• vom 18.05.2016, 07:54 Uhr

Geschichte

Update: 19.05.2016, 13:30 Uhr

Zeitgeschichte

Vergessene Opfer




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Von Christa Hager

  • Eine aktuelle Ausstellung im Museum Arbeitswelt in Steyr erinnert an das Verbrechen der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus.

Sowjetische Zwangsarbeiterinnen bei der Ankunft im Durchgangslager Berlin-Wilhelmshagen, Dezember 1942. - © Foto: G. Gronfeld; Quelle: Deutsches Historisches Museum, Berlin

Sowjetische Zwangsarbeiterinnen bei der Ankunft im Durchgangslager Berlin-Wilhelmshagen, Dezember 1942. © Foto: G. Gronfeld; Quelle: Deutsches Historisches Museum, Berlin

Steyr. Niemand konnte behaupten, nichts gewusst zu haben. Das Verbrechen geschah mitten in der Gesellschaft. Es war allgegenwärtig. Ein Massenphänomen. Mehr als 20 Millionen Männer, Frauen und Kinder aus ganz Europa mussten im "Großdeutschen Reich" schuften, in Industriebetrieben, auf Baustellen, in der Landwirtschaft und in Handwerksbetrieben, Privathaushalten oder Einrichtungen der Kirchen. Viele waren Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge, viele wurden aus ihren Heimatländern verschleppt, zu Arbeitsverträgen genötigt oder unter Vortäuschung falscher Tatsachen angelockt.

Schaubild der Woche: Eine der zahlreichen Regeln zum Umgang mitZwangsarbeitern verbot die "Tischgemeinschaft" von Deutschen und Zwangsarbeitern. Auf den Bauerhöfen sollten die sie ihre Mahlzeiten getrennt von den Deutschen einnehmen. "Schaubild der Woche", Amstettner Anzeiger, 18. April 1943.

Schaubild der Woche: Eine der zahlreichen Regeln zum Umgang mitZwangsarbeitern verbot die "Tischgemeinschaft" von Deutschen und Zwangsarbeitern. Auf den Bauerhöfen sollten die sie ihre Mahlzeiten getrennt von den Deutschen einnehmen. "Schaubild der Woche", Amstettner Anzeiger, 18. April 1943.
© Quelle: Bibliothek der Universität Wien
Schaubild der Woche: Eine der zahlreichen Regeln zum Umgang mitZwangsarbeitern verbot die "Tischgemeinschaft" von Deutschen und Zwangsarbeitern. Auf den Bauerhöfen sollten die sie ihre Mahlzeiten getrennt von den Deutschen einnehmen. "Schaubild der Woche", Amstettner Anzeiger, 18. April 1943.
© Quelle: Bibliothek der Universität Wien

Erstmals in Österreich zeigt die internationale Ausstellung "Zwangsarbeit im Nationalsozialismus" die Geschichte dieses Verbrechens und seiner Folgen. Die Ausstellung war bereits in Berlin, Moskau, Dortmund, Warschau, Prag und Hamburg zu sehen. Initiiert wurde sie von der der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, gefördert von der deutschen Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft". Seit 12. Mai macht sie nun im Museum Arbeitswelt in Steyr, Oberösterreich, halt.

Sie zeigt zum einen, dass nicht nur Menschen, die nach Deutschland und Österreich verschleppt wurden, unter Zwang arbeiten mussten, sondern auch direkt in den besetzten Gebieten. Zum anderen wird deutlich, wie stark das Zwangsarbeiterregime von der NS-Rassenideologie geprägt war. Die meisten Deutschen und Österreicher verhielten sich systemkonform, diskriminierten Menschen, beteiligten sich an Misshandlungen. Das Denunziantentum florierte.

