• vom 28.05.2016, 09:30 Uhr

Geschichte


Österreichische Geschichte

Verweigerte Modernität




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Von Herbert Hutar

  • Kaiser Franz Joseph I., der vor 100 Jahren gestorben ist, regierte in einer Zeit gewaltiger ökonomisch-technischer Erneuerungen. Er selbst scheint davon aber nicht allzu viel gehalten zu haben.

Eine heutige Innovation: Die Kaiserbüste aus dem 3D-Drucker. - © Franz Zauner

Eine heutige Innovation: Die Kaiserbüste aus dem 3D-Drucker. © Franz Zauner

Als der 18-jährige Kaiser Franz Joseph im vollen Bewusstsein des Gottesgnadentums seiner Herrschaft am 2. Dezember 1848 den Thron bestieg, ereignete sich nichts Geringeres als die Verwandlung der Welt im 19. Jahrhundert: Im selben Jahr veröffentlichte Karl Marx unter dem Eindruck der rasanten Industrialisierung auf dem Rücken der ausgebeuteten Arbeitermassen das "Kommunistische Manifest". In England wurde in diesen Jahren der Zehn-Stunden-Tag eingeführt, in Deutschland der Zwölf-Stunden-Tag gefordert. Selbst Jugendliche mussten bis zu 16 Stunden arbeiten. Die ersten Dampfschiffe fuhren zwischen Deutschland und den USA im Linienverkehr, der Elektrokonzern Siemens & Halske wurde gegründet, Thomas Alva Edison und Henri Becquerel, der spätere Entdecker der radioaktiven Strahlung, wurden geboren. Fernmelde- und Nachrichtenwesen boomten, das erste Tiefseekabel zwischen Dover und Calais ging in Betrieb. Die erste Chloroform-Narkose wurde getestet, Ignaz Semmelweis bekämpfte erfolgreich das Kindbettfieber.

In Österreich versuchten der junge Kaiser und seine Minister das Rad der Geschichte politisch vor das Revolutionsjahr 1848 zurückzudrehen, förderten aber Wirtschaft und Industrie. Österreich lag zwar hinter England oder Belgien, das Eisenbahnnetz umfasste einschließlich Ungarn erst rund 1500 Kilometer, aber es wuchs rasant. Die Entscheidung für den Bau der Semmeringstrecke war gefallen. Carl Ghega wurde im August 1848 Generalinspektor der Staatsbahnen, drei Jahre später "Ritter von Ghega". Der Eisenbahnbau kann als Schlüsselbranche für die industrielle Entwicklung im 19. Jahrhundert gelten: Eisen- und Stahlindustrie, Maschinen- und Fahrzeugbau und die Bauwirtschaft hingen am Bahnbau. Die Eisenbahn revolutionierte den Warenaustausch, sie erweiterte den Aktionsradius der Produktions- und der Handelsbetriebe ebenso wie die Mobilität der Menschen.

Reformen von oben

Das einst revolutionäre Bürgertum wurde mit der Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand geködert. "Der Neoabsolutismus wurde zum Vorkämpfer des ökonomischen Fortschritts", konstatiert der Wirtschaftshistoriker Herbert Matis für die Zeit zwischen 1848 und 1859. Verwaltung, Justiz, Finanz- und Bildungswesen sowie weite Bereiche der Wirtschaft wurden "von oben" völlig umgekrempelt, zum Beispiel wurden 1859 die Handelskammern gegründet. Dazu der Wirtschaftsforscher und Historiker Felix Butschek zur "Wiener Zeitung": "Das waren wichtige Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung. Die kann nur dann optimal verlaufen, wenn eine korrekte, nicht korrupte, effiziente Beamtenschaft existiert, wenn der Rechtsstaat funktioniert."

Franz Joseph-Biograph Karl Vocelka zur Rolle des jungen Monarchen: "Er hat schon mitvollzogen, wenn ihm etwas nicht gerade gegen den Strich gegangen ist, aber das war nicht eine von ihm bewusst konstruierte Wirtschaftspolitik. Die Eisenbahn war für den Truppentransport interessant, aber in die Planung greift er nicht ein. Er selber hat ja schon als Kind eine Spielzeuglokomotive gehabt, die nach einer Lokomotive der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn gebaut worden ist."

