• vom 02.01.2016, 12:00 Uhr

Geschichte


Zeitgeschichte

Helferin in schwerer Zeit




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Von Brigitte Biwald

  • Vor 100 Jahren wurde Franziska Löw in Wien geboren. Unter ständiger Beobachtung der Gestapo baute sie als junge jüdische Fürsorgerin zwischen 1942 und 1945 ein Netzwerk auf, das viele Leben rettete.

Auf diesem Berechtigungsausweis der IKG trägt Franziska Löw den zweiten Vornamen "Sara", den seit 1938 alle Jüdinnen zwangsweise annehmen mussten. - © DÖW (Foto 9231)

Auf diesem Berechtigungsausweis der IKG trägt Franziska Löw den zweiten Vornamen "Sara", den seit 1938 alle Jüdinnen zwangsweise annehmen mussten. © DÖW (Foto 9231)

Franziska Löw
und ihre Zwillingsschwester Hilde wurden am 2. Jänner 1916 in Wien geboren. Ihr Vater, der Jurist Julius Löw, Direktor der Nordbahn, war bekennender Zionist und Sozialdemokrat. Die Familie lebte im 18. Wiener Gemeindebezirk in gehobenen bürgerlichen Verhältnissen und nahm regen Anteil am Wiener Kulturleben.

Nach den Februarkämpfen von 1934 begann sich Franziska Löw für Politik zu interessieren. Grund war die immer größere Bedrohung durch den Nationalsozialismus für die 191.481 österreichischen Juden und Jüdinnen - so viele waren 1934 bei einer Volkszählung erfasst worden.

1935 maturierten die beiden Schwestern. Hilde Löw begann das Medizinstudium in Wien, Franziska absolvierte die renommierte Fürsorgerinnenschule von Ilse Arlt im achten Bezirk, Albertgasse 4. 1937 schloss sie das Fürsorgestudium mit dem Diplom ab, bewarb sich bei der Gemeinde Wien, wurde aber abgelehnt. Da ihr Vater erkrankte und die Familie auf ihren Verdienst angewiesen war, nahm sie im September 1937 den Posten einer Fürsorgerin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) an.

Die IKG gliederte sich in verschiedene Abteilungen, die nach speziellen Aufgabenbereichen unterteilt waren. Darunter befanden sich auch die Agenden der Fürsorge. Nach einer sechswöchigen Sperre der IKG im Frühjahr 1938 wurde diese durch die NS-Machthaber wieder eröffnet. Josef Löwenherz wurde mit der Leitung betraut. Die wichtigste Aufgabe der IKG war es, möglichst viele Menschen bei der Auswanderung zu unterstützen. Bis zum November 1938 konnten 50.000 Jüdinnen und Juden ausreisen. Nach dem Novemberpogrom blieben viele Kinder zurück, da ihre Väter willkürlich inhaftiert worden waren. Bis zum Kriegsausbruch wurde die jüdische Bevölkerung durch mehr als 250 antijüdische Gesetze ausgegrenzt.

Rastlose Arbeit

Im August 1938 starb Franziska Löws Vater im Alter von 60 Jahren. Wie alle Wiener Jüdinnen und Juden, die in großen Wohnungen lebten, wurden auch die Löws delogiert. Mutter und Tochter mussten mehrmals umziehen, bis sie in einer Sammelwohnung landeten. Franziska Löw arbeitete täglich bis in die Nachstunden. Als Fürsorgerin der IKG hatte sie einen besseren Status als ihre Glaubensgenossinnen und eine Legitimation, die es ihr ermöglichte, die Straßenbahnen zu benützen, was der jüdischen Bevölkerung verboten war.

Die 22-Jährige arbeitete nach ihrem Dienstantritt im November 1938 in verschiedenen Bereichen der Jugend- und Erwachsenenfürsorge. Zusätzlich wurde ihr die Aufsicht über die jüdischen Kinderheime übertragen. Weiters war sie als Vormund für 200 außereheliche jüdische Kinder nominiert. Im Jugendgerichtshof lernte sie den Richter Wilhelm Danneberg, ihren späteren Ehemann, kennen. Er unterstützte sie in juristischen Belangen und ließ ihr Medikamente und Nahrungsmittel für ihre Schützlinge zukommen. Das war der Beginn eines Helfernetzwerkes.

Die IKG organisierte nach dem "Anschluss" Auswanderungstransporte für Kinder und Jugendliche nach England, Palästina, Holland, Belgien, Schweden, in die Schweiz und die USA. Franziska Löw war gezwungen, aus den Massenanmeldelisten die "geeignetsten" Kinder auszuwählen. Nach dem Krieg hat man ihr diese Vorgangsweise vorgeworfen. Sie versuchte, so viele Kinder wie möglich zu retten. Bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939 konnten noch 2844 jüdische Kinder aus Wien emigrieren. Danach wurde die Situation der Kinderauswanderung immer schwieriger. Ab 23. Oktober 1941 bestand ein uneingeschränktes Auswanderungsverbot.

Die Tätigkeit in der IKG bot Franziska Löw und ihrer Mutter Schutz, aber die Situation spitzte sich zu: Ab 1. September 1939 wurden Juden und Jüdinnen zusätzlich als "Spione" stigmatisiert und mit Ausgehverboten, Zwangsabgaben und der Einschränkung von Lebensmitteln und Bekleidung drangsaliert. Ab 1942 war das Betreten von Park- und Gartenanlagen zunächst in Wien, im Laufe des Jahres auch im Wiener Umland für die jüdischen Bürgerinnen und Bürgern verboten.

Die IKG hatte diese offiziellen Einschränkungen und Demütigungen mitzutragen. Dadurch fungierten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einerseits als ausführende Organe der NS-Machthaber, andererseits waren sie für verzweifelte jüdische Bürgerinnen und Bürger oft die letzte Hoffnung. Das galt auch für Franziska Löw, die mitunter "ungesetzliche Methoden" anwandte, um Kinder zu retten.

Franziska Löw unterstanden sämtliche jüdischen Kinderheime in Wien. Besonders bemüht hat sie sich um die Neugeborenen. In der Malzgasse im zweiten Bezirk waren auch Säuglinge untergebracht, und es fehlte oft an Milch. Ab Herbst 1938 schleppte Franziska täglich 20 Kilo Brot und zehn Flaschen Vollmilch in den zweiten Bezirk. Es herrschte große Raumnot, da die IKG 1939 auch die jüdischen Kinder aus den städtischen Wiener Kinderheimen übernehmen musste.

Mit Bescheid vom 31. Oktober 1942 wurde die IKG aufgelöst, das verbliebene Vermögen eingezogen. Mit 1. November 1942 hatte der "Ältestenrat der Juden in Wien" die Aufgaben der IKG zu übernehmen, darunter zwei Kinderheime. Nur das Kinderheim des "Ältestenrates" in der Tempelgasse 3 blieb bis 1945 erhalten. Alle anderen Heime wurden aufgelassen, Kinder und Personal deportiert.



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Dokument erstellt am 2015-12-30 17:44:04
Letzte ńnderung am 2015-12-30 18:11:39



26. September 1816
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