• vom 18.07.2015, 18:00 Uhr

Geschichte


Potsdamer Konferenz 1945

Codename "Endstation"




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Die Konferenz tagt: Stalin ist am linken Bildrand oben zu sehen, Truman sitzt ihm gegenüber - und Churchills Hinterkopf zeigt sich halblinks im Vordergrund.

Die Konferenz tagt: Stalin ist am linken Bildrand oben zu sehen, Truman sitzt ihm gegenüber - und Churchills Hinterkopf zeigt sich halblinks im Vordergrund.© Rolf Steininger, Universität Innsbruck Die Konferenz tagt: Stalin ist am linken Bildrand oben zu sehen, Truman sitzt ihm gegenüber - und Churchills Hinterkopf zeigt sich halblinks im Vordergrund.© Rolf Steininger, Universität Innsbruck

Unter Zeitdruck ging die Konferenz zu Ende. Stalin erkrankte für zwei Tage, in denen die Außenminister der USA und der Sowjet-union, Byrnes und Molotow, den "kleinen Kuhhandel", wie es Byrnes privat bezeichnete, perfekt machten. Am vorletzten Tag der Konferenz schrieb Truman an seine Frau: "Die Reparationen sind das entscheidende Problem. Natürlich sind die Russen von Natur aus Plünderer." Aber er erkannte auch an, "dass sie von den Deutschen ausgeplündert worden sind und man sie jetzt schwer für ihre Haltung bestrafen kann". Für Stalin war der amerikanische Außenminister James Byrnes jedenfalls der "ehrbarste Pferdedieb", den er jemals getroffen hatte.

Es gab ein Gegengeschäft: Bei Annahme des amerikanischen Reparationsplans durch die Sowjets und bei Aufnahme Italiens in die UNO würden Amerikaner und Briten die von den Sowjets gewünschte Oder-Neiße-Linie - und zwar die westliche Neiße - als polnische Westgrenze anerkennen. Über diese Frage war es während der Konferenz zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Churchill war entschieden gegen eine zu weite Ausdehnung Polens nach Westen, wobei im Zusammenhang mit der Vertreibung der Deutschen weniger humanitäre Gründe eine Rolle spielten als die wirtschaftlichen Folgen, die er befürchtete.

"Sie bringen ihre Mägen mit", wie er es auf seine Art formulierte. Der Vorbehalt der Anglo-Amerikaner, dass "die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens bis zur Friedensregelung zurückgestellt werden sollte", war ein Lippenbekenntnis, da sie zugleich der Umsiedlung der deutschen Bevölkerung in "ordnungsgemäßer und humaner Weise" zustimmten. Niemand in Potsdam konnte ernsthaft glauben, dies könnte durch einen Friedensvertrag rückgängig gemacht werden.

Am 1. August 1945 informierte Attlee die Regierungschefs der Commonwealth-Dominions über Verlauf und Ergebnis der Verhandlungen, die, so Attlee, "eine solide Grundlage für weitere Fortschritte bilden"; die Einheit der Alliierten sei dabei entscheidend. Der Ministerpräsident der Repu-blik Südafrika, der greise Feldmarschall Smuts, war über so viel politische Kurzsichtigkeit geradezu erschüttert. Er warnte vor der sowjetischen Gefahr, die sich als neue Bedrohung für Europa und die Welt erhebe. Auf der Konferenz sei größter Schaden angerichtet worden: "Deutschland wird zum Notstandsgebiet in Europa mit einem niedrigen Lebensstandard werden. Dies wird auch auf die umliegenden Länder katastrophale Auswirkungen haben. So entsteht ein Infektionsherd im Herzen des Kontinents."

Ähnliche Zweifel plagten auch George F. Kennan, Botschaftsrat an der amerikanischen Botschaft in Moskau. Er war entsetzt darüber, dass Truman ein Dokument unterzeichnet hatte, in dem "so dehnbare Begriffe wie demokratisch, friedlich, gerecht" auftauchten; dies lief seiner Meinung nach "allem direkt zuwider, was 17 Jahre Russlanderfahrung mich über die Technik des Verhandelns mit der sowjetischen Regierung gelehrt hatten". Kennan weiter: "Wir haben keine andere Wahl, als unseren Teil von Deutschland zu einer Form von Unabhängigkeit zu führen, die so befriedigend, so gesichert, so überlegen ist, dass der Osten sie nicht gefährden kann." Für Molotow dagegen war die Konferenz "in vollem Maße zufriedenstellend", wie er am 5. August feststellte.

Die Folgeprobleme
In Potsdam wurde auch der Rat der Außenminister eingerichtet. Bei dessen erster Konferenz im September in London traten dann jene Probleme zutage, die in Potsdam mit Kompromissformeln kaschiert worden waren. Deutschland wurde letztlich geteilt - und erst 1990 wiedervereint. Als irreversibel erwies sich allerdings die Oder/Neiße-Lösung.

Bei anderen "Lösungen" stellt sich die Frage, ob die westlichen Regierungschefs nur naiv gewesen waren - etwa bei der Abtretung von Königsberg als "eisfreien" Hafen an die Sowjetunion: Königsberg war weder ein Hafen noch eisfrei. Oder bei der Frage des "deutschen Eigentums" in Österreich: Am letzten Tag der Konferenz wurde dies den Sowjets zugesprochen. Das wurde zum Freibrief für die Sowjetunion, ihre Zone in Österreich zehn Jahre lang auszubeuten.

Zwei weitere Entscheidungen von Potsdam hatten ebenfalls historische Bedeutung: Zum einen gab Truman am 24. Juli von Potsdam aus den Befehl zum Abwurf der Atombombe auf Japan. Die erste Bombe zerstörte am 6. August Hiroshima, die zweite am 9. August Nagasaki. Zum anderen ermöglichte die Vereinbarung, wonach die Japaner in Vietnam im Norden von den Chinesen und im Süden von den Briten entwaffnet werden sollten, Frankreich die Rückkehr als Kolonialmacht in Indochina - mit den bekannten Folgen: erst Indochina-, dann Vietnamkrieg.

Als sich die Regierungschefs am 2. August in Potsdam trennten, sprach Truman die Hoffnung aus, dass man sich hoffentlich bald in Washington wiedersehen werde. Stalins knappe Antwort lautete: "So Gott will." Dazu sollte es nicht kommen.

Rolf Steininger ist emer. O.Univ.-Professor für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck; von ihm ist das Taschenbuch "Der Kalte Krieg" (Fischer Verlag, 5. Auflage 2011), erschienen. www.rolfsteininger.at

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Dokument erstellt am 2015-07-16 14:20:05
Letzte ńnderung am 2015-07-17 12:15:05



23. September 1817
23. September 1817

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