Eine direkte Errungenschaft der Revolution von 1848 war die Bauernbefreiung, sie überlebte den politischen Kahlschlag durch den Neoabsolutismus. Grundherren wurden zu Großgrundbesitzern und Investoren etwa in der Nahrungsmittelindustrie. Die Teebutter hatte ursprünglich nichts mit Tee zu tun, sondern bedeutete "Teschener Erzherzogliche" Butter, ist also eine Marke mit Hinweis auf Erzherzog Albert von Teschen-Sachsen, der eine Molkereiindustrie aufbaute. Viele Bauern konnten ihren Anteil am Preis für die Freiheit nicht zahlen, mussten verkaufen und wegziehen. Aus der Landbevölkerung, Männer wie Frauen, rekrutierte sich daher zu einem großen Teil das Heer der Proletarier im neuen industriellen Zeitalter.

Knochenarbeit

Wie es damals auf Großbaustellen zuging, zeigt ein Blick auf den Bau der Semmeringbahn um 1850. Mehr als 10.000 Männer und Frauen waren auf dem engen Raum entlang der neuen Bahnstrecke zusammengepfercht. Im offiziellen Wien war man froh, nach der Revolution viele "Unruhestifter" weit weg zu wissen. Auch Frauen, die "Mörtelweiber", arbeiteten schwer als Zuträgerinnen.

Die Ernährung war ebenso katastrophal wie die Unterbringung in Baracken. 1850 brach eine Choleraepidemie aus, zwei Jahre später eine Typhusepidemie mit hunderten Todesopfern. Der Bauunternehmer Ferdinando Tallachini blieb Löhne schuldig, es kam zu Ausschreitungen. 1854 war die Strecke fertig. Am 12. April fuhr der junge Kaiser unter "Allerhöchstem Wohlgefallen" mit Herrn von Ghega erstmals von Mürzzuschlag nach Gloggnitz. 1857 war der Bau der Südbahn bis Triest abgeschlossen.

Die Lebensumstände der Menschen im 19. Jahrhunderts hat der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Roman Sandgruber dargestellt. Zum Beispiel brauchte eine Beamtenfamilie um das Jahr 1857 mit drei Kindern und einem Dienstboten einen Betrag von 500 Gulden im Jahr. Das wären nach Berechnungen der Statistik Austria knapp 6000 Euro. Was hat man dafür bekommen? Fast drei Fünftel waren für das Essen in dem Sechs-Personen-Haushalt bestimmt. "Um sich anständig zu kleiden", wie es in dieser Konsumerhebung heißt, 57 Gulden, zum Beispiel "alljährlich ein neues Beinkleid um 5 Gulden", oder "alle 2 Jahre einen neuen Rock zu 10 Gulden" (rund 120 Euro.) Der Mietzins wird mit 30 Gulden angesetzt, dazu kommen "um anständig zu wohnen" Holz, Kerzen, Seife oder Kaminfegen, insgesamt 86 Gulden (rund 1000 Euro). Da sind 18 Gulden Dienstbotenlohn dabei, bei freiem Essen und Quartier.

Der Kaiser (halb stehend) bei seiner ersten Autofahrt, die 1908 in Ischl stattfand. Links neben ihm sitzt der englische König Eduard VII.

Der Kaiser (halb stehend) bei seiner ersten Autofahrt, die 1908 in Ischl stattfand. Links neben ihm sitzt der englische König Eduard VII.© Bildarchiv Austria/ONB Der Kaiser (halb stehend) bei seiner ersten Autofahrt, die 1908 in Ischl stattfand. Links neben ihm sitzt der englische König Eduard VII.© Bildarchiv Austria/ONB

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Dokument erstellt am 2016-05-27 13:17:06
Letzte nderung am 2016-05-27 13:54:13



22. Oktober 1817
22. Oktober 1817

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