Information

Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, Museum Arbeitswelt, Steyr, Di. - So., 9-17 Uhr, Bis 18. Dezember 2016.
www.museum-steyr.at/

Siehe dazu auch: Stollen der Erinnerung - Reise in die Tiefen von Steyr
Die Stadt der Lager

Teil des Systems

So stößt man in der Ausstellung immer wieder auf Fotos, die der antisemitischen Zeitschrift "Der Stürmer" geschickt wurden. Das Blatt betrieb Hetze zum Mitmachen: Leser wurden dazu animiert, Misshandlungen von Juden zu fotografieren oder Mitbürger zu denunzieren, die jüdische Geschäfte nicht boykottierten. Und sie verfassten Kommentare, die den zynischen Hetz-Tiraden des "Stürmers" nacheiferten. Nach Kriegsbeginn wurden auch Wehrmachtsoldaten dazu aufgefordert, Fotos einzusenden, auf denen Juden zum Arbeiten gebracht wurden. "Juden lernen Arbeiten" liest sich die Überschrift eines aus solchen Fotos entstandenen Artikels.

Das System der Zwangsarbeit war also weit mehr als - wie lange Zeit apologetisch vermittelt - eine Begleiterscheinung von Krieg und Besatzungsherrschaft. Bereits seit 1933 war Zwangsarbeit Teil der rassistischen Gesellschaftsordnung, als Mittel zur Erniedrigung und Ausgrenzung. Politische Gegner, Sinti und Roma, Juden, "Minderwertige" und "Asoziale" wurden als erste verfolgt und ausgesondert. Sie galten prinzipiell als arbeitsscheu und sollten deswegen zur Arbeit gezwungen werden. Das war der Anfang der Sklavenarbeit und "Vernichtung durch Arbeit".

NS-Hierachien

Ab 1939 wurden Arbeitskräfte als Kriegsbeute rekrutiert, in den besetzten Gebieten Arbeitsämter mit Kontrollorganen und weitreichenden Strafbefugnissen installiert. Wer sich weigerte, musste mit dem Tod rechnen. Die Menschen wurden abhängig von ihrer Stellung in der NS-Hierarchie behandelt: Ganz oben standen "Arier", gefolgt von Nord- und Westeuropäern; ganz unten befanden sich Polen, sowjetische Arbeitskräfte und schließlich Juden, Sinti und Roma.

Hinrichtung des polnischen Zwangsarbeiters Julian Majka:
Julian Majka wurde wegen der Beziehung zu einer deutschen Frau am 18. April 1941 hingerichtet. Leitende Beamte der Sicherheitspolizei, ein Vertreter des Landrats, ein SS-Arzt und der Scharfrichter Johann Reichhart waren anwesend. Ein Gestapo-Beamter leitete die Exekution. Michelsneukirchen, 18. April 1941.

Hinrichtung des polnischen Zwangsarbeiters Julian Majka:
Julian Majka wurde wegen der Beziehung zu einer deutschen Frau am 18. April 1941 hingerichtet. Leitende Beamte der Sicherheitspolizei, ein Vertreter des Landrats, ein SS-Arzt und der Scharfrichter Johann Reichhart waren anwesend. Ein Gestapo-Beamter leitete die Exekution. Michelsneukirchen, 18. April 1941.
© Sammlung Vernon Schmidt, Veteran der 90. Inf. Div., U.S. Army, Fresno Hinrichtung des polnischen Zwangsarbeiters Julian Majka:
Julian Majka wurde wegen der Beziehung zu einer deutschen Frau am 18. April 1941 hingerichtet. Leitende Beamte der Sicherheitspolizei, ein Vertreter des Landrats, ein SS-Arzt und der Scharfrichter Johann Reichhart waren anwesend. Ein Gestapo-Beamter leitete die Exekution. Michelsneukirchen, 18. April 1941.
© Sammlung Vernon Schmidt, Veteran der 90. Inf. Div., U.S. Army, Fresno

