• vom 11.04.2016, 15:44 Uhr

Geschichte


Geschichte

Das Zahlenrätsel von Ephesos




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Kaiser Trajan soll "Untier" 666 in der biblischen Offenbarung sein.

Wien. Lange wurde gerätselt, wer sich hinter dem "Untier" mit der Zahl 666 aus der biblischen Offenbarung des Johannes verbirgt. Historiker der Uni Wien wollen nun mit einem speziellen Programm die Frage geklärt haben. Vermutete man bisher Nero, Domitian oder Hadrian dahinter, geht Hans Taeuber vom Institut für Alte Geschichte davon aus, dass Kaiser Trajan gemeint sei.

In der Antike waren sogenannte "isopsephische Rätsel" beliebt. Sie beruhen auf dem Prinzip, dass jeder Buchstabe des griechischen Alphabets einen Zahlenwert hat: Alpha eins, Beta zwei, Iota zehn, Kappa 20, Rho 100 usw. Addiert man die Werte der Buchstaben eines Namens, ergibt sich eine Summe, aus der Eingeweihte den Namen erschließen konnten. So fanden sich etwa bei Ausgrabungen in Ephesos verklausulierte Liebeserklärungen als Graffiti, etwa: "Ich liebe die, deren Zahl 865 ist" oder "Und der, der sie liebt, hat die Zahl 1995".

Werbung

War damals die Zahl der in Frage kommenden Personen überschaubar, ist man heute auf technische Hilfsmittel angewiesen, um die Codes zu entschlüsseln. Die Informatikstudentin Diana Altmann hat unter Anleitung Taeubers in ihrer Diplomarbeit ein Programm entwickelt, mit dessen Hilfe die Zahlenwerte aller in Kleinasien nachgewiesenen Personennamen berechnet werden können.

Römischer Kaiser im Visier
"Damit ist es uns nun möglich, zu jeder ‚Rätselzahl‘ eine Liste antiker Personennamen zu erstellen, auf die die betreffende Quersumme zutrifft", so Taeuber. Dabei könne eine beliebige Kombination orthografischer Varianten berücksichtigt werden.

Mit diesem Programm sind die Forscher auch dem biblischen Rätsel nachgegangen: Im Kapitel 13 der Offenbarung des Johannes, der "Apokalypse", aus dem Neuen Testament wird ein "Untier" (therion) beschrieben, dem der "Drache" (Satan) große Macht verliehen hat und dessen Bild alle Menschen anbeten müssen. Und weiter heißt es: "Hier ist die Weisheit. Wer Verstand hat, berechne die Zahl des Tieres, denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist 666." Der Kontext lege nahe, dass es sich um einen römischen Kaiser handeln dürfte. Taeubers Programm führte nun bei der Zahl "666" zu "Ulpius", dem Familiennamen des Kaisers Marcus Ulpius Traianus, der von 98 bis 117 nach Christus regierte.

Zwar sind von Trajan keine systematischen Christenverfolgungen bekannt. Er habe aber dennoch befohlen, Christen, die sich weigerten, den heidnischen Göttern zu opfern, mit dem Tode zu bestrafen. Taeuber sieht zudem Indizien, die auf eine Entstehungszeit der Offenbarung in trajanischer Zeit hindeuten - womit die "Apokalypse" mindestens zwei Jahrzehnte jünger als bisher allgemein angenommen wäre.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-11 15:47:02



20. Oktober 1817
20. Oktober 1817

Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Sitz der Eifersucht
  2. Hunde setzen Mimik möglicherweise bewusst ein
  3. Die Dynamik des Alpenraums
  4. Umweltwächter im All
  5. Die Urahnen des Internet
Meistkommentiert
  1. Hatschi!
  2. Frauen großzügiger als Männer
  3. Schmarotzer mit Feuerkraft
  4. Am Gängelband der Gestapo
  5. Hirse für die Welternährung



Werbung


Werbung