• vom 17.12.2015, 17:20 Uhr

Geschichte

Update: 17.12.2015, 17:26 Uhr

Archäologie

Mit dem Auge, nicht mit dem Spaten




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Von Eva Stanzl

  • Gladiatorenschule in Carnuntum als virtuelles Modell auf dem Computer - müssen Archäologen überhaupt noch graben?

An sich steht der Archäologe Wolfgang Neubauer hier alleine auf weiter Flur. Die Renderings rund um ihn zeigen nur, was einmal unter dem Boden war. Die Fundamente sollen nicht ausgegraben werden, sondern die Basis von Computermodellen der Stadt sein.

An sich steht der Archäologe Wolfgang Neubauer hier alleine auf weiter Flur. Die Renderings rund um ihn zeigen nur, was einmal unter dem Boden war. Die Fundamente sollen nicht ausgegraben werden, sondern die Basis von Computermodellen der Stadt sein.© LBI Arch Pro/Interspot Film An sich steht der Archäologe Wolfgang Neubauer hier alleine auf weiter Flur. Die Renderings rund um ihn zeigen nur, was einmal unter dem Boden war. Die Fundamente sollen nicht ausgegraben werden, sondern die Basis von Computermodellen der Stadt sein.© LBI Arch Pro/Interspot Film

Als Kind waren Besuche in Carnuntum nicht einfach Spaziergänge in einer Gegend mit Pappeln und nachher Schnitzel. Sondern sie stellten auch Turnübungen für die Vorstellungskraft dar. Während wir durch die Ausgrabungen der Römerstadt stiefelten und mein Vater mir anhand der Mauerreste die antike Welt erklärte, versuchte ich, mir auf der Basis der Grundmauern Häuser vorzustellen. Ich malte mir aus, wie hoch die Gebäude und wo die Fenster gewesen sein könnten. Ich dachte mir - das war schwieriger - Dächer dazu, und - leichter - Hausdamen in Togen mit Kopfschmuck. Menschen wandelten zwischen gedachten Säulen, badeten in imaginierten Bädern und hielten ein Plauscherl auf vorgestellten Marktplätzen ab. Ich fand, dass die alten Römer wohl nicht sehr groß gewesen sein dürften - ein Gedanke, den meine Mutter bestätigte.

Das war in den 1970er Jahren. Seither wurden ein Bürgerhaus, eine Stadtvilla und eine Thermenanlage als Freilicht-Museum aufgebaut. Carnuntum, das Legionslager mit Lagerstadt an Donau und March östlich von Wien, diente dem Schutz des pannonischen Limes, der eine Außengrenze des Imperium Romanum gegen die Barbaren im Norden bildete. Es war eine der wichtigsten Stationen, die diese Grenze bewachten.

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Die Gebäude, die heute exemplarisch zu sehen sind, stellen ein begehbares Zeitfenster in die ersten fünf Jahrzehnte des vierten Jahrhunderts dar. Sie sind mit Holztischen, Kommoden und Geschirr ausgestattet und ihre Wände in Orange, Blau, Creme und Dunkelrot bemalt. Nichts davon sieht so aus wie die hellen Hallen meiner kindlichen Vorstellung - das Setting erinnert eher an Bauernhäuser bis 1900. Irgendwie waren die Römer moderner, als ich als Kind angenommen hatte. Aber vielleicht habe ich damals auch nur nicht bedacht, dass Carnuntum nicht Rom ist und es mit Vorstellungen von Athen vermischt.

Brot, Spiele und Devotionalien
Um solchen Mischbildern entgegenzuwirken, wollen Archäologen nun ein noch genaueres Bild der Vergangenheit zeichnen. Und zwar nahezu ohne Ausgrabungen. Mit technischer Hilfe entlocken sie den Schätzen, die unter den Böden des Gemeindegebiets Petronell-Carnuntum liegen, noch weitere Geheimnisse. Den Daten zufolge hatte die antike Ausgrabungsstätte eine noch größere Bedeutung als bisher angenommen, berichten Forscher des Ludwig Boltzmann Instituts für Archäologische Prospektion in Wien. Sie haben eine Gladiatorenschule entdeckt und den Fund 2013 im Fachblatt "Archeology" publiziert. Eine Dokumentation der "Universum"-Reihe, die kommenden Dienstag im ORF ausgestrahlt wird, geht nun auch in farbenprächtige Details.

In Zusammenarbeit mit dem Land Niederösterreich haben die Wissenschafter umfassende Fundamente auf einer Fläche von 7,8 Quadratkilometern mit magnetischen Messungen sowie 2,7 Quadratkilometer mit hochauflösendem Bodenradar prospektiert: Vereinfacht könnte man sagen, sie haben das Gebiet gescannt und dabei Mauerüberreste unterirdisch vermessen. Das Ergebnis ist ein hochdetaillierter Plan der gesamten Landschaft von und rund um Carnuntum. "Wir können das Stadtgebiet abgrenzen, in Räume hineingehen, sie funktional zuweisen und das Areal in öffentliche Räume, Militärlager, private Wohngebiete und Tempel gliedern", sagt Wolfgang Neubauer, Leiter des Boltzmann Instituts für Archäologische Prospektion.

Die Gladiatorenschule, ein abgeschlossener Gebäudekomplex auf einer Fläche von 2800 Quadratmetern, liegt in einer 11.000 Quadratmeter umfassenden, von einer Mauer umgebenen Parzelle. Zu der Anlage gehört ein Innenhof mit einer kreisrunden Trainingsarena und hölzernen Zuschauertribünen, eine beheizbare Trainingshalle, eine Badeanlage, ein Verwaltungstrakt, der Wohnbereich des Besitzers der Schule und die (fünf Quadratmeter großen) Wohnzellen der Gladiatoren.

Weiters hat der diskrete Blick mit den Radar-Geräten, die wie spacige Aufsätze auf Rädern hinter Traktoren über die Lande gezogen werden, Wirtschaftsgebäude zur Versorgung des Publikums ausgemacht. "Wir haben Tavernen, teilweise mit Geschirr, einen großen Getreidespeicher und eine Bäckerei gefunden - im wahrsten Sinne des Wortes waren Brot und Spiele angesagt", sagt Neubauer, und: "Auch Devotionalien wurden verkauft. Frühere Funde haben gezeigt, dass es sich dabei um kleine Öllämpchen mit Abbildungen der Gladiatoren sowie Gladiatoren-Figuren handelte."

Unsichtbar in der Natur
Im alten Rom konnten erfolgreiche Kämpfer zu Superstars aufsteigen. In Carnuntum wurden Gruppenkontingente zusammengezogen, die hier überwinterten, um im Frühjahr Feldzüge gegen die Germanen durchzuführen. "Die Spiele sollten die Soldaten bei Laune halten und die Kampf-Tugenden darstellen: Jeder Legionär sollte mit Todesverachtung sein Leben geben", sagt der Archäologe. Die Militärzelte waren rund um das Heidentor gruppiert, das ein Triumphbogen war.

Damit die faszinierende Geschichte nicht im Elfenbeintrum versteckt bleibt, entwickeln die Forscher aus ihren Messungsdaten nun 3D-Modelle, die zeigen, wie die Gladiatorenschule einmal ausgesehen haben könnte. Am Ende der Arbeiten soll ein virtuelles Bild von Carnuntum stehen. Die Messungen sind somit Grundlage für Strukturen, die dann auf Laptops, iPads oder Filmleinwänden zu sehen sein werden.

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Dokument erstellt am 2015-12-17 17:23:06
Letzte ─nderung am 2015-12-17 17:26:04



20. September 1817
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