Je länger der Krieg, desto höher der Bedarf der Wirtschaft an Arbeitskräften. Menschen wurden bei Razzien eingefangen, ab 1942 waren die dringend benötigten zusätzlichen Arbeitskräfte nur noch aus den Konzentrationslagern zu beschaffen, jüdischer und nichtjüdischer KZ-Insassen mussten Zwangsarbeit leisten, während "normale" Zwangsarbeiter zu KZ-Häftlingen wurden. Außerdem begannen die Nazis, direkt bei den Werken Außenlanger zu errichten. So zum Bespiel auch in Österreich, wo in Steyr auf Initiative von Georg Meindl, SS-Standartenführer und Generaldirektor der Steyr-Daimler-Puch-AG, eines der ersten Außenlager des KZ Mauthausen entstand. Insgesamt wurde in Österreich rund eine Million Zwangsarbeiter unterjocht.

An die 2,7 Millionen Zwangsarbeiter starben

Mit dem Beginn des "totalen Krieges" verschärfte sich das System noch weiter: Immer mehr Kinder wurden eingesetzt, schwangere Zwangsarbeiterinnen durften nicht mehr in ihre Heimat zurück, Babys wurden in eigene Kinderheime gesteckt. Und Arbeitsunfähigkeit bedeutete Tod. Die Zahl der Todesfälle unter den Arbeitssklaven insgesamt ist bisher nur für das Reichsgebiet bekannt: Zwischen 1933 und 1945 starben an die 2,7 Millionen Zwangsarbeiter an den Folgen von Arbeitsbedingungen, an Hunger, Misshandlung, fehlender Medizin oder mangelnden hygienischen Bedingungen - und natürlich durch Mord. KZ-Häftlinge und russische Kriegsgefangene stellten den größten Anteil.

Vermittelt wird die Geschichte dieses Verbrechens anhand von Einzelschicksalen, durch sie werden alle Opfergruppen samt ihrer spezifischen Erfahrungen thematisiert. Neben Fotografien sind Briefe, Tagebucheinträge, Protokolle, Geschäftsberichte, KZ-Todeslisten oder Propagandaplakate ausgestellt. Außerdem kommen mittels Hörstationen und Videos Zwangsarbeiter zu Wort. Beeindruckend ist die Gestaltung der Ausstellung, vor allem durch den klugen Einsatz dieser Quellen. Diesewerden zum Teil vergrößert, zum Teil in Ausschnitten gezeigt oder, falls vorhanden, als Serie. Das Licht kommt nicht von oben, sondern aus den Exponaten. Je weiter man sich in der Geschichte der Zwangsarbeit fortbewegt, desto dunkler werden die Ausstellungsräume, die durch verschränkten Latten begrenzt sind. Auch diese verändern sich während der Ausstellung, sie werden höher und dichter, suggerieren Ausweglosigkeit. Einzig helle Flächen in den Ausstellungsräumen weisen auf Schleusen hin, sie brechen, wie Filmblenden. Hinterleuchtet sind auch die gut zu lesenden Texte in inverser Schrift. In quellenkritischer Hinsicht, allen voran durch die Auseinandersetzung mit ihre Herkunft, leistet die Ausstellung ebenfalls vorbildliche Arbeit.

Sie endet mit dem "langen Weg zur Anerkennung". Erst durch Intervention von außen stellte man sich in Deutschland wie in Österreich zunehmend der Verantwortung und leitete um die Jahrtausendwende Entschädigungen ein. Österreich zahlte an 132.000 ehemalige Zwangsarbeiter 352 Millionen Euro aus, Deutschland an 1,7 Millionen Menschen. Italienische Militärinternierte und sowjetische Kriegsgefangene gingen leer aus. Erst im Vorjahr beschloss die deutsche Regierung, den etwa 4.000 noch lebenden ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen 2.500 Euro zu zahlen. Dieses Kapitel kommt in der Ausstellung nicht vor.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-05-13 23:08:37
Letzte ńnderung am 2016-05-19 13:30:40



7. Dezember 1816
7. Dezember 1816

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