• vom 27.03.2016, 17:00 Uhr

Geschichte


Wissenschaftsgeschichte

Vertraut mit Mensch und Tier




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Von Franz M. Wuketits

  • Vor 500 Jahren kam der Schweizer Universalgelehrte Konrad Gesner zur Welt. Er leistete Pionierarbeiten in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, wobei vor allem seine Tierbeschreibungen hervorragen.

Konrad Gesner in einer zeitgenössischen Darstellung.

Konrad Gesner in einer zeitgenössischen Darstellung.© Wikimedia Commons Konrad Gesner in einer zeitgenössischen Darstellung.© Wikimedia Commons

Den Beginn der Neuzeit und damit den Anfang eines fulminanten Aufschwungs der Naturwissenschaften markieren bedeutende und bekannte Persönlichkeiten wie Leonardo da Vinci, Nicolaus Copernicus, Paracelsus und Giordano Bruno.

Weniger bekannt, aber nicht minder bedeutend ist Konrad Gesner. Wie die anderen wegweisenden Naturforscher seines Jahrhunderts lieferte er Bausteine zum Fundament einer erweiterten Sicht der Welt, die noch länger auf nicht geringe Widerstände stoßen sollte. Denn es ging um eine grundlegende Erneuerung der von theologischen Axiomen beeinflussten Naturwissenschaften und um einen veränderten Blickwinkel in der Bestimmung des Menschen und seiner Stellung in der Welt.

Gesner war, ganz im Geiste der Renaissance, vielseitig gebildet. Er war Arzt, befasste sich aber auch mit alten Sprachen, mit Milch- und Käsewirtschaft sowie mit der Verbesserung des Weines und erlangte seine Bedeutung nicht zuletzt als Verfasser gewichtiger naturhistorischer Werke.

Fleiß und Armut

Konrad oder Conrad Gesner (auch Gessner) wurde am 26. März 1516 als Sohn eines armen Zürcher Kürschnermeisters in einer kinderreichen Familie geboren. Da sein Vater einem der zahlreichen (religiösen) Konflikte und Kriege zum Opfer fiel, kam er unter die Obhut eines Großonkels, der seine Talente früh erkannte, ihn aber zum Theologen bestimmte. Gesner begann zwar ein Theologiestudium, wandte sich jedoch bald der Medizin und Botanik zu. Nach einem kurzen Besuch in Paris, wo er sich unter anderem mit den Lehren antiker Ärzte befasste, kehrte er nach Zürich zurück und fand dort als Grundschullehrer mehr schlecht als recht sein Auskommen.

Als Einundzwanzigjähriger erhielt Gesner die Stelle eines Professors für griechische Sprache an der Akademie zu Lausanne. Er gab die Stelle allerdings nach drei Jahren auf und ging nach Montpellier zum Studium der Medizin. Seine Promotion in Medizin erfolgte in Basel, wonach er sich als Arzt und als Lehrer für Naturgeschichte in Zürich niederließ.

Während dieser ganzen Zeit blieben seine wirtschaftlichen Verhältnisse bedrückend, woran auch seine Ernennung zum Oberstadtarzt kaum etwas änderte. Gesner hatte bereits als Neunzehnjähriger eine Frau geheiratet, die keine Aussteuer in die Ehe mitbrachte. Seine Lebenssituation war insgesamt paradox. Aus Angst vor Verarmung und Hunger widmete er sich nach seiner Studienzeit mit größter Intensität seiner Arbeit, wurde jedoch schlecht dafür entlohnt. Buchdrucker und Buchhändler erwarteten von ihm ständig neue, umfangreiche Werke und behinderten ihn damit in seiner ärztlichen Tätigkeit, ohne ihm eine angemessene finanzielle Kompensation dafür zu bieten.

