• vom 19.11.2016, 12:00 Uhr

Geschichte

Update: 19.11.2016, 14:39 Uhr

Kaiser Franz Joseph

Psychogramm einer Legende




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Von Gerhard Stadler

  • Vor 100 Jahren starb Kaiser Franz Joseph I. Ein Versuch, seine Persönlichkeit, sein Umfeld und seine Entscheidungen zu verstehen.

Eine für ein Familienmitglied verfertigte Zeichnung am Totenbett des Kaisers von Franz von Matsch, Skizze, Schönbrunn, 23. November 1916. - © Archiv Stadler

Eine für ein Familienmitglied verfertigte Zeichnung am Totenbett des Kaisers von Franz von Matsch, Skizze, Schönbrunn, 23. November 1916. © Archiv Stadler



Im November 1916 herrschten überall drückende Sorgen: In der Neunten Isonzoschlacht 10000 k.u.k. Soldaten gefallen; Russlands Kampfkraft schien ungebrochen, nur am Nebenkriegsschauplatz im Südosten Erfolge; der dritte Kriegswinter brach an. Die Versorgung mit Kriegsmaterial und Lebensmitteln wurde immer schwerer. Die 5. Kriegsanleihe vom November 1916 (5½ % Zinsen, mit Tilgung bis 1956) fand nicht mehr die bisher gewohnte Abnahme, so dass die Notenpresse zur Finanzierung des Krieges verstärkt in Anspruch genommen werden musste. Die Inflation begann sich zu vervielfachen. Der Krieg dauerte weitere zwei Jahre.

Information

Gerhard Stadler, geboren 1947, Dr. jur., ist als Reiseschriftsteller und "rotweißroter Spurensucher" tätig.

Danach wurde Franz Joseph in fast allen Nachfolgestaaten der "damnatio memoriae" unterworfen, seine Denkmäler gestürzt (jüngst einige aber wieder aufgestellt), sein Name aus Inschriften herausgekratzt, nicht mehr erwähnt. Anders in Österreich: Um in der Tristesse des Kleinstaates etwas von der großen Geschichte zu zehren, blieben seine Denkmäler stehen - und sein Name auf den Straßentafeln und Gebäuden.

Aber es erfolgten kaum biographische Darstellungen oder Analysen seiner Regierung, nur Augenzeugenberichte, Passagen in Memoiren und Rechtfertigungsschriften einst hoher Würdenträger. Seine Person blieb weiter unangetastet - Negativa fanden sich nur in Erinnerungsbüchern ausländischer Diplomaten und in anonymen Veröffentlichungen. Erst ab den fünfziger Jahren begann die biographische Aufbereitung, in drei Bänden von Conte Corti bis zur neuen, fundierten Biographie von Michaela und Karl Vocelka (C.H. Beck Verlag, 2015).

Kaiser Franz Joseph als dreijähriger Knabe mit Holzsoldaten und Fahne. Lichtdruck nach einem Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller, um 1833.

Kaiser Franz Joseph als dreijähriger Knabe mit Holzsoldaten und Fahne. Lichtdruck nach einem Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller, um 1833.© Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b H. / Fotograf: Edgar Knaack. Kaiser Franz Joseph als dreijähriger Knabe mit Holzsoldaten und Fahne. Lichtdruck nach einem Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller, um 1833.© Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b H. / Fotograf: Edgar Knaack.

Kulminationspunkt der Darstellungen ist 1914, als Franz Joseph am 27. Juli durch sein "Vidi" auf dem Entwurf der ihm vom k.u.k. Außenminister Graf Berchtold vorgelegten Kriegserklärung gegen Serbien die "Urkatastrophe" des Jahrhunderts auslöste. Diese Tatsache verdunkelt die Erinnerung an ihn und seine Wertung in der Geschichte. Nach der Verfassung 1867 war es eine alleine ihm, ohne Befassung der Parlamente, zustehende Entscheidung.

Für einen Versuch, Franz Josephs Unterschrift zu verstehen, muss man bis in seine Kindheit zurückgehen: Bereits am 18. August 1830, als Erstgeborener von Erzherzog Franz Karl, war anzunehmen, dass er in der Thronfolge aufrücken würde. Und so wurde er erzogen: militärisch, streng, zum Bewusstsein seiner historischen Sendung.

