• vom 25.03.2017, 06:01 Uhr

Geschichte


Zeitgeschichte

Beginn einer Erfolgsgeschichte




  • Artikel
  • Video
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Rolf Steininger

  • Vor 60 Jahren wurde in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet.

Im Palazzo Senatorio wurden am 25. März 1957 die "Römischen Verträge" unterzeichnet (u.a. von Konrad Adenauer, 5. v.l. i.d. 1. Reihe). - © Ullstein-Bild (nachträglich koloriert).

Im Palazzo Senatorio wurden am 25. März 1957 die "Römischen Verträge" unterzeichnet (u.a. von Konrad Adenauer, 5. v.l. i.d. 1. Reihe). © Ullstein-Bild (nachträglich koloriert).



"Die ganze Sache geschah in Rom. Wir standen unter Zeitdruck, und es gab ein gewisses Durcheinander. Als um 16 Uhr alles zur Unterzeichnung bereit war, herrschte eine Stimmung, die einem wirklich zu Herzen gehen konnte. Natürlich war ausgesprochen schlechtes Wetter, und es regnete in Strömen, als plötzlich von allen Kirchtürmen Roms die Glocken erklangen. Die ganze Stadt war von diesem Läuten erfüllt, die Menschen versammelten sich auf den Straßen oder saßen dicht gedrängt vor den Fernsehapparaten in den Gasthäusern."

Der Schuman-Plan

So schildert ein Augenzeuge aus Luxemburg jenes Ereignis am 25. März 1957, als die Vertreter Frankreichs, Italiens, Belgiens, Luxemburgs, der Niederlande und der Bundesrepublik Deutschland den Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) unterzeichneten. An jenem denkwürdigen Tag, einem Montag, begann eine Erfolgsgeschichte, die nach 60 Jahren wieder in Frage gestellt wird: Das vereinigte Europa steht vor seiner bisher größten Bewährungsprobe.

Information

Rolf Steininger, geboren 1942, ist Em. o. Univ.-Prof. und war von 1984 bis 2010 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck.

Ausgangspunkt war der Zweite Weltkrieg und die damit verbundene Frage, wie Europa und die Welt vor einer erneuten deutschen Aggression bewahrt werden konnten. Nach der Teilung Deutschlands 1949 lautete die Antwort: Kontrolle und Sicherheit vor Deutschland durch Integra-
tion von Deutschland. Im State Department in Washington hieß es damals: "Wenn es keinen Grund für die Einigung Europas gäbe, Europa würde sie dennoch benötigen, um mit dem deutschen Pro-blem fertig zu werden."

Den entscheidenden Schritt machte Frankreich: Am 9. Mai 1950 schlug Außenminister Robert Schuman vor, "die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion unter eine gemeinsame Oberste Aufsichtsbehörde zu stellen." Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer war kurz zuvor informiert worden und hatte vorbehaltlos zugestimmt. Der amerikanische Außenminister Dean Acheson bezeichnete den Plan als einen bedeutenden Beitrag zur Lösung der dringenden politischen und wirtschaftlichen Probleme Europas - und das waren in erster Linie die deutsch-französische Aussöhnung und die Einbeziehung der Bundesrepublik in ein vereinigtes Europa.

Die Initiative der französischen Regierung führte schließlich im April 1951 zur Unterzeichnung des Vertrages über die Gründung der "Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl" (EGKS) zwischen Frankreich, der Bundesrepublik, den Beneluxstaaten und Italien.

Parallel zu den Schumanplan-Verhandlungen einigten sich die beteiligten Europäer auf die Bildung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), eine Art "Schumanplan auf dem Verteidigungssektor". Im Mai 1952 wurden die entsprechenden Pläne unterzeichnet. Sie sahen den Aufbau einer europäischen Armee vor, aber eben auch eine politische Gemeinschaft, ein entscheidender Schritt hin zur Integration Europas. Am 30. August 1954 scheiterte dieses Projekt am Votum der französischen Nationalversammlung. Adenauer sprach damals von einem "schwarzen Tag für Europa".

Dass der Gedanke einer europäischen Integration aber wieder aufgegriffen wurde, hing auch mit der Sorge der Benelux-Länder und Italiens über die Pläne zur deutsch-französischen Annäherung zusammen. Um dieser "Sonderentwicklung" vorzubeugen, begann die Suche nach Einigungsprojekten, die ohne großen Widerstand durchgesetzt werden konnten und geeignet waren, die Lähmung des Integrationsprozesses zu überwinden.

Konferenz in Messina

Hierzu bot sich die Erweiterung der Befugnisse der EGKS auf die Energiebereiche Gas, Elektrizität und Atom, sowie auf die Verkehrspolitik an. Hinter dieser Initiative stand der "Vater der europäischen Integration" und der eigentliche Schöpfer des Schuman-Plans, der Franzose Jean Monnet, der seine neue Einigungsinitiative dem belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak vortrug.

Spaak wurde dann so etwas wie der spiritus rector der neuen Integrationsbewegung. Er initiierte Anfang Juni 1955 eine Konferenz in Messina, die zur entscheidenden Wende in der Geschichte des europäischen Aufbauwerks wurde. Die Minister beauftragten Spaak, die weiteren Beratungen zu koordinieren. Spaak sagte zum Abschluss der Konferenz: "Wir haben ein neues Verfahren eingeführt, das zwar nicht vollkommen ist, das uns aber Mut gibt und das man als neuen Anlauf zum Aufbau Europas werten kann."

Der von Spaak geleitete Ausschuss legte im April 1956 einen Bericht vor, in dem Mittel und Wege zur Schaffung eines gemeinsamen Marktes aufgezeigt wurden. Der liberal-wirtschaftlich denkende deutsche Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard war darüber nicht gerade begeistert. Für ihn war der gemeinsame Markt als eine Zollunion "volkswirtschaftlicher Unsinn". Die exportabhängige Bundesrepublik erhoffte sich eine Freihandelszone, deren Errichtung die Briten im Herbst 1956 vorschlugen.

Suez-Krieg und Ungarn

Erhard musste sich aber von Adenauer belehren lassen, worum es bei der europäischen Integration ging: sie sei das notwendige "Sprungbrett" für die Bundesrepublik, "um überhaupt wieder in die Außenpolitik zu kommen". Und außerdem: "Europäische Integration ist auch um Europas willen und damit um unsretwillen notwendig." Sie sei vor allem deshalb notwendig, weil die Vereinigten Staaten sie als Ausgangspunkt ihrer Europapolitik betrachteten, "und weil ich genau wie Sie die Hilfe der Vereinigten Staaten als absolut notwendig für uns betrachte".

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 3





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-23 16:09:20
Letzte Änderung am 2017-03-24 19:54:57



18. Oktober 1817
18. Oktober 1817

Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Klimawandel bringt Konflikte
  2. Chemie-Nobelpreis für Kryo-Elektronenmikroskopie
  3. Umweltwächter im All
  4. Chinesisches Raumlabor stürzt "bald" ab
  5. Forscher beobachten "Kilonova"
Meistkommentiert
  1. Im Sand verlaufen
  2. Schmarotzer mit Feuerkraft
  3. Am Gängelband der Gestapo
  4. Hirse für die Welternährung
  5. Hatschi!



Werbung


Werbung