• vom 01.04.2017, 14:00 Uhr

Geschichte


Zeitgeschichte

Der gescheiterte Intellektuelle




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Von Gerhard Strejcek

  • US-Präsident Woodrow Wilson, der am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg erklärte, verfügte über keine außenpolitische Erfahrung - und war auch innenpolitisch wenig erfolgreich.

Präsident Wilson beim Besuch eines US-Army-Camps 1917. - © Universal History Archive/Getty Images

Präsident Wilson beim Besuch eines US-Army-Camps 1917. © Universal History Archive/Getty Images

Am 6. April 1917 erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg und beendeten damit offi-ziell eine Phase der Neutralität, die sie fast drei Jahre lang durchgehalten hatten. Gegenüber der k.u.k. Monarchie trat die schon damals militärisch bedeutendste Weltmacht erst im Dezember 1917 in den Krieg ein, da es abgesehen von Bündnisverpflichtungen keinen hinreichenden Grund oder Interessenkonflikt gab.

Zunächst hatten die Amerikaner nur 150.000 Soldaten unter Waffen, aber im Juni 1918 standen bereits eine Million der neu eingezogenen Armeeangehörigen in Europa und entschieden den Kampf an der Westfront. Für viele Deutsche, selbst für Demokraten in der Weimarer Republik, geriet Wilson zur Unperson. Als im Februar 1924 Staatstrauer nach dem Tod des Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers herrschte, wollte Gustav Stresemann den deutschen Botschafter in Washington anweisen, die Fahne nicht auf Halbmast zu setzen, was prompt zu einer Verstimmung führte.

Information

Literatur:

Manfred Berg: Woodrow Wilson. Amerika und die Neuordnung der Welt. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2017, 227 Seiten mit 17 Abb., 17,50 Euro.

Gerhard Strejcek, geboren 1963 in Wien, ist Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Unperson in Deutschland

In den USA wegen seiner pazifistischen Züge, der Initiierung des (letztlich gescheiterten) Völkerbundgedankens und der Einführung des Frauenwahlrechts bis heute angesehen, blieb Wilson, der 1919 den vom Kongress nie ratifizierten Vertrag von Versailles unterfertigte, in deutschen Landen eine Unperson. Aus heutiger Sicht müssen er und seine Politik aber differenziert betrachtet werden. In wirtschaftlicher Hinsicht hatten sich die USA nie neutral im engeren Sinn verhalten.

Briten und Franzosen hatten seit dem Kriegsbeginn im August 1914 ihren Überseehandel intensiviert, Waffen, Rohstoffe und Nahrung importiert, Anleihen begeben und Exporterlöse aufgerechnet, wogegen die Mittelmächte keinen maßgeblichen Austausch mehr mit Wilsons Amerika pflegten. Valorisiert man die zwischen Frankreich, Großbritannien und den USA im Weltkrieg umgesetzten Warenumsätze, so handelte es sich um ein Handelsvolumen von (heutigen) 156 Mrd. Euro.

Auch die militärische Neutralität stand auf schwachen Füßen, hätte diese doch ein Waffenembargo an alle kriegführenden Mächte begründen müssen. Doch Wilson pochte auf den Grundgedanken, dass auch in Kriegszeiten Handel mit Europa zulässig sein müsse, sofern die kriegführenden Partner theoretisch (aber nicht praktisch) gleich behandelt würden, was eine juristische Spitzfindigkeit war.

Besondere Empörung rief die Gegensätzlichkeit hervor, mit der Wilson bis 1917 sanfte Signale sandte und trotz Anerkennung des Prinzips nationaler Selbstbestimmung die Integrität der Mittelmächte anerkannte. Mehrfach tat er kund (lebte er heute, würde er wohl "twittern"), dass die Zerschlagung der k.u.k. Monarchie nicht im Interesse der USA stünde. Als Kriegsziel im Reich galt die Beendigung der militaristischen Herrschaft, aber weder das Ende der Hohenzollern noch die Demütigung der deutschen Bevölkerung. Doch es sollte anders kommen.

Der Wilson’sche Abgrund zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Politik zeigte sich auch in der amerikanischen Innenpolitik. Im Wahlkampf 1912 hatte der einstige Gouverneur mit vagen Aussagen die afroamerikanischen Wähler auf seine Seite gebracht, die sich von Wilson als "Gentleman" eine Phase der Gleichberechtigung erwarteten. Tatsächlich aber setzte der Präsident konsequent auf Rassentrennung in den Bundesbehörden.

Über Wilsons moralische Inte-grität kamen Zweifel auf, als er sich ein Jahr nach dem Verlust seiner Gattin Ellen Axson im August 1914 mitten im Krieg wieder verheiratete. Afroamerikanische Aktivisten empörten sich darüber, dass er sie nicht mehr empfangen wollte. In dieser Phase konnte eine Ablenkung auf außenpolitische Konflikte nutzbringend sein.

Der lange Schatten des Rassismus-Vorwurfs holte Wilson postum erst 2015 ein. Der 1856 in Virginia geborene Staatstheoretiker ("Constitutional Government") und historisch interessierte Gelehrte, der als junger Dozent in Bryn Mawr gelehrt hatte und ab Juni 1902 acht Jahre als Präsident (einem Rektor vergleichbar) an der Spitze der Eliteuniversität Princeton (New Jersey) gestanden war, verlor den Status des allseits verehrten Alumnus.

Die Woodrow Wilson School of Public and Administrative Sciences und das Wilson College blieben zwar nach ihm benannt, doch vor zwei Jahren hängte die Universitätsleitung schließlich nach Protesten von Hochschülerschafts-Organisationen ein Großporträt des umstrittenen Präsidenten aus der Mensa ab und begann die Rolle ihres Mentors zu hinterfragen. Nach Befassung des Boards scheiterte ein Versuch, die postgraduale Schule und das College umzubenennen. Wilson blieb der bestimmende und umstrittene Namensgeber vor Ort. Aus Manfred Bergs soeben erschienener Biographie wird erkennbar, dass Wilson keine außenpolitische Erfahrung und nur marginale Kenntnisse vom Ausland hatte.

Den Intellektuellen aus den Reihen der Demokraten begleitete der Nimbus des gebildeten, abwägenden Staatsmannes, doch erwies er sich gegenüber Beratern wie Edward House als eigensinnig. Als Wilson nach seinem Wahlsieg das prestigeträchtige Amt 1912 antrat, wollte er sich auf die Innenpolitik konzentrieren. Tatsächlich aber musste sich kaum ein US-Präsident stärker in der Außenpolitik bewähren als der dafür schlecht vorbereitete Büchermensch Wilson.


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Dokument erstellt am 2017-03-31 13:36:11
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23. Oktober 1817
23. Oktober 1817

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