Gesners Ehe blieb kinderlos, aber er hatte seine alte Mutter sowie Neffen und Nichten zu versorgen, womit er an die Grenzen seiner Kräfte stieß. In einem Bittbrief an Heinrich Bullinger, den Vorsteher der Zürcher reformierten Kirche, charakterisierte er sich selbst "als von vielen Anstrengungen erschöpft, abgemergelt, entkräftet, halbblind und zuweilen kaum seiner selbst bewusst". Auf diesen Brief hin wurde er zum Chorherrn ernannt, aber sorgenfrei war er auch in den folgenden Jahren nicht.

In Gesners "Thierbuch" hatte das Einhorn noch einen Platz.

In Gesners "Thierbuch" hatte das Einhorn noch einen Platz.© National Library of Medicine/Wikimedia Commons In Gesners "Thierbuch" hatte das Einhorn noch einen Platz.© National Library of Medicine/Wikimedia Commons

Gesner starb am 13. Dezember 1565, noch keine fünfzig Jahre alt. Er wurde von der Pest hinweggerafft. Das war im 16. Jahrhundert zwar nicht ungewöhnlich, spiegelt in seinem Fall aber eine besondere Tragik wider. Als Arzt war er stets bemüht gewesen, gegen diese heimtückische Krankheit anzukämpfen. Gesners Gesundheit war aber offenbar bereits früh angegriffen. Schon in verhältnismäßig jungen Jahren bot er den Anblick eines Greises, und er wird als große, hagere und bleiche Gestalt beschrieben, deren Gesicht von Entbehrungen und Leiden gezeichnet war. Umso erstaunlicher ist das geradezu ungeheure Werk, das er in den wenigen Jahrzehnten seines Wirkens schuf.

Die erste Bibliographie

Schon der sechzehnjährige Gesner verfertigte eine Sammlung von griechischen Trauergedichten, und als Neunundzwanzigjähriger begründete er seine Bedeutung als Schriftsteller mit einem wahrhaft formidablen Werk. Es ist die "Bibliotheca universalis", ein Kompendium, das in alphabetischer Reihenfolge ein Verzeichnis aller - etwa 1800 - Schriftsteller seit der Antike mit Schriften in hebräischer, griechischer und lateinischer Sprache enthält, mit biographischen Angaben zu den Autoren und Kommentaren zu deren Werken. Wenige Jahre später ließ Gesner dem Autorenband eine umfangreiche Übersicht über das Wissen seiner Zeit folgen.

Mit der Bibliotheca universalis wurde Gesner zum Begründer der wissenschaftlichen Bibliographie. Abgesehen davon, dass es sich dabei um eine zeitlose, mit immensem Fleiß vollbrachte Leistung eines Einzelnen handelt, lässt sich die Bedeutung dieses Werkes nur vor dem Hintergrund seiner Zeit angemessen würdigen. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg im Jahrhundert davor führte zu einer schnellen Produktion vieler Bücher. Das sich rasch ansammelnde Wissen ließ ein Übersichtswerk geradezu als dringend erscheinen.

Gesners Werk lieferte zugleich eine höchst willkommene Orientierung bei der Einrichtung und Erweiterung der großen zeitgenössischen Bibliotheken. Er hat überhaupt maßgeblich zur Bedeutung des Buches beigetragen und sich - vor allem mit seinen späteren naturhistorischen Werken - um die Buchkunst verdient gemacht. Höchst bemerkenswert sind auch die Sprachkenntnisse dieses "Leonardo da Vinci der Schweiz", wie er gelegentlich bezeichnet wurde. Neben seiner deutschen (schweizerischen) Muttersprache und den antiken Sprachen beherrschte er Französisch, Italienisch und Holländisch und befasste sich mit dem Englischen und dem Arabischen. Aus seiner Feder stammt auch ein etwa tausend Seiten umfassendes griechisch-lateinisches Wörterbuch.

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Dokument erstellt am 2016-03-25 14:17:11
Letzte ─nderung am 2016-03-25 17:28:58




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