Seine Mutter Sophie wollte ihn auf die Kaiserwürde vorbereiten - und diese war damals nur als absolute Macht denkbar. Inszeniert von Fürst Felix Schwarzenberg war es in Olmütz am 2. Dezember 1848 soweit, nach der Niederwerfung der Revolution durch die Generäle Windischgrätz und Jellacic. In Ungarn kam Russland zu Hilfe. Dort folgte ein Blutgericht, aufständische Generäle wurden hingerichtet - die Ungarn verziehen dies nie.

Zu bald starb der fähige Ratgeber Fürst Schwarzenberg - und Zeit seines Lebens fand Franz Joseph keinen mehr, der als Ministerpräsident (Österreichs bzw. Ungarns) oder als gemeinsamer Außenminister die Zeichen der Zeit erkennen und als Stratege auch eine Taktik für deren Lösung entwickeln und durchsetzen konnte. Österreich fehlte ein Staatsmann, mit dem Franz Joseph gemeinsam Reformen planen und umsetzen hätte können.

Preußen hatte Bismarck, Piemont Cavour - und beide konnten ihre Überlegenheit nützen, in Verhandlungen wie auf dem Schlachtfeld; Österreich ließ sich in Kriege hineinmanövrieren und büßte dies mit dem Verlust Lombardo-Venetiens bzw. dem Vorrang in Deutschland.

Immerhin beendeten 1867 die Staatsgrundgesetze die Verfassungsexperimente der fünfziger Jahre. Doch dies um den Preis des Ausgleichs mit Ungarn mit der Reduktion auf gemeinsame Angelegenheiten, in denen für einen Beschluss (etwa für das Budget, in Wehrfragen) jährlich die Zustimmung beider notwendig war. Fortan gab es rechtlich zwei Staaten, durch die Person des Kaisers bzw. Königs verbunden. Schon auf Grund seiner Familiengeschichte fühlte Franz Joseph mehr deutsch als ungarisch oder slawisch; seine Aufenthalte in Ungarn waren selten. Der Dualismus war bis zum Ende der Monarchie der Hemmschuh der Entwicklung, wobei die Ungarn taktisch geschickter waren.

Das Nationalitätenproblem war das schwierigste der Donaumonarchie. 1910 hatten 23,5 Prozent der Bevölkerung die deutsche Umgangs- bzw. Muttersprache, 19,5 Prozent ungarisch, 3 Prozent italienisch, 34,5 nord- und 13 Prozent südslawische Sprachen. De jure hatten aber die Deutschen bzw. Ungarn jeweils das Primat - gegenüber 47,5 Prozent Slawen. Immer wenn es in Österreich Versuche zu einem Trialismus zugunsten der Slawen gab, waren nicht nur die Deutschen dagegen, sondern auch die Ungarn - da deren Realisierung auch zu Folgen in Ungarn geführt hätte. Ähnlich war es mit dem Wahlrecht, bei dem der Kaiser immerhin 1907 für Österreich das gleiche Wahlrecht aller Männer sanktionieren konnte.

Der Mythos

Franz Joseph blieb bis zu seinem Tode unantastbar und verehrt, ungeachtet der sozialen Verschlechterungen der landwirtschaftlichen und Industrie-Arbeiterschaft. Ein Grund war seine persönliche Integrität, ein anderer der Glaube an das "Gottesgnadentum", ein dritter die "Medienstrategie", die seine Regierungen verfolgten und in den Jubiläumsjahren 1898 und 1908 mit zahllosen Huldigungsakten und öffentlichen Bauten ihre Höhepunkte fand. Der ferne Kaiser bzw. König war in jedem Dorf präsent: In jeder Amtsstube und Schulklasse hing sein Bild, jede Briefmarke, Münze trug sein Konterfei, jeder Amtsträger, jeder Soldat war auf ihn vereidigt.


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Dokument erstellt am 2016-11-17 16:59:16
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23. Oktober 1817
23. Oktober 1817

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