• vom 22.10.2016, 14:00 Uhr

Geschichte

Update: 23.10.2016, 12:48 Uhr

Zeitgeschichte

Fluchthilfe aus dem Äther




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (17)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Peter Pirker

  • Der amerikanische Sender "Radio Free Europe" spielte bei den Ereignissen rund um den Ungarn-Aufstand 1956 eine prominente Rolle.



Ungarische Flüchtlinge in Andau, Österreich 1956. Dieses Foto von Erich Lessing ist Teil der Ausstellung "Ungarn 56. Bilder einer Revolution" im Fotomuseum "Westlicht" (Westbahnstraße 40, 1070 Wien), die noch bis 11.11. zu sehen ist.

Ungarische Flüchtlinge in Andau, Österreich 1956.
Dieses Foto von Erich Lessing ist Teil der Ausstellung "Ungarn 56. Bilder einer Revolution" im Fotomuseum "Westlicht" (Westbahnstraße 40, 1070 Wien), die noch bis 11.11. zu sehen ist.
© Erich Lessing
Ungarische Flüchtlinge in Andau, Österreich 1956.
Dieses Foto von Erich Lessing ist Teil der Ausstellung "Ungarn 56. Bilder einer Revolution" im Fotomuseum "Westlicht" (Westbahnstraße 40, 1070 Wien), die noch bis 11.11. zu sehen ist.
© Erich Lessing

Die Flüchtlinge aus Ungarn, die am 27. November 1956 bei Andau illegal über die Grenze kamen, waren mit den Nerven am Ende. Sie schilderten den Reportern von Radio Free Europe (RFE), dass es immer schwieriger werde, Österreich zu erreichen. Auf manche hatten sowjetische Soldaten geschossen.

Gabor Tormay, ein ungarischer Journalist, und sein polnischer Kollege Jerzy Ponikiewski arbeiteten für das Wiener Büro des amerikanischen "Freiheitssenders". Seit zwei Wochen befragten sie Flüchtlinge zu den Ereignissen in Ungarn, über Fluchtwege, Grenzpatrouillen und andere Gefahren des illegalen Grenzübertritts. Viele steckten ihnen Botschaften für Angehörige über die unversehrte Ankunft in Österreich zu - und baten darum, diese auszustrahlen.

Information

Peter Pirker, Historiker und Politikwissenschafter, arbeitet am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien.

Und RFE tat in diesen bitteren Tagen nach der Niederlage der antisowjetischen Revolution noch etwas: Es unterrichtete die Ungarn über die große Hilfsbereitschaft in Österreich - davon, dass hier viele Hilfsorganisationen bereit stünden, und vor allem, dass die österreichische Regierung die Tür weit offen halte.

Graue Eminenz

Ganz wesentlich daran beteiligt war der renommierte britische Journalist George Eric Gedye, der das Wiener Büro von RFE leitete. Gedye war die graue Eminenz und eine legendäre Gestalt unter den Auslandskorrespondenten in Wien. Er hatte alle politischen Umbrüche der vergangenen 30 Jahre in Zentraleuropa hautnah miterlebt. Seine Berichte zierten die Titelseiten von "Times", "New York Times" und des "Daily Telegraph". Den Ruf des besten britischen Korrespondenten hatte sich Gedye 1939 mit seinem Weltbestseller "Fallen Bastions" erworben, einer minutiösen Schilderung, wie die Nazis in Wien und Prag an die Macht gekommen waren.

Fluchthilfe war Gedye alles andere als fremd. Seine Sekretärin und spätere zweite Frau Alice stammte aus einer Wiener jüdischen Familie. Erst durch eine Scheinehe mit dem britischen Militärattaché konnte sie Gedye begleiten, als ihn die Gestapo 1938 aus Wien verwies. Im Februar 1934 war er unterdrückten Sozialdemokraten beigestanden. Während der NS-Herrschaft kooperierte er als britischer Geheimdienstmann eng mit österreichischen Exilanten, um Widerstand zu organisieren.

