• vom 21.10.2015, 16:19 Uhr

Geschichte


Malerei

Warum Vincent van Goghs Sonnenblumen welken




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Von Heiner Boberski

  • Aufwendige Röntgenuntersuchung offenbarte, wie die Farbe Chromgelb nachdunkelt.

"Fünfzehn Sonnenblumen in einer Vase" von Vincent van Gogh (1853-1890), Arles, Jänner 1889.

"Fünfzehn Sonnenblumen in einer Vase" von Vincent van Gogh (1853-1890), Arles, Jänner 1889.© Van Gogh Museum Amsterdam/wikimedia "Fünfzehn Sonnenblumen in einer Vase" von Vincent van Gogh (1853-1890), Arles, Jänner 1889.© Van Gogh Museum Amsterdam/wikimedia

Grenoble/Wien. Wird nach einem Hauptmotiv im Schaffen des Malers Vincent van Gogh gefragt, fallen sie wahrscheinlich den meisten spontan ein - die Sonnenblumen. Als der niederländische Meister 1888 im südfranzösischen Arles in der Hoffnung auf ein gemeinsames Atelier mit dem französischen Maler Paul Gauguin mit diesem Projekt begann, schrieb er an seinen Bruder Theo: "Wenn ich also diesen Plan ausführe, wird es ein Dutzend Bilder geben. Das Ganze eine Symphonie in Blau und Gelb. Ich arbeite jeden Morgen von Sonnenaufgang an. Denn die Blumen verwelken schnell, und das Ganze muss in einem Zug gemalt werden."

Verschiedene Schattierungen
Aber nicht nur die echten Sonnenblumen welken, auch die von van Gogh gemalten wechseln mit der Zeit ihre Farbe. Verursacht wird diese Veränderung durch die Mischung der Pigmente, derer sich van Gogh bei seinen Gemälden bedient hat. Das hat eine aufwendige Röntgenuntersuchung der Sonnenblumen-Variante aus dem Van-Gogh-Museum Amsterdam ergeben. Wissenschafter der Universität Perugia und der Universität Antwerpen, angeführt von Letizia Monico vom Institut für Molekularwissenschaften und -technologie in Perugia, haben dazu winzige Farbpartikel des Gemäldes mit der Röntgenlichtquelle Petra III des Deutschen Elektronen-Synchrotrons (Desy) durchleuchtet. Desy gehört zur Helmholtz-Gemeinschaft und ist ein Forschungszentrum für naturwissenschaftliche Grundlagenforschung mit Sitz in Hamburg und Zeuthen.


Vincent van Gogh (1853-1890) ist berühmt für seine leuchtend gelben Farben. Er verwendete sogenanntes Chromgelb, eine Verbindung aus Blei, Chrom und Sauerstoff. "Es bestehen unterschiedliche Schattierungen des Pigments, und nicht alle davon sind fotochemisch auf Dauer stabil", erklärt Monico. "Helleres Chromgelb, dem Schwefel beigemischt wurde, ist anfällig für eine chemische Reduktion unter Lichteinfluss, was zum Nachdunkeln des Pigments führt." Die Forscher prüften, ob van Gogh bei den Sonnenblumen aus dem Jahr 1889 verschiedene Chromgelb-Varianten verwendete. Der Niederländer malte das Bild in drei Varianten, die in der National Gallery in London, im Seji Togo Memorial Sompo Japan Nipponkoa Museum of Art in Tokio und im Van-Gogh-Museum Amsterdam hängen. Aus dem Amsterdamer Bild wurden zwei weniger als einen Millimeter kleine Farbpartikel mit der Desy-Röntgenlichtquelle Petra III durchleuchtet. "Die Analyse zeigt, dass orangegelbe Schattierungen vor allem die lichtbeständige Variante von Chromgelb enthalten, während sich in hellgelben Bereichen vor allem eine lichtempfindliche Chromgelb-Variante findet", sagt Ko-Autor Gerald Falkenberg, Leiter der Desy-Messstation P06, an der die Röntgenbeugungsmessungen stattfanden.

Anderes Aussehen als heute
An der Europäischen Synchrotronstrahlungsquelle ESRF in Grenoble untersuchten die Wissenschafter den chemischen Zustand der Farbproben. Wenn lichtempfindliches Chromgelb nachdunkelt, wird das Chrom von seinem höchsten Oxidationszustand CrVI in den niedrigeren Zustand CrIII reduziert. Tatsächlich konnten die Forscher an der Oberfläche der Farbpartikel einen relativen Anteil von 35 Prozent CrIII messen. "Zumindest an den beiden untersuchten Stellen, von denen die Farbproben stammen, ist in den Sonnenblumen eine Farbveränderung durch eine Chromgelb-Reduzierung eingetreten", sagt Monico. Das lässt vermuten, dass die Sonnenblumen ursprünglich anders ausgesehen haben als heute.

Die Forscher publizierten ihre Studie im Fachjournal "Angewandte Chemie". Mit einem mobilen Scanner konnten sie Bereiche auf dem Amsterdamer Gemälde identifizieren, die künftig im Hinblick auf Veränderungen besonders genau beobachtet werden sollten. "Da Chromgelb-Pigmente bei den Malern des späten 19. Jahrhunderts weit verbreitet waren, hat diese Studie auch weiterreichende Konsequenzen dafür, wie die Farben anderer Kunstwerke einzuschätzen sind", betont Ko-Autor Koen Janssens von der Universität Antwerpen.




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Dokument erstellt am 2015-10-21 16:23:06



11. Dezember 1817
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