er sein Bonmot sicher irgendwann in einer seiner Schriften veröffentlicht. So aber sind wir auf Zeitzeugen angewiesen, die den Ausspruch in mehreren Versionen überliefert haben.

Am häufigsten sind die drei Varianten "Le congrès ne marche pas; il danse" (Der Kongress kommt nicht vom Fleck; er tanzt), "Le congrès danse, il ne marche pas" (Der Kongress tanzt, aber er schreitet nicht voran) und "Le congrès danse bien, mais il marche mal" (Der Kongress tanzt gut, aber es funktioniert nicht richtig) nachzuweisen. In den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch ist nur "Der Kongress tanzt" eingegangen, womit der feine französische Wortwitz verschwunden ist.

In zahlreichen Beiträgen rund um das Jubiläum "200 Jahre Wiener Kongress" wird seine Bemerkung über die politische Veranstaltung missverständlich interpretiert: Ligne nahm weder nur Bezug auf das reiche kulturelle und vergnügliche Programm, noch kritisierte er ausschließlich die Schwerfälligkeit der Verhandlungen. Der Ausspruch lebt von der Vielfältigkeit des Verbes "marche". Dies bedeutet "laufen", "gehen" im Sinne von funktionieren, "arbeiten", aber auch "schreiten". Diese Doppeldeutigkeit betraf auch Ligne selbst, da er als berühmter Mann - trotz hohen Alters - Teil der Wiener Festivitäten war. Bei einem gemeinsamen Besuch mit Auguste Graf de La Garde in seinem Sommersitz am Kahlenberg meint Ligne im Herbst 1814, dass er hier "dem Getümmel der Feste [entrinne], der Ermüdung des Vergnügens und dieser Masse von Hoheiten. Hier [ . . .] schöpfe [ich] neue Kräfte, die ich dann jeden Abend in dem unaufhörlichen Freudenrausch des Kongresses wieder vergeude".

Charles-Joseph François-Lamoral-Alexis de Ligne - geboren am 23. Mai 1735 in Brüssel - ist als Offizier, Diplomat, Dichter, Briefschreiber, Europa-Reisender, Gartenpublizist und Gartenbesitzer in die europäische Geschichte eingegangen. Er stammte aus einer Reichsfürstenfamilie mit dem Stammschloss Beloeil (Wallo-nien), welches von 1714 bis 1794 in den Österreichischen Niederlanden lag.

Europäische Wurzeln
Die Verbundenheit des Hauses Ligne mit dem regierenden Hause Habsburg ging so weit, dass Kaiser Karl VI. und dessen Frau Elisabeth Christine Taufpaten von Charles-Joseph wurden. Durch seine Tätigkeit als Kammerherr in jungen Jahren am Wiener Hof, seine Zeit als Offizier der österreichischen Armee und seine verwandtschaftlichen Verhältnisse mit böhmischen, ungarischen und österreichischen Adelsfamilien lebte er sich in die österreichische, ständische Kultur ein, ohne seine europäischen Wurzeln zu negieren.

Ein Grund mag darin liegen, dass er mit einunddreißig Jahren das Familienvermögen mit Besitzungen im Hennegau, in Flandern, Frankreich, Polen, Österreich, Spanien, Böhmen und auf der Krim übernahm. Er nannte sich in Österreich einen Franzosen, in Frankreich einen Österreicher - und einmal so, einmal so in Russland.

Seine zahlreichen zu Lebzeiten veröffentlichten Briefe machten Ligne zu einer in Europa berühmten Persönlichkeit. Johann Friedrich Reichardt berichtet in seinen "Vertrauten Briefen" von seinen Besuchen bei Ligne in Wien: Dieser sei trotz des hohen Alters "lebhaft", und ihn zeichne ein "stets reger, sprudelnder Witz" aus.

Graziöse Leichtigkeit
Einige Zeitgenossen und Biographen schrieben ihm bestimmte Eigenschaften zu. Goethe verlieh ihm das Prädikat "frohster Mann des Jahrhunderts", Voltaire betitelte ihn als einen der "liebenswürdigsten Menschen Europas". Die knappe, pointierte Ausdrucksweise, seine Heiterkeit und seine "graziöse Leichtigkeit" besaßen im Zeitalter des Rokoko ein hohes Ansehen, jedoch am Ende seines Lebens waren die lebensfrohen Epochen des Spätbarocks und Rokokos bereits vorbei; die Französische Revolution und Napoleon Bonaparte fegten das Ancien Régime von der politischen und gesellschaftlichen Bühne.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-12-11 17:50:08
Letzte ─nderung am 2014-12-12 13:21:04




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