Im November 1956 fanden täglich Dutzende Ungarn den Weg in sein Büro in der Lindengasse im siebenten Bezirk. Gedye orches-trierte die Recherchen seiner Mitarbeiter, redigierte deren Berichte und leitete sie nach München, in die Sendezentrale von RFE, weiter. Zugleich galt es zu verhindern, dass die österreichischen Behörden sein Büro schlossen. Denn das stand Ende November 1956 unmittelbar bevor.

Obwohl die Österreicher sehr viel leisteten, war das Land so liberal, wie RFE es darstellte, auch wieder nicht. Anfang November, als die Kämpfe zwischen sowjetischen Truppen und Aufständischen noch andauerten, wurden Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen. Aber der Enthusiasmus der ersten Hilfe verflog, als die Fluchtbewegung unvermindert in die dritte und vierte Woche ging. Auch RFE wurde vom Ausbruch der Revolution überrascht, obwohl seine ganze Energie darauf gerichtet war, die Opposition in den Ostblockstaaten zu fördern. Die Mission des Senders, der in den 1950er Jahren auch von der CIA finanziert wurde, war klar: Freiheit im liberaldemokratischen Sinne als erstrebenswerte und bessere Form des Lebens zu propagieren, die auch in Osteuropa erreicht werden kann.

Das Konzept des Senders war einfach: Die Lebensverhältnisse im Westen wurden jenen hinter dem "Eisernen Vorhang" konsequent gegenübergestellt. Als Österreich 1955 souverän wurde, präsentierte RFE Österreich den Ungarn als Vorbild: eine stabile Demokratie mit steigendem Wohlstand, sozialer Gerechtigkeit, freien Gewerkschaften. Auf dem Höhepunkt der Revolution, am 31. Oktober, glaubte RFE-Direktor Richard Condon, dass in Ungarn eine Chance für Freiheit und Neutralität nach dem österreichischen Muster bestehe. Daran habe auch RFE mitgewirkt, so Condon, indem der Sender die Revolution unterstützt habe.

Und die Neutralität?

Manches davon spielte sich in Gedyes Büro ab. So tauchte in der Nacht zum 31. Oktober ein Delegierter der Aufständischen vom Budapester Széna Platz auf und ersuchte darum, Proklamationen in ganz Ungarn auszustrahlen. RFE hatte sein Personal in Österreich massiv aufgestockt. Reporter trafen an der Grenze Aufständische, um Berichte zu übernehmen. Techniker rüsteten das Wiener Büro auf, um die lokalen Radios der Bewegung abzuhören. RFE gab ihre Inhalte unkommentiert wieder - und vervielfältigte ihre Reichweite.

Aber widersprach dies nicht der österreichischen Neutralität? Seit 1951 hatte RFE unter dem Schirm der westlichen Besatzungsmächte agiert. Nach dem Staatsvertrag musste sich der Sender mit den Österreichern arrangieren. Gedye war der richtige Mann dafür. Er kannte viele Politiker, Beamte und Journalisten in Wien persönlich. Seine heißesten Drähte führten in die SPÖ, vor allem in die Fraktion der Remigranten. Mit Oscar Pollak, dem Herausgeber der "Arbeiter-Zeitung", war Gedye eng befreundet. Bruno Kreisky lernte er bald nach dessen Rückkehr aus dem schwedischen Exil kennen.

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 2




4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-20 16:56:05
Letzte nderung am 2016-10-23 12:48:31




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Menschheit könnte aus Europa stammen
  2. Das himmlische Auge
  3. "Sternfinsternisse" und der hellste allnächtlich sichtbare Stern
  4. Nachwuchs dank Bioprinting
  5. Treibhauswärme im Permafrost
Meistkommentiert
  1. Treibhauswärme im Permafrost
  2. Das himmlische Auge
  3. Das Gehirn im Bausatz
  4. Nachwuchs dank Bioprinting
  5. Tierschützer gegen Kreuzfahrtschiffe



Werbung